Wenn einer Phänomen und Magie eines Marathons erklären kann, dann der Engländer Hugh Brasher. Ein Gespräch über Schritte, Community, Eliud Kipchoge, Laufkultur und was in Wien leichter gelingt als in London.

Läuferinnen und Läufer beim Start des Wien-Marathons im Vorjahr. APA / APA / Eva Manhart
Sie sind der Mann, der beim London-Marathon die Fäden zieht. Was bedeutet Ihnen das Laufen, was ist Ihr größter Wunsch?
Hugh Brasher: Running ist positiv. Das gemeinsame Laufen öffnet Arme und Türen. Ein Marathon kann die Menschen in einer Welt, in der wir stärker voneinander getrennt sind als je zuvor, mit 42,195 Kilometern oder 26,2 Meilen zusammenbringen. Es geht um Community, ein Marathon ist etwas, woran du dich für den Rest deines Lebens erinnerst. Marathons haben starke wirtschaftliche und gesellschaftliche Effekte, es ist eine Kraft in unserer Welt. Es hilft der Seele zu atmen, dient der Gesundheit – ein Marathon bringt auch deine Psyche in Gang, denn du musst es auch mental wollen und schaffen. Mein Wunsch? Dass alle sehen, wie weit voneinander getrennt wir in diesen Zeiten mit Kriegen sind und wie nah wir sein könnten, wenn wir ein gemeinsames Ziel hätten.
Viele folgen mit jedem Schritt auch einer eigenen Philosophie. Sehen Sie das genauso?
Das ist ein „State of Mind“, es ist mehr als das bloße Herunterbeten von Zahlen oder Distanzen. Das ist Laufen für mich keinesfalls, es ist ein Gefühl. Wer bei einem City-Marathon mitmacht, erlebt wie diese Stadt erwacht, lebendig wird auf jedem Meter, den man schafft. An jeder Ecke stehen Menschen, die dich anfeuern und weil dein Name neben oder unter der Startnummer steht, rufen sie dich auch beim Namen. Tausende wildfremde Menschen feuern dich an – was willst du mehr? Im normalen Alltag sind wir doch heilfroh, wenn uns einer am Arbeitsplatz für die geleistete Arbeit dankt, oder? Die Zuschauer wollen dich an der Ziellinie sehen, das ist ein Abenteuer. Man will Helden, Sieger oder Menschen wie du und ich sehen, die das Unmögliche schaffen. Das ist gelebte Philosophie mit Nächstenliebe.

Er formte den London-Marathon zum weltgrößten Lauf: Hugh Brasher. Die Presse Fotos extern
Gibt es diesen Mythos hinter einem Marathon wirklich oder ist alles bloß Fiktion?
Ja, ich denke, das Erfolgsgeheimnis jedes Marathons ist das Erlebnis, das Miterleben dieses Rennens. Für die, die laufen, ist es ein Lebenstraum, der in Erfüllung geht. Für die, die an der Straße stehen und dich anfeuern, ist es Begeisterung. Es kann auch Erstaunen sein, wenn einer sich verausgabend vorbeiläuft, aber meistens ist es Applaus. Dazu all der Lärm entlang dieser verdammt langen Strecke, in einer Stadt, die du zuvor vielleicht so noch nie erlebt hast und nach dem Rennen auch nie wieder so sehen wirst, weil jeder Lauf eben anders ist. Es ist eine Feier. Wir sagen immer: „London hat die größte Street-Party der Welt. Mit 60.000 Menschen, die 26,2 Meilen laufen.“ Das ist real, keine Fiktion.
England ist auch ein Land mit großer Sportkultur, beflügelt das auch das Interesse am Laufsport?
London liebt Sport, ja. Erinnern Sie sich an 2012 und die Sommerspiele, oder die Frauen-Fußball-EM. Gehen Sie zu Arsenal oder Tottenham, die hassen sich zwar wie die Pest, aber es ist großartiger Fußball. Rugby, Cricket, Laufen – wir lieben es, ja. Aber es sind nicht überall immer die gleichen Menschen, jeder hat andere Interessen. Je mehr, desto besser.

