{"id":904,"date":"2026-04-18T10:18:21","date_gmt":"2026-04-18T10:18:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/904\/"},"modified":"2026-04-18T10:18:21","modified_gmt":"2026-04-18T10:18:21","slug":"guinea-bissau-westafrika-die-muetze-von-amilcar-cabral","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/904\/","title":{"rendered":"Guinea-Bissau \u2013 Westafrika: Die M\u00fctze von Amilcar Cabral"},"content":{"rendered":"<p>\t\t\t\t\t\t<img decoding=\"async\" id=\"img320225\" src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/320225.jpeg\" alt=\"Gem\u00e4lde des Guerillos Amilcar Cabral (1924\u20131973) mit Sumbia-M\u00fctze in der Hauptstadt Bissau\"\/><\/p>\n<p>Gem\u00e4lde des Guerillos Amilcar Cabral (1924\u20131973) mit Sumbia-M\u00fctze in der Hauptstadt Bissau<\/p>\n<p>Foto: afp\/JOHN WESSELS<\/p>\n<p>Steigt man in Bissau in ein Toka-Toka, einen der gelb-blauen Minibusse, die die Hauptverkehrsader der Hauptstadt hinunterfahren, wird man beim Blick aus dem Fenster bei den vorbeiziehenden Menschen eine Sache zweifellos immer wieder sehen: eine gestrickte Wollm\u00fctze mit Streifen und Zickzackmuster und kr\u00f6nender Bommel.<\/p>\n<p>Bei ganzj\u00e4hriger Durchschnittstemperatur von rund 30\u2005Grad fragen sich Besucher*innen von au\u00dferhalb m\u00f6glicherweise, wieso. Die Antwort ist wie so oft vielschichtig. Doch wenn gegen Ende der Fahrt der Bus hinter dem Parlamentsgeb\u00e4ude rechts abbiegt, bietet sich ein erster Hinweis: \u00dcberlebensgro\u00df ist hier auf eine H\u00e4userwand, vor einem abstrakten Hintergrund, das Gesicht eines Mannes gemalt. Auf seinem Kopf ebenjene M\u00fctze.<\/p>\n<p>Gro\u00dfe M\u00e4nner tragen M\u00fctze<\/p>\n<p>Der Mann hei\u00dft Am\u00edlcar Cabral und ist ein bedeutender panafrikanischer Intellektueller sowie Agrarwissenschaftler des 20.\u2005Jahrhunderts und die zentrale Figur im Kampf um die Unabh\u00e4ngigkeit Guinea-Bissaus vom portugiesischen Kolonialismus.<\/p>\n<p>Die M\u00fctze wird \u00bbSumbia\u00ab oder \u00bbSumbia Cabrals\u00ab genannt. \u00bbSumbias werden in Guinea-Bissau traditionell vor allem von M\u00e4nnern ab einem gewissen Alter oder nach einer erfolgten rituellen Initiierung in die Gesellschaft getragen\u00ab, erkl\u00e4rt Anthropologe und Historiker Jo\u00e3o Paulo Pinto C\u00f3. Daf\u00fcr gebe es verschiedene Arten von M\u00fctzen oder Kopfbedeckungen je nach Kontext, ethnischer Zugeh\u00f6rigkeit und Region. Auch die schwarz-wei\u00dfe Sumbia, die allgemein mit Cabral assoziiert wird, kommt hier zum Einsatz.<\/p>\n<p>Alle k\u00f6nnen sich auf die Figur Cabral einigen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Auch wenn Cabral sicher nicht der erste Tr\u00e4ger einer solchen M\u00fctze in Guinea-Bissau gewesen sei, habe sie durch ihn zweifelsohne deutlich an Bedeutung und Verbreitung gewonnen, so C\u00f3. \u00bbAuf diese Weise wurde diese Sumbia zu einem Symbol des Widerstandes, des Panafrikanismus, der Negritude und zu einem nationalen Symbol.\u00ab Wie aber kam Cabral zu der M\u00fctze?