Tischtennis und Kino haben gemeinsame Wurzeln. Das Material der Wahl für Filmmaterial wie auch die kleinen Bälle war lange der Kunststoff Zelluloid. Und ein Herr namens Ivor Montagu – Autor, Regisseur und Haus-und-Hof-Produzent des jungen Alfred Hitchcock –, gründete vor rund hundert Jahren den Tischtennis-Weltverband ITTF.

Doch Film galt und gilt als glamourös – Tischtennis eher weniger. Auf der großen Leinwand kommt der Breitensport trotz aller Beliebtheit deshalb kaum vor; „Forrest Gump“ ist eine der wenigen Ausnahmen, der Klamauk „Balls of Fury“ fiel 2007 bei Publikum und Kritikern durch. Das Gegenteil ist bei „Marty Supreme“ der Fall: Das Sport-Drama mit Starbesetzung hat mehr als 150 Millionen Dollar eingespielt, erhielt glänzende Kritiken sowie gleich neun Oscar-Nominierungen. Auch für das renommierte Studio A24 („Ex Machina“, „Everything Everyhwere All at Once“, „The Whale“) ist das außergewöhnlich.

Die Handlung ist schnell erklärt: Wir schreiben das Jahr 1952, der Mittzwanziger Marty Mauser (Timothée Chalamet) ist das öde Dasein als Schuhverkäufer im Laden seines Onkels Murray in New York City satt. Er träumt den alten Amerikanischen Traum von sozialem Aufstieg durch finanzielle Unabhängigkeit. Er ist fest entschlossen, vom Niemand zum Weltmeister und Superstar zu werden im Nischensport.

Den gern belächelten kleinen Bruder des Tennis scheint Marty nicht mal sonderlich zu mögen – aber er sieht ihn als reif für den Durchbruch, hat ein Händchen dafür und in Form langer Trainingsstunden auch viel investiert. Für ihn ist Tischtennis eine Art Kampfsport.

„Ich mache mit ihm, was Auschwitz nicht geschafft hat“

Als sein Onkel das Versprechen bricht, ihm die Reise zu den British Open in einer Halle direkt neben dem Londoner Wembley-Stadion zu finanzieren, raubt Marty Geld aus dem Firmen-Safe. Bei dem prestigeträchtigen Turnier kommt es zum Duell gegen den mehrfachen Ex-Weltmeister Béla Kletzki (Géza Röhrig). Reportern gegenüber prahlt Marty: „Ich mache mit ihm, was Auschwitz nicht geschafft hat. Ich bring’s zu Ende.“ Er dürfe das, schiebt er hinterher. „Ich bin Jude. Und Hitlers größter Albtraum.“

Um einen Geschäftsmann zu umgarnen, den er als Sponsor umgarnen will, zieht er jedes Register. Zunächst drängt er Kletzki, von seinen Erlebnissen im KZ Auschwitz-Birkenau zu erzählen. Kaum erwähnt der Multimillionär, dass sein Sohn im Zweiten Weltkrieg im Kampf gegen die Japaner gefallen ist, schwadroniert Marty davon, seinem japanischen Finalgegner eine „dritte Atombombe an den Kopf zu werfen“.

Der Protagonist versprüht Energie und Charisma noch und nöcher, bleibt aber ein ungeheurer Unsympath. Zugutehalten darf, ja muss man ihm dabei, dass er sozusagen aus permanenter Notwehr handelt. Er wütet und flirtet, schockiert und schleimt, beleidigt, lügt und betrügt, weil er keine Alternative sieht.

Martys Traum ist eine Seifenblase, und ständig ist er auf der Flucht, ob vor seiner manipulativen Mutter, seinem herrischen Onkel, korrupten Polizisten oder den Opfern, die er an der Platte als „Hustler“ ausgebufft um ihr Geld bringt. Atemlos durch die Nacht. Und den folgenden Tag. Und die Nacht darauf. Und immer so weiter. Marty tanzt über Abgründen aller Art, nicht zuletzt in Form von Affären mit verheirateten Frauen.

Die Tischtennisspieler Marty Mauser, Béla Kletzki und Koto Endo haben historische Vorbilder

Die Hauptcharaktere haben historische Vorbilder: Marty Mauser basiert auf dem exzentrischen New Yorker Original Marty Reisman, Béla Kletzki auf dem polnischen Auschwitz-Überlebenden und mehrfachen Vize-Weltmeister Alojzy „Alex“ Ehrlich. Für Martys großen Rivalen Koto Endo (Koto Kawaguchi) stand Hiroji Satoh Pate: Der Japaner hatte als erster Profi einen Schwamm zwischen seinen Holzschläger und den Gummibelag geklebt, was deutlich mehr Spin, also schwierigere Schläge ermöglicht.

Die sensationellen Kulissen, Kostümen und Requisiten bannt Darius Khondji (70), der unter anderem Michael Hanekes Meisterwerk „Liebe“ in Szene setzte, in intensive Bilder. Der arg kapriolenreichen Story muss man sich ein Stück weit hingeben wollen. Aber so oder zumindest so ähnlich dürften sie wohl gewesen sein, die wildesten Ausschnitte aus dem Leben eines Überlebenskünstlers im New York City der Nachkriegsjahre: Extrem laut und unglaublich nah.

Exzellent ist die Besetzung: Timothée Chalamet glänzt als Antiheld, mit Charme, Chuzpe und herzlich wenig Skrupeln. Er übervorteilt sie alle, vom eher entfernten Bekannten Dion (Luke Manley), bis zu seinem besten Freund Wally (Rapper Tyler, The Creator).

Eine glänzende Gwyneth Paltrow und ein Wiedersehen mit der „Nanny“ Fran Drescher

Bei den Darstellerinnen wird es noch besser: Altmeisterin Gwyneth Paltrow gibt hinreißend die abgehalfterte Film-Diva Kay Stone. Und als Martys schnell schwangere Jugendliebe Rachel glänzt die bislang eher unbekannte Odessa A’zion. Für beide Rollen ist keine bessere Besetzung vorstellbar.

Bei den Nebenrollen gibt es ein wahres Schaulaufen der Promis: Fran Drescher, in den Neunzigern bekannt als Hauptdarstellerin der Sitcom „Die Nanny“, spielt Martys strenge Mutter. Der kanadische Investor Kevin O’Leary spielt einen fiesen Millionär, der vielfach preisgekrönte Regisseur Abel Ferrera einen irren Hundebesitzer, der Basketball-Altstar George Gervin einen Tischtennisclub-Betreiber – und die deutsche Tischtennis-Legende Timo Boll einen 08/15-Gegner für Marty, einige wenige Sekunden lang.

Apropos: Chalamet soll sieben Jahre (!) lang Tischtennis trainiert haben, selbst während der Wüsten-Drehs für die „Dune“-Blockbuster. Ob man das dem Film ansieht, ist schwer zu sagen. Trotz enormen Aufwands für die choreografierten Ballwechsel wurden nämlich viele Bälle letztlich doch per Computer-Effekt eingefügt. In welchem Umfang, kann (oder will) Regisseur Josh Safdie nicht sagen. Aber der Sport erscheint ohnehin meist als Mittel zum Zweck – da nehmen sich Regisseur und Protagonist leider nichts.

„Marty Supreme“ ist 150 Minuten lang und läuft ab Donnerstag, 26. Februar im Kino.