Wien-Win-Situation
Die Millionenmetropole an der Donau ist die zweitgrößte steirische Stadt. Deshalb ist Wien bei aller Konkurrenz auch ein wichtiger Markt für Sturm Graz. Fans „im Exil“ vernetzen sich zunehmend, auch für einen Wiener Fanklub dreht sich „vom Rathaus bis zum Donauturm“ alles nur um Sturm.
Zwischen den beiden Städten liegen nur 198 Kilometer. Und doch trennen Graz und Wien gefühlsmäßig mitunter Welten. Hier die Zwei-Millionen-Metropole und Bundeshauptstadt – da die rund 300.000 Einwohner zählende Landeshauptstadt in der Provinz. Gegenseitige Vorurteile prägen die Beziehung: von den angeblich grantigen, hochnäsigen Wienern bis zum vermeintlich „wilden Bergvolk hinterm Semmering“. In diesem Klima gedeiht freilich auch im Fußball ein Konkurrenzverhältnis, in dem Wien lange Zeit die Führungsrolle innehatte: Im Nachkriegsösterreich gab es erst 1964/65 mit dem LASK einen Meister, der nicht aus der Donaustadt stammte. In den 1970er-Jahren bröckelte die Vormachtstellung vollends und doch dauerte es bis 1997/98, ehe Sturm Graz erstmals die ersehnte Meisterschale nach Graz bringen konnte. Und heute? Während die Schwarz-Weißen zuletzt in den vergangenen beiden Bundesliga-Spielzeiten triumphierten, liegt der letzte Meistertitel eines Wiener Klubs bereits 13 Jahre (Austria Wien) zurück.
Gewachsene Rivalität
Die Partien zwischen Sturm und Rapid gehören zum Emotionalsten und Stimmungsvollsten, das der österreichische Fußball zu bieten hat. Das 2023 in Klagenfurt ausgetragene Cupfinale zwischen Schwarz-Weiß und Grün-Weiß gilt in puncto Fanatmosphäre sogar als Glanzpunkt im europäischen Klubfußball. Die Rivalität ist historisch gewachsen, jahrelang waren von den Kontrahenten Schmähgesänge zu hören. So stimmte die Grazer Kurve etwa häufig „Wiener, asoziale Wiener, schlafen unter Brücken oder in der Bahnhofsmission“ an, worauf die Grünen zu kontern pflegten: „Wir sind eure Hauptstadt, ihr Bauern!“ Oder eben umgekehrt. Abgesehen von den einfallslosen „Grazer Schweine“- beziehungsweise „Wiener Schweine“-Sprechchören kann es auch Überraschendes im Kurvenduell geben. So reagierten die nach Wien mitgereisten Grazer Fans etwa einmal auf ein verhöhnendes Spruchband mit der Aufschrift „Rapid Wien dankt seinen Bauern für Getreide, Obst und Kernöl“ mit dem spontanen und lautstarken Absingen von Gert Steinbäckers Kultsong „Steiermark“. „Das Spruchband hat uns zu einer ohrenbetäubenden Höchstleistung motiviert“, erinnert sich Vorsänger Oliver Parfi an den Moment, der auch das Wiener Publikum sichtlich überraschte.
Doch Wien bedeutet für Sturm mehr als nur die sportliche Rivalität mit seinen Klubs. Die Bundeshauptstadt beherbergt, Tagespendler ausgenommen, mindestens 45.000 Steirerinnen und Steirer und gilt daher als die zweitgrößte steirische Stadt. „Das ist ein ungeheuer großes Potenzial“, sagt Thomas Hofer, der dem Kuratoriumsausschuss von Sturm angehört und sich in Wien seit Jahren um Vernetzung kümmert. Der aus Judenburg stammende Ex-Journalist und nunmehrige Politikberater lebt seit 1992 in Wien. Mitübersiedelt ist seine Leidenschaft für Sturm Graz. „Ich war immer Sturm-Fan, daran hat sich natürlich auch in Wien nichts geändert. In Wien gab es immer schon ein gewisses schwarz-weißes Fundament. Mit den Erfolgen der Ära Ivica Osim und den erfolgreichen Jahren unter Andreas Schicker und Christian Ilzer ist dieses weiter angewachsen“, sagt der 52-jährige Kommunikationswissenschaftler. Nach einem von Hofer initiierten Pilottreffen ist auf Initiative von Sturm-Präsident Christian Jauk damit begonnen worden, Repräsentanten der Schwarz-Weißen vor oder nach Auswärtsspielen nach Wien zu bringen, wo diese Vorträge über ihren Lieblingsklub hielten. Unter den Zuhörern fand man zahlreiche Meinungsbildner, die allesamt vom Sturm-Virus infiziert waren. Und davon gibt es nicht wenige.
Den gesamten Beitrag mit Statements von Christian Jauk, Thomas Tebbich, Oliver Parfi, Thomas Hofer sowie der Schwarzen Szene Wien lesen Sie im neuen SturmEcho 383.