<\/p>\n<p>Hierzu kursieren mehrere Versionen. \u00bbMan erz\u00e4hlt sich, dass Cabral sie w\u00e4hrend des Besuches in einem Dorf im Inland erhielt. Er war unterwegs, um die diverse Bev\u00f6lkerung innerhalb dieser kolonialen Grenzen von der Notwendigkeit zu \u00fcberzeugen, gegen das portugiesische Kolonialsystem zu rebellieren\u00ab, erkl\u00e4rt C\u00f3. Nach der Schulzeit auf den Kapverden und dem Studium in Portugal war der in Guinea-Bissau geborene Sohn kapverdischer Eltern in seinem Geburtsland mit der Erstellung einer nationalen landwirtschaftlichen Studie beauftragt worden. Die damit verbundenen umfangreichen Reisen durch das Land lie\u00dfen ihn ein tieferes Verst\u00e4ndnis \u00fcber die regionalen Gegebenheiten und die Lebensrealit\u00e4ten der Menschen gewinnen, was schlie\u00dflich auch in die Organisierung des Widerstands mit einflie\u00dfen sollte.<\/p>\n<p>C\u00f3 erz\u00e4hlt weiter: \u00bbEin Herr in der Runde, der Cabral zuh\u00f6rte, erkannte in diesem das Bewusstsein und die Gr\u00f6\u00dfe eines weisen, respektablen Mannes. Also nahm er in einer Geste des Respekts seine M\u00fctze ab und setzte sie Cabral auf.\u00ab<\/p>\n<p>Es gebe aber auch eine andere Version, nach der Cabral die M\u00fctze bei einer Reise nach Europa als Geschenk erhalten habe. Wie auch immer sie letztendlich in seine H\u00e4nde fiel: Cabral ohne Sumbia, das ist wahrscheinlich in etwa so wie Che Guevara ohne Hut mit Stern oder Thomas Sankara ohne seine rote Milit\u00e4rkappe. Im Supermarkt w\u00fcrde man glatt an ihnen vorbeilaufen.<\/p>\n<p>Die Vipernm\u00fctze der Arbeiterklasse<\/p>\n<p>Eine Sumbia im Stile Cabrals, die man heute in Bissau kaufen kann, kommt mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit aus Tschechien. Die Firma Tonak dort ist nach eigenen Angaben Hauptexporteur des Produktes f\u00fcr den afrikanischen Markt.<\/p>\n<p>Die M\u00fctze existiert in einer Vielzahl von Paralleluniversen. In Tschechien selbst hei\u00dft sie \u00bbZmijovka\u00ab. Hier ist sie vor allem als Kopfbedeckung von Arbeitern in l\u00e4ndlichen Gebieten bekannt, besonders assoziiert mit Fleischern, erz\u00e4hlt Pavla Toma\u0161t\u00edkov\u00e1, Marketingspezialistin von Tonak. Somit entwickelte sich die Zmijovka neben einem praktischen Schutz vor der K\u00e4lte auch zu einem Identifikationssymbol der Arbeiterklasse. Der Name leitet sich von dem Wort Zmije ab, tschechisch f\u00fcr Viper, was sich in diesem Fall auf das Zickzack-Muster bezieht, das sich um die Krempe schl\u00e4ngelt.<\/p>\n<p>Auch in der Slowakei ist die M\u00fctze bekannt. Unter dem Namen \u00bbBudajka\u00ab \u2013 nach J\u00e1n Budaj, dem slowakischen Dissidenten und Umweltaktivisten \u2013 erlebte das Kleidungsst\u00fcck hier in den 80er und 90er Jahren quasi seinen ganz eigenen Cabral-Effekt.<\/p>\n<p>Wie genau und wann die Handelsbeziehung zwischen Tonak und dem westafrikanischen Markt zustande kam, kann Toma\u0161t\u00edkov\u00e1 nicht beantworten. J\u00e4hrlich w\u00fcrden jedoch 200\u2009000 Exemplare nach Westafrika exportiert, l\u00e4sst sie wissen. <br \/>Anlandepunkt in Westafrika ist in der Regel Dakar. Auch im Senegal wird die M\u00fctze getragen. Hier wurde sie neben dem panafrikanischen Symbolismus durch Cabral vor allem durch religi\u00f6se muridische F\u00fchrer popul\u00e4r gemacht. F\u00fcr Pavla Toma\u0161t\u00edkov\u00e1 zeigt all das, \u00bbdass auch traditionelle Produkte einen Platz in einer globalen Welt finden und Menschen \u00fcber verschiedene Regionen hinweg verbinden k\u00f6nnen\u00ab.