Wenn es eine Künstlerin gibt, die man unbedingt persönlich treffen will, dann Marina Abramović. Alles an diesem Superstar der Performance ist Körper und Präsenz. Diese Frau stand schon in den 70ern nackt in der Galerietür, durch die das Publikum sich an ihr vorbeipressen musste. Sie gab Menschen 72 Gegenstände an die Hand, mit denen man auf sie losgehen durfte – darunter eine geladene Waffe.
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Ein halbes Jahrhundert Performance: Marina Abramović
Seit über fünf Jahrzehnten macht Abramović auf diese Weise ihren Körper zu Kunst, erträgt selbstgewählte Schmerzen und lädt sich selbst immer mehr mit Bedeutung auf. Inzwischen grenzt es ans Schamanentum. In Griechenland lehrt sie am Abramović-Institut bei Fasten- und Schweige-Seminaren die „Abramović-Methode“. Eine Wellness-Linie hat sie auch. Die Gesichtslotion kostet 199 Pfund, Method-Tropfen für Langlebigkeit sind für die Hälfte zu haben.
Klingt viel. Aber dafür besteht an der Wirkung kein Zweifel. Die Intensität der Künstlerin ist schließlich so enorm, dass ihr bloßer Blick alles und jeden in Kunst verwandelt. 2010 saß sie knappe drei Monate im New Yorker Museum of Modern Art und guckte wechselnden Besuchern in die Augen. „The Artist is present“ hieß die Performance – die Künstlerin ist anwesend. Viele weinten.
Diesen Blick will man erleben. Bevor Abramović im November 80 Jahre alt wird, zeigt sie in Berlin die – wie sie selbst sagt – ambitionierteste Arbeit ihres Lebens: „Balkan Erotic Epic“. Sie umkreist Sexualität und archaische Rituale und ist in zwei Teile gegliedert. Im Herbst zeigt das Haus der Berliner Festspiele eine Großinszenierung aus 13 einzelnen Performances. Eine flankierende Ausstellung eröffnet schon jetzt im Gropius Bau.
Kunst unter Lebensgefahr: Marina Abramović hat mit Würgeschlangen posiert, die mehrere Wochen nicht gefüttert worden waren.
Foto: Imago / Bildgehege
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Marina Abramović: Was zeigt die Ausstellung in Berlin?
In Video und Fotografie werden Klassiker dokumentiert: Abramović, die sich den Bauch blutig ritzt und hungrige Würgeschlangen über sich kriechen lässt. Ein sternförmiger Scheiterhaufen, in dem sie sich bis zur Bewusstlosigkeit dem Sauerstoffmangel aussetzte, ist nachgebaut. Und die Performance, in der Abramović einst nackt unter einem Skelett lag, stellen nun andere Künstlerinnen nach.
Wer nicht da ist: Marina Abramović. The artist is absent. Wegen einer Erkrankung kann sie nicht reisen. Ein Interview ist nicht möglich. Auf der Pressekonferenz wird nur eine Botschaft eingespielt. Abramović antwortet auf Fragen, die man vorher einreichen konnte – per Online-Formular. Eine lautet, ob die Kunst erotischer ist als das Leben. Für Abramović schon. Das Leben, antwortet sie, ist nicht mehr erotisch genug. Eine ganze Generation habe Angst vor Liebe, Sex und Schmerz – weil sie nur noch digital kommuniziert. Sagt die Künstlerin – in digitaler Aufzeichnung. Und sie hat recht: Es ist nicht das Gleiche. Im Herbst machen wir einen neuen Versuch mit dem Interview.
Unsinnlichstes aller Interviews: Vor der Pressekonferenz konnte man Fragen an Marina Abramović online einreichen.
Foto: Daniel Benedict
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