In Pizzaöfen und Waschmaschinen waren die Drogen versteckt. 30 Tonnen Captagon-Tabletten stellte die Polizei in der Pizzeria im Flachgauer Bürmoos im Jahr 2021 sicher. Hergestellt wurden die Drogen im Libanon, über Italien sollten sie weiter nach Saudi-Arabien geschifft werden. In der Pizzeria, geführt von einem libanesisch-österreichischen Staatsbürger, wurden sie zwischengelagert. Acht Angeklagte fassten im Jahr 2023 mehrjährige Haftstrafen aus. Es war einer der größten Fälle von Drogenhandel, der jemals in Salzburg aufgedeckt wurde.
Involviert in dieses Drogengeschäft war auch die pro-iranische Terrormiliz Hisbollah. Sie betreibt in Europa ein weites Netzwerk illegaler Geschäfte, um sich zu finanzieren. Zwar sei die Hisbollah in den vergangenen Jahren politisch und militärisch geschwächt worden, schreibt die Nahost-Expertin Lina Khatib. Ihre illegalen Geschäfte und Netzwerke in Europa seien für die Terrorgruppe aber ein „wichtiger Rettungsanker“.
Khatib arbeitet für die britische Denkfabrik Chatham House und hat für die österreichische Dokumentationsstelle Politischer Islam eine Studie über die Finanzstrukturen und illegalen Aktivitäten der Hisbollah in Europa verfasst. Es handelt sich um die erste Studie dieser Art. Sie stützt sich auf öffentlich zugängliche Quellen wie Gerichtsakten. Am Mittwoch stellte Khatib ihre Ergebnisse bei einem Hintergrundgespräch in Wien vor.
Laut Schätzungen beträgt das Budget der Hisbollah jährlich eine Milliarde US-Dollar. Es handle sich weltweit um die „reichste islamistische Terrorgruppe“, sagte Khatib. Erstens wird die Hisbollah vom Iran finanziert. Zweitens habe sie über die vergangenen Jahrzehnte ein „globales, ausgeklügeltes und diversifiziertes“ geschäftliches Netzwerk aufgebaut, schreibt Khatib in ihrer Studie: „Es reicht so weit, dass die Hisbollah Gruppen der organisierten Kriminalität anbietet, deren Geld professionell zu waschen.“ Solange die Hisbollah in Europa ihre illegalen Geschäfte fortsetzen könne, werde sie ihre Operationen im Nahen Osten fortsetzen, sagte Khatib. Aufgrund der engen Verbindungen der Terrormiliz zum Iran könnte das im Fall einer weiteren Eskalation im Iran-Krieg auch ein Sicherheitsproblem für Europa werden.
Eine der wichtigsten Einnahmequellen der Hisbollah ist der Drogenhandel. In den vergangenen Jahren spielte die Droge Captagon eine wichtige Rolle. Hergestellt wurde sie im Libanon, aber auch in Syrien während der Diktatur des Assad-Regimes. Dieses kooperierte eng mit der Hisbollah und dem Iran. Verkauft wurde die Droge etwa in Saudi-Arabien. Der umständliche Schmuggel der Drogen erfolgte aber über Europa. Denn Transporte, die aus Europa kommen, werden in Saudi-Arabien weniger streng kontrolliert als jene aus dem Libanon.
Khatib verweist darauf, dass nach dem Sturz des Assad-Regimes 2024 die Einkünfte aus dem Captagon-Handel für die Hisbollah zurückgehen. Daher versuche die Gruppe, ihren sonstigen Drogenhandel in Europa auszubauen. Möglichkeiten dazu hat die Hisbollah durch ihre Verbindungen zu südamerikanischen Drogenkartellen. Bereits ab den frühen 2000er-Jahren fing die Gruppe an, mit den Kartellen zu kooperieren. So kauft die Hisbollah Drogen, vor allem Kokain, von den Kartellen und verkauft diese in Europa weiter. Die Erlöse werden dann in legale Güter wie teure Autos und Uhren investiert und diese dann in Westafrika verkauft. Das Geld wandert in den Libanon zurück, wo es beispielsweise für Waffenkäufe verwendet wird.
Laut der Expertin wird die Hisbollah auch als Geldwäscher für die Kartelle in Europa tätig – und kassiert dafür einen Prozentsatz der Gewinne. Auch der Kunst- und Diamantenhandel und der Handel mit Kryptowährungen seien wichtige Standbeine der Terrorgruppe. Khatib geht davon aus, dass die Hisbollah in Europa weiter Fuß fassen könnte.
Österreich sei zwar nicht der zentrale Umschlagsplatz für die Gruppe, schilderte Khatib. Als Nachbarland von Deutschland, einem der wichtigsten Länder für die Hisbollah-Geschäfte, könnte aber auch Österreich wieder in den Fokus rücken. Auf die Bedrohungen sieht Khatib Europa derzeit nicht ausreichend vorbereitet. Ein großes Problem sei, dass nur manche Staaten wie Deutschland und die Niederlande in Europa die Hisbollah in ihrer Gesamtheit als Terrororganisation einstufen. Andere Staaten wie Frankreich und Österreich stufen nur den militärischen, nicht aber den politischen Flügel der Terror-Miliz als Terrororganisation ein. Khatib lehnt diese Unterscheidung aufgrund der engen Verzahnung dieser Flügel ab.
Der unterschiedliche Zugang führe zu Problemen bei der Strafverfolgung und der Kooperation der Behörden, sagt Khatib. So muss in manchen Staaten nachgewiesen werden, dass sichergestellte Finanzmittel dem militärischen Flügel der Hisbollah zugutekommen, was zu Beweisproblemen führen kann. Auch kann die Hisbollah in Ländern, in denen sie nur teilweise verboten ist, ihren Machenschaften leichter nachgehen. In Österreich konnte etwa ein Hisbollah-Mitglied 13 Jahre lang zahlreiche Personen für die Gruppe anwerben. Er wurde 2021 in Klagenfurt zu mehreren Jahren Haft verurteilt.
Ferdinand Haberl, Vize-Leiter der Dokumentationsstelle Politischer Islam, fordert in Reaktion auf die Studie, dass Österreich sein Vereinsgesetz und weitere Gesetze evaluieren solle. Haberl begrüßte auch die Forderung des Innenausschusses des Nationalrats, eine Prüfung zur Schließung des Iran-nahen Imam-Ali-Zentrum in Wien einzuleiten. Man müsse sich überlegen, ob man radikale und antisemitische Ideologien in Österreich haben wolle.