<\/p>\n<p>Geplatzte Ideale<\/p>\n<p>Eine Landstra\u00dfe nach Bo\u00e9 im Osten des Landes. Vorbei an den W\u00e4ldern, in denen sich in den 60er Jahren der Guerillakrieg f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit abspielte, f\u00e4hrt ein \u00e4lterer Mann auf seinem Fahrrad. Er tr\u00e4gt eine rote Sumbia. \u00bbIch trage die M\u00fctze vor allem als Muslim, der seinen Kopf zu bedecken wei\u00df\u00ab, erkl\u00e4rt Bubacar Camar\u00e1 seine Intention. Gefragt nach Cabral, sagt er, noch immer radelnd: \u00bbMit der Partei bin ich heute nicht einverstanden, aber Cabral hat das Land befreit, kein Zweifel.\u00ab<\/p>\n<p>Zwei Motorradstunden weiter gelangt man an einen Fluss, den man, samt Motorrad, in einem Kanu-Shuttle \u00fcberqueren kann. Nun ist man schon im Umland von Bo\u00e9. Hier wurde 1973, nach \u00fcber zehn Jahren Krieg, die Unabh\u00e4ngigkeit ausgerufen. Es sollte noch einige Monate und die Nelkenrevolution in Portugal brauchen, bis diese 1974 von portugiesischer Seite anerkannt wurde.<\/p>\n<p>Nach dem Dorf Tchetch\u00e9 werden es weniger H\u00e4user. Aber eines, das hier steht, ist das von Mamassaliu Bari. Auch er hat eine Sumbia im Haus. \u00bbNat\u00fcrlich\u00ab, sagt der Familienvater. Vor allem bei der Arbeit auf dem Feld erweise sie sich als n\u00fctzlich. Er selbst sei w\u00e4hrend des Unabh\u00e4ngigkeitskrieges noch ein Kind gewesen, erz\u00e4hlt er. Die Familie habe nach Gab\u00fa fliehen m\u00fcssen. Die Zeit sei damals nicht leicht gewesen. Aber er ist stolz auf die Rolle, die seine Heimatregion in der nationalen Geschichte gespielt hat, sagt Bari. \u00bbBis heute kommen die Politiker zu Besuch, wenn sie etwas Wichtiges zu verk\u00fcnden haben.\u00ab<\/p>\n<p>Am\u00edlcar Cabral erlebte die Unabh\u00e4ngigkeit Guinea-Bissaus nicht mehr. 1973 wurde er von einigen seiner Mitstreiter get\u00f6tet. Heute, rund sechs Jahrzehnte nach der Ermahnung Cabrals an seine Weggef\u00e4hrten, \u00bbErz\u00e4hlt keine L\u00fcgen. (\u2026) Beansprucht keine leichten Siege\u00ab, ist die politische Vision eines freien und fairen Staates nach verbreiteter Bewertung gescheitert. Korruption und Klientelismus sind allgegenw\u00e4rtig, die politischen Verh\u00e4ltnisse instabil. \u00dcber die vergangenen Jahrzehnte hinweg wurden politische Institutionen geschw\u00e4cht oder lahmgelegt, es gab mehrere versuchte und gar gegl\u00fcckte Staatsstreiche. Seit dem letzten Putsch im November 2025 ist eine Milit\u00e4rregierung an der Macht.<\/p>\n<p>Die Desillusionierung sei gro\u00df, sagt auch C\u00f3. \u00bbIm Bereich der Politik und der gesellschaftlichen \u00d6ffentlichkeit passiert heute vieles, wogegen Cabral gek\u00e4mpft hat.\u00ab Der Kampf sei zudem nicht vorbei, meint er. Noch immer sei das Land etwa wirtschaftlich abh\u00e4ngig. Noch immer m\u00fcssten sich Afrikaner*innen in einer rassistischen Welt behaupten.