Internationale Organisationen ziehen ausländische Agenten und Agentinnen an. Der Historiker Thomas Riegler veröffentlichte nun die unterschiedlichen konspirativen Schauplätze und Treffpunkte Wiens. Diese Woche präsentierte er es im Wiener Café Korb.

Der britische Thriller „Der dritte Mann“ mit dem US-Regisseur und Schauspieler Orson Welles aus dem Nachkriegswien im Jahr 1949 hat vielfach den Ruf Wiens als Hauptstadt der Geheimdienste begründet. Das stimme so nicht, sagt der Historiker und Politikwissenschaftler Thomas Riegler. In Europa falle diese Zuschreibung eindeutig auf Brüssel, dem Hauptquartier der EU und der Nato. Dann würden als europäische Spionagezentren Wien gemeinsam mit Genf und Den Haag folgen und natürlich auch der Finanzplatz London, meinte Riegler in dieser Woche bei der Präsentation seines Buches „Spionagestadt Wien“.

Thomas Riegler sieht seine Recherchen auch als Forschungsdisziplin. Der Autor ist Mitarbeiter im „Austrian Center für Intelligence, Propaganda and Security Studies“ (Acipss), ein vor etwa 20 Jahren gegründetes internationales gemeinnütziges Forschungszentrum, das mit der Universität Graz kooperiert. Im Fokus stehen Fragen regionaler und internationaler Sicherheit, die Erforschung von Geheim- und Nachrichtendiensten sowie deren Propaganda. Zu den sicherheitsbezogenen Fragestellungen zählen unter anderem hybride Bedrohungen, Terrorismus, radikale Ideologien, Konflikte, Krisen und Kriege. Geöffnete Archive fördern neue Erkenntnisse zutage. So konnte auch Riegler bisher nicht veröffentlichte Primärquellen aus dem Österreichischen Staatsarchiv für sein Wien-Buch erschließen.

Wien wird als wichtiges Drehkreuz gesehen. Hier befinden sich etwa 50 internationale und quasi-internationale Organisationen, allen voran die Opec, dann die OSZE, die UNO und Unido. Die Stadt ist auch die Mitte vieler Verkehrswege sowie Gas- und Stromverbindungen. Und schließlich kommt die laxe österreichische Spionagegesetzgebung dazu. Wenn österreichische Interessen nicht berührt wurden, kam es zu keiner Verfolgung. Obwohl schon mehrere Spionagefälle behördlich aufgedeckt wurden, gab es hierzulande noch keine Verurteilung eines ausländischen Agenten. Erst vor einigen Jahren setzte eine politische Diskussion um eine wirksamere Gesetzgebung ein. Und in diesem Jahr soll auch ohne tatsächlichen Schaden für Österreich ein Strafbestand verankert werden.

Wann, wo und wie wurde in Wien von östlichen und westlichen Geheimdiensten spioniert? Riegler beleuchtet in seinem Buch (Untertitel: „Ein historischer Reiseführer“) die Schauplätze, die er mit Namen und Anschriften aufzählt. Die Agenten und ihre Mittelsmänner trafen sich in der Nähe der Botschaften, in Hotels, Kaffeehäusern und Gaststätten. Ein prominentes Ringstraßen-Café wurde intern als „Café der Spione“ bezeichnet. Eine Besonderheit sind die ausländischen Militärattachés, „die geduldete Spione sind, auch was Österreich betrifft“ (Riegler). Auch gegen Satellitenschüsseln auf Botschaftsgebäuden könne man nichts unternehmen.

Anschließend führt der Autor detailreich acht Fälle auf, vom britischen Doppelagenten Kim Philby in der Zwischenkriegszeit bis zur aktuellen Verfolgung des offensichtlich russischen Geheimdienstmitarbeiters Jan Marsalek.

Zur klassischen Ost-West-Spionage sind neue Szenarien hinzugekommen. So gilt Österreich heute als wichtige Drehscheibe für die jihadistische Terrorszene. Und schließlich, so Thomas Riegler: „Die Rezepte der Vergangenheit haben endgültig ausgedient.“ Österreich müsse neue Wege finden, um mit der radikal geäderten geopolitischen Lage und dem damit verbundenen höheren Spionageaufkommen umzugehen.


Thomas Riegler: <strong>„Spionagestadt Wien“</strong> (239 Seiten, Promedia Verlag, 26 Euro)

Thomas Riegler: „Spionagestadt Wien“ (239 Seiten, Promedia Verlag, 26 Euro) 

Lesen Sie mehr zu diesen Themen: