Alte Gemäuer mit neuem Leben zu füllen, das ist das Lebensthema von Jürgen Hess. „Geschichte in Räumen zu erzählen und alte Häuser anzupacken, das verfolgt mich schon sehr lange“, sagt der 62-jährige Architekt aus Stuttgart.

In seinem früheren Berufsleben war er Mit-Geschäftsführer eines namhaften Architektenbüros für Ausstellungs- und Museumsgestaltung. In den 2000er-Jahren fährt er mit den Kindern zum Skifahren ins Tannheimer Tal nach Tirol, gut drei Autostunden südlich von Stuttgart, gleich hinter der deutschen Grenze. Im kleinen Teilort Schattwald kommt er im Alpengasthof Post unter und erlebt dort eine heutzutage selten gewordene, „ganz andere Form von Gastlichkeit und Aufenthalt“, erzählt er jüngst bei einem Besuch in seiner alten Heimat Stuttgart.

„Dann rette doch mal ein altes Haus!“

Mitte der 2010er-Jahre übernimmt eine Frau die Post, und Jürgen Hess und die Wirtin werden ein Paar. Als er immer wieder darüber klagt, dass alte Häuser meist einfach nur abgerissen werden, erwidert sie: „Dann rette doch mal eins!“ Die Gelegenheit dazu bietet sich 2021, als er zusammen mit der Post-Besitzerin ein fast 500 Jahre altes Bauernhaus in unmittelbarer Nachbarschaft ihres Alpengasthofes erwirbt.

Knapp 500 Jahre alt: „Floras Haus“ im Tannheimer Tal in Tirol. Foto: Jürgen Hess

So kommt es, dass Jürgen Hess nach langen Jahren seinem Stuttgarter Architekturbüro den Rücken kehrt, ins Tannheimer Tal zieht und sich beruflich neu erfindet. Das Ergebnis ist an der Landesstraße 199 in Schattwald zu besichtigen. Nach der letzten Bewohnerin heißt das Projekt „Floras Haus“. Und dahinter steht neben ihm auch die Post-Wirtin. „Das Haus stand mehr als 40 Jahre leer. Daher war der Erhaltungszustand nahezu unverfälscht“, schwärmt Jürgen Hess mit Blick auf Malereien an den Wänden, der Holzvertäfelung im Innern und Putz und Holzschindeln an der Außenfassade. Aus der Analyse der Jahresringe der verbauten Baumstämme weiß er, dass das Bauernhaus in den späten 1530er-Jahren erbaut wurde. Am Ende des Bauernkrieges in Tirol wurde dort zwischen dem Joch- und dem Gaichtpass eine Straße gebaut, um Salz an den Bodensee zu transportieren. Zwei Jahre dauerte es, bis Restauratoren, Tischler und Zimmerleute unter seiner Anleitung das Haus so originalgetreu wie möglich instandgesetzt hatten. „Wir wollten ein altes Haus retten und es in die Gegenwart holen“, benennt Hess den Kerngedanken des Prozesses.

Heute dient das urtümliche Haus mit seinem großen Garten als Ort für Hochzeiten, Fortbildungen und Seminare, für regelmäßige Veranstaltungen wie „Essen wie bei Oma“ plus Stuben- und Volksmusik sowie Kochevents, bei denen Hess höchstpersönlich hinter dem alten Herd traditionelle Mahlzeiten wie „Tiroler Gröstl“ brutzelt.

Geschichte und Begegnung im alten Bauernhaus

Seine Idee dahinter: In der Bauernstube mit dem großen alten Ofen sollen die verschiedensten Menschen wie früher ungezwungen miteinander ins Gespräch kommen. Vielen Menschen, mit denen er zu tun hat, attestiert Hess eine regelrecht „gestörte Kommunikation“. „All die digitalen Tools scheinen das Kommunizieren nur schwerer zu machen“, sagt er. Ein origineller Spruch auf der Theke in der „Post“ fängt den Spirit dazu gut ein: „Sorry! Wir haben kein WLAN. Redet einfach miteinander und tut so, als ob es 1995 wäre.“

Fast vergessene Form von Gastlichkeit: die Bauernstube in „Floras Haus“. Foto: Jürgen Altmann

Ursprünglich verfolgte Jürgen Hess, der in Eningen unter Achalm am Fuß der Schwäbischen Alb groß geworden ist und in Stuttgart Architektur studiert hat, noch deutlich ehrgeizigere Pläne: In der populären Tiroler Ferienregion plante er neben dem Bauernhaus auch ein Apartmenthaus. Doch er verfolgt die Pläne zunächst nicht weiter.

Heute ist Jürgen Hess gar nicht traurig darüber, sagt er. Denn er sei gut ausgelastet damit, Gäste zu bekochen und zu versorgen, Veranstaltungen zu organisieren und sich um die weitere Sanierung des alten Hauses zu kümmern. Auch wenn er sich, nicht zuletzt angesichts noch ausstehender hoher Verbindlichkeiten für das alte Haus, vor allem für die Zwischensaison noch mehr Gäste für Floras Haus wünscht.

Spontan zitiert er den US-Schriftsteller Jonathan Franzen, der in seinem Klima-Essay „Wann hören wir auf, uns etwas vorzumachen“ dazu auffordert, das „zu retten, was uns ganz speziell am Herzen liegt – eine Gemeinschaft, eine Institution, ein Stück Natur, eine bedrohte Tierart“. Im Fall von Jürgen Hess ist es, klarer Fall, ein altes Tiroler Bauernhaus.