{"id":9847,"date":"2026-04-25T13:20:44","date_gmt":"2026-04-25T13:20:44","guid":{"rendered":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/9847\/"},"modified":"2026-04-25T13:20:44","modified_gmt":"2026-04-25T13:20:44","slug":"libyen-hilfe-in-einem-gescheiterten-staat-deutsches-aerzteblatt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/9847\/","title":{"rendered":"Libyen: Hilfe in einem gescheiterten Staat \u2013 Deutsches \u00c4rzteblatt"},"content":{"rendered":"<p class=\"unterzeile leading-relaxed mb-4 mt-8 text-lg\">Der B\u00fcrgerkrieg in Libyen hat das Gesundheitssystem hart getroffen. Fast alle ausl\u00e4ndischen Pflegekr\u00e4fte haben das Land verlassen. Seit August ist die Hilfsorganisation \u00c4rzte ohne Grenzen vor Ort. Ein Bericht aus Bengasi<\/p>\n<p><img alt=\"Bengasi: In der Hafenstadt im Nordosten Libyens kommt es auch jetzt immer noch zu K\u00e4mpfen. Sie konzentrieren sich auf Gebiete im Norden und S\u00fcdwesten der Stadt. Foto: picture alliance\" title=\"Bengasi: In der Hafenstadt im Nordosten Libyens kommt es auch jetzt immer noch zu K\u00e4mpfen. Sie konzentrieren sich auf Gebiete im Norden und S\u00fcdwesten der Stadt. Foto: picture alliance\" itemprop=\"contentUrl\" loading=\"lazy\" width=\"1500\" height=\"983\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" class=\"w-full max-h-[450px] object-contain dark:bg-dark-shade-800\" style=\"color:transparent;object-position:50% 50%\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/1777123243_329_image.jpeg\"\/>Bengasi: In der Hafenstadt im Nordosten Libyens kommt es auch jetzt immer noch zu K\u00e4mpfen. Sie konzentrieren sich auf Gebiete im Norden und S\u00fcdwesten der Stadt. Foto: picture alliance<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Wir wissen wenig von Libyen, und die wenigen Nachrichten von dort stimmen selten optimistisch. Dabei war das Land noch bis vor kurzem durch seinen \u00d6lreichtum recht wohlhabend. Zwar sprudeln die \u00d6lvorkommen weiter, aber geringer und der Preisverfall zeigt dramatische Konsequenzen. Mit dem Fall des ehemaligen Machthabers Muammar al-Gaddafi im Jahr 2011 st\u00fcrzte das Land in einen intensiv-gewaltt\u00e4tigen Konflikt, bei dem es innerhalb von zehn Monaten rund 50\u00a0000 Tote zu beklagen gab. Seit 2014 l\u00e4sst sich der Konflikt mit 5\u00a0000 Toten in zwei Jahren als niedrig-gewaltt\u00e4tig beschreiben. Die spannende Frage lautet: Bleibt das Land im Ganzen erhalten oder spaltet es sich in einen \u00f6stlichen und westlichen Teil auf?<\/p>\n<p>Seit Juli wird es sicherer<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Die Kampfhandlungen in Bengasi z\u00e4hlen zu den intensiveren Auseinandersetzungen und verlaufen zwischen zwei verfeindeten Gruppen \u2013 sie konzentrieren sich derzeit auf die Gebiete im Norden und S\u00fcdwesten der Stadt. Seit Juli wird es etwas sicherer. Akustisch klingt das anders. Den fast permanenten Schie\u00dfereien, Bombendetonationen und dem ohrenbet\u00e4ubenden L\u00e4rm der D\u00fcsenj\u00e4ger folgen verl\u00e4sslich die Sirenen der Krankenwagen, die Kriegsverletzte transportieren.