Polsterin Sandra Hirschi | 13. April 2026

Die junge Polsterin Sandra Hirschi, dem TV-Publikum aus der Dok-Serie übers Palace Gstaad bekannt, verlor nach einem unglaublichen Unfall zwischenzeitlich Gehör und Augenlicht. Sie kämpfte sich aber zurück und macht nun ein Studium zur Innenarchitektin. Die Plattform J besuchte die Oberaargauerin in Luzern.

Sandra Hirschi (20) hat gut lachen – das war nicht immer so.

Sandra Hirschi (20) hat gut lachen – das war nicht immer so.Foto: Peter Salvisberg

Am 20. Juni 2020, kurz vor den Sommerferien, nimmt das Leben der damals 14-jährigen Sandra Hirschi, aufgewachsen in einer Bauerngemeinde im Oberaargau, eine dramatische Wende. Eben hatten die Mädchen im Schulturnen die Jungs im Fussball geschlagen, als einer durchdreht und in seinem Frust ob der Schmach voll auf den Ball drischt.

Der Hammer trifft Sandra, völlig unvermittelt, von hinten mit voller Wucht am Hinterkopf. Die Folge: ein schweres Hirn-Schädeltrauma. Eine Woche später nimmt sie absolut nichts mehr wahr. «Vom Spital weiss ich nicht mehr viel, aber ich erinnere mich dass ich lange starke Kopfschmerzen hatte, praktisch nichts essen konnte, weil ich immer wieder erbrechen musste und viel Gewicht verlor», das erzählt Sandra Hirschi (20) bei einem Besuch in Luzern. Vier Jahre kämpft sie sich zurück. «Natürlich konnte ich meinen Traum, eine Zeichnerlehre zu machen, vergessen. Arbeit am Computer war über längere Zeit absolut unmöglich.» Also eher etwas Praktisches.

So lernte sie das TV-Publikum kennen: Sandra Hirschi als schelmische Polsterin in der TV-Doku «Inside Palace Gstaad».

So lernte sie das TV-Publikum kennen: Sandra Hirschi als schelmische Polsterin in der TV-Doku «Inside Palace Gstaad».Foto: PD SRF

Polsterlehre statt Zeichnerin

Es folgt eine dreijährige Lehre als Polsterin in der Firma Erlacher Polster in Langenthal. «Der Beruf ist am Aussterben, wir waren ganze drei Lehrlinge aus der ganzen Schweiz, welche in Solothurn zentral in die Berufsschule gingen», erzählt Sandra Hirschi. Heute gäbe es den Berufsgang nicht mehr, neu sei die Bezeichnung «Raumausstatter». Dabei sei aber die Fachrichtung «Polsterer» möglich.

Die verschmitzte Polsterin

In der Rolle als Polsterin sieht sie das TV-Publikum in der SRF-Dokumentation «Inside Gstaad Palace». Auch ein knappes halbes Jahr nach der Ausstrahlung bekommt sie immer wieder Kommentare: «Im Zug, in einem Restaurant oder sogar auf der Strasse kommt es regelmässig vor, dass mich jemand auf das Palace anspricht», erzählt sie. Es sei für sie erstaunlich, wie viele Leute die Dokumentation gesehen hätten. «Meistens kommen dann auch Kommentare zum Leben der ‚Reichen‘ und deren extravaganten Wünsche.» Hat sie selbst auch solche erfüllen müssen?

Im Zug, in einem Restaurant oder sogar auf der Strasse kommt es regelmässig vor, dass mich jemand auf das Palace anspricht

Sandra Hirschi Ehemalige Sattlerin Palace Gstaad

Im Palace in Gstaad polsterte Sandra Hirschi vierzehn Monate lang Sessel und Divans.

Im Palace in Gstaad polsterte Sandra Hirschi vierzehn Monate lang Sessel und Divans.Foto: PD SRF

Schwarze Vorhänge, bitte!

Ein Kunde wollte unbedingt schwarze Vorhänge in seinem Zimmer, also habe sie acht Stück genäht. «Einmal wollte eine Dame, die allein in der Penthouse-Suite logierte, eine Matratze ’sur mesure‘, auf Mass!» Glücklicherweise habe sie Polstermaterial express bei guten Lieferanten erhalten und den Wunsch der Frau erfüllen können – innerhalb eines Tages. Wie schnell das ging, erzählt Sandra Hirschi nur auf neugieriges Nachfragen des Reporters. Sie stellt ihr Licht ganz offensichtlich unter den Scheffel.

Lob der Chefs

Palace-Besitzer Andrea Scherz hatte sie im Gespräch mit der Plattform J gerühmt. «Die junge Sattlerin, Sandra Hirschi, hat uns leider verlassen. Aber ich begreife ihren Entscheid: Sie macht eine Weiterbildung zur Innenarchitektin. Ihr Chef sagte immer: Die arbeitet für Drei! Ein schönes Kompliment.» Palace-Besitzer Andrea Scherz im Interview

Hirschi ist dem Palace-Besitzer sehr dankbar: «Ich habe bei meiner Bewerbung als Lehrabgängerin nie erhofft, dort eine Stelle zu bekommen, da ich im vierten Jahr noch die Berufsmatura machte und so am Freitag zur Schule musste.»

