Die Terrororganisation Hisbollah nützt Europa und damit auch Österreich intensiv als Drehscheibe für ihre Geldgeschäfte. Das geht aus einer aktuellen Studie der Dokumentationsstelle politischer Islam in Zusammenarbeit mit dem Thinktank Chatham House London hervor. Die Nahostexpertin und Studienautorin Lina Khatib präsentierte am Mittwoch in Wien die wichtigsten Erkenntnisse. „Europa ist aus mehreren Gründen verwundbar“, lautet ihre These.
Die im Libanon entstandene schiitisch-islamistische Hisbollah ist mittlerweile militärisch und politisch stark geschwächt, konnte aber ihre transnationalen Netzwerke im Nahen Osten, Lateinamerika, Afrika und eben auch in Europa aufrechterhalten. Millionen Euro fließen jährlich über verschiedenste verschlungene Wege – von Lateinamerika über Europa und Afrika in Richtung Nahost. Unter anderem ist die Organisation im Handel mit Drogen, Kunstwerken und Blutdiamanten sowie im Öl-Schmuggel und in der Geldwäsche verstrickt, heißt es im Bericht. „Diese Studie ist nur die Spitze des Eisbergs“, sagt Khatib, die sich auf öffentliche zugängliche Quellen beruft.
Die Kooperation mit kriminellen Netzwerken über europäische Staaten hinaus, etwa mit Drogenkartellen, führt auch die globale Dimension der Hisbollah-Finanzierung vor Augen
Lina Khatib, Nahostexpertin
Ein wesentlicher Aspekt: Die Finanzdeals der Hisbollah laufen häufig über Kryptowährungen, was der Anonymität dient. Außerdem werden legale und illegale Geschäftsmodelle gerne verbunden. Viel Geld fließe auch über Spenden an gemeinnützige oder religiöse Organisationen, so Khatib – und das gewissermaßen legal bzw. unter dem Radar der Behörden. Weil nicht alle Staaten in der EU die Hisbollah geschlossen als Terrororganisation einstufen (sondern wie auch Österreich nur den militärischen Arm, Anm.), seien die Beteiligten schwer zu fassen.
Ferdinand Haberl, stellvertretender Leiter der Dokumentationsstelle (DPI), verwies diesbezüglich auf das Vereinsgesetz, das in Österreich eine Verschärfung vertragen könnte.
Im Rahmen der Analyse wurden auch der Hisbollah zugeordnete Operationen in Österreich untersucht. Als Beispiel ist etwa der Fall eines im Jahr 2020 und 2021 in Klagenfurt zu mehreren Jahren Haft verurteilten Hisbollah-Kommandeurs zu nennen. Er wurde schuldig gesprochen, Mitglied einer terroristischen Vereinigung zu sein. Der Libanese hatte für die Hisbollah rund 250 Jugendliche und Männer angeworben und war über viele Jahre hinweg in Österreich an der Finanzierung der Organisation mitgewirkt.
2021 konnten die Behörden ein Schmuggelnetzwerk aufdecken. Die Tätergruppe schleuste große Mengen Captagon und Kokain unbemerkt in Saudi-Arabien ein. Die im Libanon hergestellten Drogen wurden in Geräten wie Pizzaöfen oder Waschmaschinen versteckt und über Belgien und Österreich nach Italien in verschiedene Hafenstädte geschmuggelt. Eine Pizzeria in einem Salzburger Ort diente in diesem Fall als Tarnung.