<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Der Fokus unserer Arbeit liegt auf der Unterst\u00fctzung des gr\u00f6\u00dften Krankenhauses der Stadt, des Bengasi Medical Center (BMC). Ein imposanter Komplex von drei siebenst\u00f6ckigen Hochh\u00e4usern mit einer Kapazit\u00e4t f\u00fcr 1\u00a0200 Betten. Als Krankenhaus der Maximalversorgung beherbergt es alle Fachabteilungen der modernen Medizin. T\u00e4glich werden hier bis zu 50 Kinder entbunden, die Neonatologie kann Fr\u00fchgeborene ab der 26. Schwangerschaftswoche durchbringen. Die Kardiologie hatte im vergangenen Jahr mit 2\u00a0000 Herzkatheterinterventionen die h\u00f6chste Aktivit\u00e4t im ganzen Land und ist die einzige invasive Kardiologie im Osten Libyens. T\u00e4glich kommen etwa sechs Patienten mit akutem Herzinfarkt. Die Liste der medizinischen Leistungen lie\u00dfe sich fortsetzen.<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Das Problem: Die Krankenversorgung in der Stadt hat sich dramatisch verschlechtert, von den zw\u00f6lf \u00f6ffentlichen Krankenh\u00e4usern vor dem Konflikt existieren nur noch drei. Im BMC fehlen medizinische Materialien, Ger\u00e4te wie Dialysemaschinen, Inkubatoren und Medikamente. Das Herzkatheterlabor hat keine Katheter und Stents mehr und ohne entsprechendes Material kann derzeit kein Patient mit akutem Koronarsyndrom angemessen behandelt werden, auch die Alternative (Thrombolyse) fehlt. Mit viel Gl\u00fcck k\u00f6nnen Angeh\u00f6rige von Patienten in einer Apotheke Streptokinase zum Preis von 300 US-Dollar besorgen. Das f\u00fchrt aber zu relevanten und oft t\u00f6dlichen Therapieverz\u00f6gerungen.<\/p>\n<p>T\u00e4glich sterben Kinder<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Das gr\u00f6\u00dfte Problem am BMC sind jedoch nicht die fehlenden Maschinen, Monitore, Material oder Medikamente. Das gr\u00f6\u00dfte Problem ist der Verlust von gut ausgebildeten Pflegekr\u00e4ften. Von den rund 1\u00a0000 ausl\u00e4ndischen Pflegenden aus den Philippinen, Indien, Bangladesch und der Ukraine, die bis 2014 die pflegerische Arbeit verrichteten, verlie\u00dfen 90 Prozent wegen ausbleibender Bezahlung und Unsicherheit das Land. Ganze Abteilungen mussten deshalb geschlossen werden, inklusive einiger Intensivstationen. In der Internistischen Abteilung kann von 230 Betten nicht einmal die H\u00e4lfte belegt werden, weil von den ehemals 70 Pflegenden nur noch zehn geblieben sind. Nach meiner Z\u00e4hlung gibt es im BMC aktuell nur 330 Krankenbetten, die doppelte Anzahl wird aber ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Am sp\u00e4ten Nachmittag nehmen die Kampfhandlungen zu, dann kommen bis zu 20 Schwerverletzte in die Notaufnahme, von denen die H\u00e4lfte bei Ankunft bereits verstorben ist oder sp\u00e4ter ihren Verletzungen erliegt.<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Am dramatischsten sind die Auswirkungen der bewaffneten Auseinandersetzungen aber in der Kinderheilkunde. Starb dort fr\u00fcher ein Kind pro Monat, gibt es nun t\u00e4glich Todesf\u00e4lle. Das liegt an der fehlenden medizinischen Ausr\u00fcstung und am Personalmangel, aber auch an den unzureichend ausgebildeten medizinischen Mitarbeitern, sowohl \u00c4rzten als auch Pflegenden. Seit Jahren haben sie keine Fortbildungen erhalten und die gut ausgebildeten ausl\u00e4ndischen Pflegekr\u00e4fte wurden bisher nicht durch libysche Kollegen ersetzt.<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Zudem hat die Klinik ein Sicherheitsproblem. Soldaten weigern sich, ihre Waffen abzulegen, immer wieder kommt es zu Schie\u00dfereien und viele Sitzungen mit dem Sicherheitschef waren n\u00f6tig, um f\u00fcr dieses Thema ein Verst\u00e4ndnis zu entwickeln und die Waffen zumindest in der Rettungsstelle zu reduzieren. Noch nie habe ich in einem Kontext gearbeitet, in dem ein so hoch entwickeltes Gesundheitssystem so tief abgest\u00fcrzt ist.<\/p>\n<p><img alt=\"Qualit\u00e4tsverbesserung durch Lehre: Tankred St\u00f6be bei praktischen \u00dcbungen in der Notfallversorgung mit \u00c4rzten und Pflegekr\u00e4ften des Bengasi Medical Center. Foto: Tankred St\u00f6be\" title=\"Qualit\u00e4tsverbesserung durch Lehre: Tankred St\u00f6be bei praktischen \u00dcbungen in der Notfallversorgung mit \u00c4rzten und Pflegekr\u00e4ften des Bengasi Medical Center. Foto: Tankred St\u00f6be\" itemprop=\"contentUrl\" loading=\"lazy\" width=\"1147\" height=\"683\" decoding=\"async\" data-nimg=\"1\" class=\"w-full max-h-[450px] object-contain dark:bg-dark-shade-800\" style=\"color:transparent;object-position:50% 30%\"   src=\"https:\/\/www.europesays.com\/afrika\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/1777123244_63_image.jpeg\"\/>Qualit\u00e4tsverbesserung durch Lehre: Tankred St\u00f6be bei praktischen \u00dcbungen in der Notfallversorgung mit \u00c4rzten und Pflegekr\u00e4ften des Bengasi Medical Center. Foto: Tankred St\u00f6beAuch hier ist Hilfe m\u00f6glich<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Wir sind das erste Team von \u00c4rzte ohne Grenzen, das wieder dauerhaft in Bengasi arbeitet. Bisher gab es keinen schweren Sicherheitszwischenfall. Seit Mitte August k\u00f6nnen wir uns in der Stadt relativ frei bewegen, unter Aussparung der Konfliktregionen. Unser Haus liegt nahe des BMC in einem ruhigeren Stadtteil.<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Was aber sollen wir mit einem kleinen Team in dieser gro\u00dfen Klinik ausrichten? Wir unterst\u00fctzen das Krankenhaus mit medizinischem Material und Medikamenten sowie zehn Pflegekr\u00e4ften in der chirurgischen Rettungsstelle. Aber es ist nicht unser Anspruch, den enormen Personalbedarf zu kompensieren. Was wir versuchen, ist die medizinische Qualit\u00e4t durch Lehre und Training zu verbessern. So haben wir in den vergangenen Wochen mehr als 100 Pflegende und \u00c4rzte weitergebildet, zweimal w\u00f6chentlich hielt ich Vorlesungen und praktische \u00dcbungen in der Notfallversorgung.<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Unsere Hilfe wird gesch\u00e4tzt. Zudem haben wir in Zusammenarbeit mit einer lokalen Nicht-Regierungsorganisation in einer ambulanten Klinik seit Februar 1\u00a0300 Kinder und 600 schwangere Frauen behandelt. Als einzige internationale Organisation in der Millionenstadt zeigen wir, dass hier Hilfe m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Neben den t\u00e4glichen Visiten im BMC versuchten wir zu kl\u00e4ren, welche weiteren humanit\u00e4ren Herausforderungen sich in Bengasi stellen: Wie geht es den im eigenen Land vertriebenen Menschen? Wie den psychisch Kranken? Und was ist mit den unz\u00e4hligen Fl\u00fcchtenden, die vom Westen des Landes aus die t\u00f6dliche Seefahrt auf den Schlauchbooten riskieren?<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Auch wenn das Jahr 2016 noch nicht abgeschlossen ist, so sind mit 3\u00a0793 Menschen (Stand: 15. November) im dritten Jahr in Folge wieder mehr Menschen auf der zentralen Route vor Libyen ertrunken. Das macht sie zum weltweit t\u00f6dlichsten Fluchtweg und das Mittelmeer zu einem wachsenden Massengrab. Und es zeigt das politische Versagen Europas, diese furchtbare Entwicklung zu stoppen.<\/p>\n<p class=\"leading-relaxed mb-5\">Dr. med. Tankred St\u00f6be, \u00c4rzte ohne Grenzen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"Der B\u00fcrgerkrieg in Libyen hat das Gesundheitssystem hart getroffen. Fast alle ausl\u00e4ndischen Pflegekr\u00e4fte haben das Land verlassen. 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