<\/p>\n<p>In j\u00fcngerer Vergangenheit hat die Sumbia Cabrals durch den Oppositionsf\u00fchrer und PAIGC-Vorsitzenden Domingos Sim\u00f5es Pereira eine gewisse Renaissance auf der politischen B\u00fchne erlebt. \u00bbDie Sumbia symbolisiert nat\u00fcrlich eine gewisse Vision f\u00fcr die Gestaltung des Staates\u00ab, erl\u00e4utert dazu C\u00f3. \u00bbWenn sie von politischen Pers\u00f6nlichkeiten eingesetzt wird, kann sie aber auch zu einem Mittel der Einflussnahme auf die W\u00e4hler werden.\u00ab<\/p>\n<p>Jedoch sei die Gleichung auch nicht automatisch Sumbia gleich PAIGC, sagt C\u00f3. Die Person Am\u00edlcar Cabral \u00fcberrage seine Funktion als Gr\u00fcnder und Leader der Partei. Die \u00bbPartido Africano para a Independ\u00eancia da Guin\u00e9 e Cabo Verde\u00ab ist aus der antikolonialen Befreiungsbewegung hervorgegangen. \u00bbAlle sp\u00e4teren Gr\u00fcnder neuer politischer Parteien sind zudem selbst in der ein oder anderen Form aus der ehemaligen Einheitspartei PAIGC hervorgegangen\u00ab, sagt der Historiker. \u00bbSie m\u00f6gen vielleicht die PAIGC kritisieren, aber sie alle k\u00f6nnen sich auf die Figur Cabral einigen.\u00ab<\/p>\n<p>Identit\u00e4t und Mode<\/p>\n<p>Designer Alfa Cant\u00e9 sitzt in seinem Laden im Zentrum von Bissau, zwei Blocks vom Parlament entfernt. Sein Outfit in strahlendem Wei\u00df hebt sich deutlich ab von dem Meer an Farben, das sich \u00fcber die Regale und Kleiderstangen erstreckt. F\u00fcr Cant\u00e9 ist die Sumbia Cabrals ein echter Klassiker. \u00bbEin Befreiungssymbol\u00ab, nennt er sie. Er trage sie selbst h\u00e4ufig. \u00bbUnd besonders, wenn ich nach Europa reise\u00ab, f\u00fcgt er halb im Scherz hinzu. Sonst sei die K\u00e4lte dort ja kaum auszuhalten.<\/p>\n<p>Kann man bei der Sumbia von Mode sprechen? \u00bbNat\u00fcrlich ist es ein Kleidungsst\u00fcck\u00ab, so der Modemacher. \u00bbAber es ist auch viel mehr als das.\u00ab Dann \u00fcberlegt er einen Moment. \u00bbVielleicht\u00ab, sagt er, \u00bbkann ich das ja mit meiner n\u00e4chsten Kollektion kombinieren.\u00ab Models mit Sumbia auf dem Laufsteg. Die Idee scheint ihm zugefallen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Gem\u00e4lde des Guerillos Amilcar Cabral (1924\u20131973) mit Sumbia-M\u00fctze in der Hauptstadt Bissau Foto: afp\/JOHN WESSELS Steigt man in&hellip;\n","protected":false},"author":2,"featured_media":905,"comment_status":"","ping_status":"","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[238],"tags":[328,761,762],"class_list":{"0":"post-904","1":"post","2":"type-post","3":"status-publish","4":"format-standard","5":"has-post-thumbnail","7":"category-guinea","8":"tag-guinea","9":"tag-portugal","10":"tag-tschechien"},"share_on_mastodon":{"url":"","error":""},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/904","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=904"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/904\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media\/905"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=904"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=904"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=904"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}