So nahe ist ihm wohl kaum jemand gekommen, dem zu Lebzeiten von christlichsozialen Frauen, danach auch von Hitler kultisch verehrten Wiener Bürgermeister Karl Lueger (1844-1910), der heute als erster antisemitischer Populist zu Recht in Verruf gekommen ist: In einer schlichten Werkshalle in Traiskirchen liegt er als überlebensgroße Version seiner selbst in Bronze, mehr als vier Meter hoch, auf dem Rücken. Die pathetische Geste der ans Herz gelegten Hände, der zur Rede anhebende, leicht geöffnete Mund samt Zähnen, die starren Augen – all das lässt in dieser misslichen Lage eher an eine Aufbahrung denken.
Doch die Bronzestatue, die das Lueger-Denkmal am Stubentor krönt, soll in Zukunft nicht um 90 Grad umfallen, sondern nur um die Wahrnehmung irritierende 3,5 Grad gekippt werden. Inklusive des ganzen steinernen Unter- bzw. Sockelbaus. Das steingewordene Gedenken soll in „Schieflage“ geraten, so der Titel dieses lange diskutierten Siegerprojekts von Klemens Wihlidal für die noch länger eingeforderte Kontextualisierung des Monuments.
Diese ist aber nicht der alleinige Grund, warum Lueger jetzt in Traiskirchen zum Erliegen gekommen ist. Die vergangenen Jahre wurde das Denkmal immer wieder Ziel von Vandalenakten, einer Guerilla-Kontextualisierung, die bald Teil des Stadtbilds, ja Teil der Stadtkultur wurde: Immer wieder wurde „Schande“ auf die kalksteinerne Sockel- und Reliefzone gesprüht, Teer wurde aufgetragen. Zuletzt schafften es Aktivisten sogar, die Bronzestatue aus schwindelnder Höhe mit hellblauer Farbe zu überschütten. Hätte man all das nicht auch belassen können, das Denkmal samt Volkszorn kippen können? Es sei alles gründlich dokumentiert worden, aber: „Die Stadt habe eine Denkmalerhaltungspflicht“, erinnert Cornelia Offergeld.
Die künstlerische Leiterin von KÖR, der Wiener Institution für Kunst im öffentlichen Raum, ist mit der Durchführung des ganzen Projekts inklusive Restaurierung betraut. Gemeinsam besuchen wir Lueger samt Sockel beim Generalunternehmer, dem Steinmetzbetrieb Ecker, der bereits das Rathaus und die Votivkirche saniert hat. Bis zu 80 Tonnen Stein und eine Tonne Bronze habe man im Februar vom Lueger-Platz nach Traiskirchen transportiert. Im Sommer soll alles wieder am Stubentor stehen. Frisch gereinigt, ein bisschen geneigt, nach rechts natürlich. Aber wirklich ganz ohne „Schande“-Flecken?
Das Ziel sei gewesen, einen Zustand herzustellen, der die „Interventionen der letzten Jahre nicht plakativ stehen lässt“, erklärt Steinrestauratorin Josephine Reißig der „Presse“ vor Ort. Bis auf einige leichte Schatten konnte sie die Farbe „nahezu rückstandsfrei“ entfernen. Vor allem aber hat sie auch Beschädigungen am Stein selbst wieder ergänzt, mit Altmaterial vor allem, es soll ja „nicht ausschauen wie neu“: Der Stock des alten Mannes aus den allegorischen Standbildern in der Mittelzone etwa war abgeschlagen worden. Genauso eine große Zehe. Oder der Hammer des Arbeiters. Zuletzt wurde ein unsichtbarer Antigraffiti-Überzug aufgetragen, der die zukünftige Reinigung erleichtern soll, so Reißig. Denn mit neuen Graffiti ist wohl zu rechnen.
Die Kontextualisierung, also die Kippung, koste nur einen Bruchteil davon, was die Entfernung der Vandalenakte koste, erklärt Georg Riemer, der für die Bronzestatue zuständige Restaurator. Es ärgere ihn irrsinnig, was da an Kosten kolportiert werde, bricht es fast aus ihm heraus. Hat er recht? Sicher, bei der Statue selbst musste nur ein Dorn der Verankerung für die Statik verstärkt werden. Aber den steinernen Unterbau hätte man ohne Kippung nicht abbauen müssen. Wobei: Sowohl für die Steinrestauratorin als auch das städtische Umfeld sei die Restaurierung in der Halle weniger belastend gewesen, erfährt man.
500.000 Euro bewilligte der Gemeinderat 2022 und 2023 für die Lueger-Kontextualisierung, inklusive Wettbewerb, rechtliche Gutachten und wissenschaftliche Aufarbeitung. Drei Jahre später sind die Gesamtkosten auf gut 776.000 Euro angewachsen; angesichts der allgemeinen Teuerung eine erwartbare Größe. Wobei schon die nötigen Restaurierungsarbeiten die Hälfte der Mehrkosten erklären. Es sei schon ein „beträchtlicher Arbeitsaufwand“ gewesen, die Beschmierungen zu entfernen, so Riemer. Auch bei der Bronzestatue plädiert er für einen schützenden Überzug. Riemer ist ein erfahrener Metallrestaurator. Auch das Maria-Theresien-Denkmal hatte er in Obhut. Es wurde von Kaspar Zumbusch entworfen, dessen Meisterklasse Josef Müllner an der Akademie besuchte. 14 Jahre und einen Weltkrieg musste Müllner später warten, bis sein Lueger-Denkmal 1926 enthüllt wurde. Das übrigens auch von jüdischen Großspendern finanzierte Monument gehöre allerdings nicht zu seinen „bedeutendsten“ Arbeiten, liest man etwa beim Skulpturenspezialisten Andreas Nierhaus (Wien Museum).
Wobei Bildhauer samt Werk noch dringend weiterer Forschung bedürften. Über mehrere Regime hinweg war er schließlich vor allem eines: deutsch-national, auch in seinen ideologisch aufgeladenen Werken. Von Müllner stammt etwa der bis zu seiner Kontextualisierung 2006 als Treffpunkt von Burschenschaftern dienende „Siegfriedskopf“ in der Wiener Universität. In der NS-Zeit war Müllner Bildhauerei-Professor an der Akademie und galt als einer der „Gottbegnadeten Künstler“ Hitlers.
Müllners Name findet sich übrigens auch auf der Liste der überwiegend christlichsozialen Unterstützer des Denkmals in der Schlussstein-Urkunde, die man unter einem Fuß Luegers eingemauert gefunden hat. Auch sie harrt weiterer Aufarbeitung. Eingebaut wird sie jedenfalls nicht wieder.