{"id":9514,"date":"2026-04-24T23:55:35","date_gmt":"2026-04-24T23:55:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/9514\/"},"modified":"2026-04-24T23:55:35","modified_gmt":"2026-04-24T23:55:35","slug":"restitution-der-benin-bronzen-raubkunst-aus-der-kolonialzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/9514\/","title":{"rendered":"Restitution der Benin-Bronzen: Raubkunst aus der Kolonialzeit"},"content":{"rendered":"<p>Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock \u00fcbergab 20 der historischen Kunstsch\u00e4tze im Rahmen einer Zeremonie in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. Dort sollten die Objekte in einem neuen Museum ausgestellt werden, an dessen Bau sich Deutschland beteiligen will. Doch Nigeria hat nun offenbar andere Pl\u00e4ne.<\/p>\n<p>&#8222;Benin-Bronzen&#8220; ist ein Sammelbegriff f\u00fcr Kunstwerke, die sich bis 1897 als Schmuck am Palast des K\u00f6nigreichs Benin in der Stadt Benin befunden haben. Heute sind sie auf der ganzen Welt verteilt, vor allem in Europa und in den USA. Viele sollen nun aber zur\u00fcckgegeben werden.<\/p>\n<p>Die Reliefs, Plastiken und Tafeln geben verschiedenste Motive wieder: Menschen und Tiere, Ahnendarstellungen, Gebrauchs- und Ritualgegenst\u00e4nde, manchmal zwei-, manchmal dreidimensional. Sie hingen an den W\u00e4nden des Palastes, innen wie au\u00dfen, schm\u00fcckten aber auch Ahnenschreine. <\/p>\n<p>Insgesamt sollten diese Arbeiten, die zum Teil schon im 16. Jahrhundert entstanden, den Oba, das politische und geistige Oberhaupt des K\u00f6nigreichs, aber auch die K\u00f6nigsm\u00fctter ehren. Damit sind die Benin-Bronzen auch Zeugnisse der jahrhundertealten Entwicklung der Kultur dieser Region und ihrer Menschen. <\/p>\n<p>Der Begriff &#8222;Bronzen&#8220; ist allerdings etwas irref\u00fchrend. Manche der mehreren Tausend bekannten Objekte wurden auch aus oder mit Holz, Textilien, Leder und anderen Metallen gefertigt.<\/p>\n<p>Das h\u00e4ngt mit der Kolonialzeit und dem imperialistischen Willen europ\u00e4ischer Staaten zusammen, viele L\u00e4nder auf der Welt politisch zu unterwerfen und wirtschaftlich auszubeuten. Offiziell, um dort den Sklavenhandel zu beenden, stellten die Briten 1897 eine sogenannte Strafexpedition zusammen. Die hoch bewaffneten Truppen eroberten das K\u00f6nigreich Benin, verw\u00fcsteten die Hauptstadt und pl\u00fcnderten den Palast. Dabei wurden auch mehrere Tausend Benin-Bronzen gestohlen und nach Europa verschifft.<\/p>\n<p>Dort kaufte beispielsweise der britische Sammler William D. Webster systematisch Kulturg\u00fcter aus Benin auf, um sie unter anderem an das V\u00f6lkerkundemuseum in Berlin weiterzuverkaufen. Auch andere deutsche Privatsammler und Museen erwarben zu Beginn des 20. Jahrhunderts Benin-Bronzen. Ein Bewusstsein daf\u00fcr, dass es sich offenbar um Raubgut handelte, gab es nicht.<\/p>\n<p>                Verschiedene afrikanische L\u00e4nder fordern sp\u00e4testens seit den 1960er-Jahren die R\u00fcckgabe der Kulturg\u00fcter, die ihrer Bev\u00f6lkerung in der Kolonialzeit gestohlen worden sind. Die entsprechenden Anfragen wurden, <a title=\"Link auf: B\u00e9n\u00e9dicte Savoy: &quot;Afrikas Kampf um seine Kunst&quot; - Ein Gespenst namens Restitution\" href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/benedicte-savoy-afrikas-kampf-um-seine-kunst-ein-gespenst-100.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">wie die Kunsthistorikerin B\u00e9n\u00e9dicte Savoy recherchiert hat<\/a>, entweder mit fadenscheinigen Begr\u00fcndungen abgelehnt oder gar nicht erst beantwortet.<\/p>\n<p>                Der franz\u00f6sische Staatspr\u00e4sident Emmanuel Macron hat <a title=\"Link auf: Felwine Sarr, B\u00e9n\u00e9dicte Savoy: &quot;Zur\u00fcckgeben&quot; - F\u00fcr eine neue Beziehungsethik zwischen Nord und S\u00fcd\" href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/felwine-sarr-benedicte-savoy-zurueckgeben-fuer-eine-neue-100.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Savoy und den senegalesischen Soziologen Felwine Sarr im M\u00e4rz 2018 beauftragt, in einem Bericht<\/a> die M\u00f6glichkeiten zu untersuchen, Kulturg\u00fcter aus der Kolonialzeit aus franz\u00f6sischen Museen in afrikanische L\u00e4nder zur\u00fcckzugeben. Die beiden Wissenschaftler sollten daf\u00fcr zudem Kriterien entwickeln: Was geh\u00f6rt zur\u00fcck \u2013 was kann bleiben, weil es zum Beispiel speziell f\u00fcr den europ\u00e4ischen Kunstmarkt hergestellt und hierhin rechtm\u00e4\u00dfig verkauft worden ist?<\/p>\n<p>                Macron hatte vorher in einer <a title=\"Link auf: Restitutionsgesetz - Frankreich gibt Kunst an Benin und Senegal zur\u00fcck\" href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/restitutionsgesetz-frankreich-gibt-kunst-an-benin-und-100.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Grundsatzrede in Burkina Faso<\/a> gesagt: &#8222;Ich geh\u00f6re einer Generation von Franzosen an, f\u00fcr die die Verbrechen der europ\u00e4ischen Kolonialisierung unbestreitbar und Teil unserer Geschichte sind.&#8220;<\/p>\n<p>In Deutschland dauerte die Sache l\u00e4nger \u2013 auch, weil es hier viele betroffene Museen gibt, die nicht vom Staat, sondern von L\u00e4ndern oder Kommunen getragen werden. Sie mussten im Rahmen des deutschen Kulturf\u00f6deralismus erst an einen Tisch finden \u2013 und waren auch nicht alle begeistert vom Gedanken an eine R\u00fcckgabe. <\/p>\n<p>              Z\u00f6gerliche R\u00fcckgabe an Nigeria<\/p>\n<p>Erst am 1. Juli 2022 wurde in Berlin eine Erkl\u00e4rung unterzeichnet, wie deutsche Museen das Eigentum an den Benin-Bronzen zur\u00fcckgeben k\u00f6nnten \u2013 an den Staat Nigeria, dessen Gebiet inzwischen einen Teil des fr\u00fcheren K\u00f6nigreichs Benin umfasst. <\/p>\n<p>                Im Laufe des Jahres unterzeichneten dann verschiedene deutsche Bundesl\u00e4nder und St\u00e4dte (u. a. Stuttgart, K\u00f6ln, Hamburg) konkrete Vereinbarungen, nach denen Eigentum \u00fcbertragen wurde. In Hamburg handelte es sich dabei um 179 Bronzen mit einem Sch\u00e4tzwert von 60 Millionen Euro. <a title=\"Link auf: R\u00fcckgabe erster Benin-Bronzen - &quot;Kolonialismus ist ein transnationales Verbrechen&quot;\" href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/benin-bronze-rueckgabe-100.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Verschiedene St\u00fccke wurden dabei schon \u00fcbergeben<\/a>. Andere d\u00fcrfen, mit Erlaubnis der neuen alten Eigent\u00fcmer, als Leihgaben in den deutschen Museen bleiben.<\/p>\n<p>                <a title=\"Link auf: Kritik an Nigeria - Sklaven-Nachfahren beanspruchen die Benin-Bronzen\" href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/benin-bronzen-sklavenhandel-kritik-restitution-study-group-100.html\" rel=\"nofollow noopener\" target=\"_blank\">Kritik an den Restitutionen<\/a> gab es, weil das K\u00f6nigreich Benin noch lange, nachdem andere Staaten den Verkauf von Sklaven verboten hatten, diese Form des Menschenhandels betrieben hatte. Bezahlt wurde unter anderem mit Armreifen (Manillen), die als W\u00e4hrung galten und eingeschmolzen wurden, um daraus auch die Benin-Bronzen herzustellen.<\/p>\n<p>Von der National Commission for Museums and Monuments in Nigeria, die Verhandlungspartnerin der deutschen Seite war, wurde der Bau des Edo Museum of West African Art (EMOWAA) in Benin City angek\u00fcndigt. Entworfen hat es der in Tansania geborene britische Architekt David Adjaye. Dort sollten die zur\u00fcckerhaltenen Kulturg\u00fcter k\u00fcnftig \u00f6ffentlich zu sehen sein und die Geschichte des K\u00f6nigreichs dokumentiert werden. An den Kosten beteiligt sich die Bundesrepublik in Millionenh\u00f6he.<\/p>\n<p>Ende M\u00e4rz 2023 verk\u00fcndete der scheidende nigerianische Staatspr\u00e4sident, Muhammadu Buhari, neue Pl\u00e4ne f\u00fcr die zur\u00fcckgegebenen Benin-Bronzen. Er \u00fcbertrug die Eigentumsrechte per Dekret an den amtierenden Oba von Benin, und damit formal in den privaten Besitz der Herrscherfamilie. Auf einigen Websites waren die Hinweise auf das geplante Edo Museum of West African Art (EMOWAA) nicht mehr zu finden.<\/p>\n<p>Die deutsche Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock best\u00e4tigte, dass mit der R\u00fcckgabe der Benin-Bronzen keine Bedingungen verbunden gewesen seien \u2013 auch nicht die, die Kulturg\u00fcter k\u00fcnftig in einem staatlichen Museum zu zeigen. Was k\u00fcnftig mit den Bronzen geschehe, sei innernigerianische Angelegenheit. Was genau das Dekret bedeute, will die deutsche Seite nun mit der neuen Regierung des Landes kl\u00e4ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Au\u00dfenministerin Annalena Baerbock \u00fcbergab 20 der historischen Kunstsch\u00e4tze im Rahmen einer Zeremonie in der nigerianischen Hauptstadt Abuja. 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