Ich habe bei meiner Bewerbung als Lehrabgängerin nie erhofft, dort eine Stelle zu bekommen

Sandra Hirschi Ehemalige Polsterin Palace Gstaad

Nach dem TV-Auftritt hagelte es Stellenangebote

Ihre aufgestellte Art gefiel auch der Konkurrenz: «Ich habe nach der TV-Sendung sicher zehn Angebote bekommen, vorab aus der Hotellerie», lacht Sandra Hirschi. Aber da sei das neue Berufsziel schon festgestanden: Innenarchitektin!

Andrea Scherz, der Palace-Besitzer, hatte  die Lehrabgängerin engagiert und ist des Lobes voll.

Andrea Scherz, der Palace-Besitzer, hatte die Lehrabgängerin engagiert und ist des Lobes voll.Foto: PD SRF

59 Stunden pro Woche!

Sandra Hirschi macht nun an der Hochschule Luzern in Horw den Bachelor in Innenarchitektur. Sie kommt an ihre Grenzen: Ganze 59 Stunden pro Woche sind nahrhaft. «Es gefällt mir ausgezeichnet, aber es ist sehr heftig.» Im Polstererberuf habe man viel Bewegung, hämmere, nähe, hebe Möbel – hier sitze sie nun sehr viel am Computer und zeichne.

Deshalb hat sie Bewegung in ihr Tagesprogramm eingebaut. Am Morgen gehts normalerweise eine Stunde ins Gym und dann läuft sie eine halbe Stunde dem Vierwaldstättersee entlang in die Schule nach Horw und am Abend zurück nach Hergiswil. Dort lebt sie mit zwölf Leuten in einer WG.

Das neue «Atelier» der Sandra Hirschi: der Arbeitsplatz an der Luzerner Hochschule in Horw.

Das neue «Atelier» der Sandra Hirschi: der Arbeitsplatz an der Luzerner Hochschule in Horw.Foto: zvg

42 Leute in der Klasse

42 Studentinnen und Studenten sind in der Klasse. «Ich bin mit meinen 20 Jahren die Jüngste, es hat auch Leute, die sind deutlich über 40», schmunzelt sie. Ihr gefällt vor allem die Teamarbeit: «Unser Studium ist sehr interdisziplinär. Die Zusammensetzung der Klasse erfolgt bewusst gemischt. Zeichner und Handwerker werden kombiniert, um eine enge Zusammenarbeit und den fachlichen Austausch sicherzustellen. Die Projekte sind äusserst realitätsnah gestaltet: In enger Zusammenarbeit mit den studierenden Bauingenieuren, Gebäudetechnikern und Architekten müssen die Vorhaben so umgesetzt sein, wie es auch im späteren Berufsalltag der Fall sein wird.»

Man gebe sich das Wissen aus seinem Spezialgebiet weiter. Gegenwärtig ist ihr Team daran, einen Werkhof der Gemeinde Davos umzuplanen oder aus dem Salzhaus in Luzern ein Eventlokal zu machen.

Das Salzhaus in Luzern als Modell. Sandra Hirschi und Kollegen machen sich Gedanken über die Innenarchitektur des Gebäudes.

Das Salzhaus in Luzern als Modell. Sandra Hirschi und Kollegen machen sich Gedanken über die Innenarchitektur des Gebäudes.Foto: zvg

Vermissen Sie das Palace?

Sandra Hirschi ist mit acht Geschwistern aufgewachsen («Ich war schön in der Mitte – eine so grosse Familie ist wunderbar»), in einem umgebauten Bauernhaus im Oberaargau. Der Vater ist Holzbauzeichner und legt selber oft Hand an. Architektur war immer ein Thema.

Das Palace hat mich jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit ging, beeindruckt – es ist einmalig

Sandra Hirschi Ehemalige Polsterin Palace Gstaad

Sandra Hirschi liebt die Berge und das Skifahren. «Beim Schlitteln rüttelt es mir zu stark. Da spüre ich die Folgen des Unfalls immer noch. Aber sonst bin ich nicht mehr eingeschränkt. Einfach nicht zu viel Sonne!»

Sandra Hirschi liebt die Berge und das Skifahren. «Beim Schlitteln rüttelt es mir zu stark. Da spüre ich die Folgen des Unfalls immer noch. Aber sonst bin ich nicht mehr eingeschränkt. Einfach nicht zu viel Sonne!»Foto: zvg

«Das Palace hat mich jeden Morgen, wenn ich zur Arbeit ging, beeindruckt – es ist einmalig» sinniert die 20-Jährige. Sie liebe die Berge, die Natur – aber ganz ehrlich: «Wir zehn Handwerker im Palace waren eine verschworene Gruppe und hatten es wirklich toll miteinander – diese Leute fehlen mir.»

Und Direktor Scherz, der wisse zu führen und zu motivieren, und habe regelmässig in der Polsterei rasch vorbeigeschaut. Also mal zurück in die Gstaader Berge? «Die Lehrer hier in Horw an der Hochschule nehmen mich manchmal auf den Arm, es gäbe nicht nur Alpine-Style beim Einrichten! Mein Traum ist es tatsächlich, später einmal Hotels zu planen … mein Herz schlägt für den Chalet-Stil.»