Kelvin Kiptum feierte 2023 einen bemerkenswerten Sieg. APA / AFP / Justin Tallis
Aber der Unterschied ist offensichtlich: Da gibt es ein gegeneinander, eine Liga, eine Meisterschaft. Hier ist es ein Rennen.
Es geht um den Menschen, die man in dieser Serie mit ihren Events willkommen heißt, sie mitreißt. In einer Gesellschaft gelingt das nicht immer oder nur äußerst schwer, wenn Neue dazukommen, bleibt immer eine gewisse Distanz. Im Marathon gibt es die nicht, du bist sofort mittendrin in der Masse und Teil von ihr mit Shirt, Short, Startnummer und Schuhen. Man hilft sich untereinander, reicht auch Fremden die Hände, wenn man Hilfe braucht. Darum kommen auch immer mehr Frauen und jüngere Starter hinzu, es gibt keine Farben, Logos, Stämme, Tore oder Rivalität, sondern nur eine Ziellinie für alle. Ich bin mir auch nicht wirklich sicher, ob es immer einen Sieger braucht, weil jeder Teilnehmer ein Gewinner ist, wenn er sein Ziel erreicht hat. Jeder läuft aus eigenen Beweggründen, für seine Gesundheit etwa, in Memoriam eines verlorenen Freundes oder als Feierlichkeit für eine bestandene Prüfung. Da kann man in den Menschen nicht hineinschauen, manchen geht es sicher auch nur rein um die Zeit. Da spielen die ganzen Nebengeräusche wie Sorgen und Angst keine Rolle. „Mind over Matter“, es geht um das Laufen, das Ankommen.
Auch Sie müssen Zweifel oder Ängste haben im Vorfeld eines Laufes. Da sind sich Wien und London sicher gleich: allerorts gibt es Bürokratie, Behörden, Regeln.
Ach (lacht). Es kostet Energie und Nerven. Aber Rettung, Polizei, Feuerwehr, Bürgermeister, Busfahrer, Freiwillige etc. müssen doch auch Teil des Ganzen sein, ohne sie geht es eben nicht. In London haben wir errechnet, dass jeder der 60.000 Starter täglich an 2,2 Standorten mindestens auftaucht. Dazu all seine Begleiter, es ist ein Millionen-Publikum plötzlich in der Stadt und das muss man doch zusammenarbeiten.
Wie groß ist die Auszeichnung für einen Marathon, wenn der Sieger in Weltrekordzeit einläuft?
Finisher, die schnellste Frau, der schnellste Mann: Es ist immer nur die „Kirsche“ auf dem Kuchen, nicht mehr. Wirklich. Das Wichtigste für mich sind immer diese 60.000 Läufer, die einen perfekten Tag erleben sollen. Und wenn man bedenkt, dass wir für die heurige Auflage am 24. April 1,1 Millionen Anträge für einen Startplatz hatten, ist mehr als belegt, dass wir ein geliebtes Rekord-Event sind.
Sie gelten als treibende Kraft hinter der Serie „European Marathons Classics“, die acht Läufe in Frankfurt, Rom, Madrid, Lissabon, London, Kopenhagen, Wien und Warschau eint. Was ist da das Ziel?
Es ist ebenso der Zusammenhalt. Jeder macht großartige Jobs, jeder hat seine Vorteile, Nachteile. In dieser Serie schließen wir uns zusammen, tauschen Logistik und Know-how aus. Als Gruppe werden wir größer, und als London-Marathon, dem größten der Welt, verspüre ich eine gewisse Verantwortung, das eben alle anderen auch wachsen.
Wien ist ein populäres Event in Europa oder erst seit dem Lauf von Eliud Kipchoge, er blieb 2019 in 1:59 Stunden als erster Mensch unter der Zwei-Stunden-Marke, Fixbestandteil der Marathon-Welt? Wie kam es eigentlich dazu, dass er in Wien diese magischen 1:59,40 Stunden läuft?
Moment, es ist ein großartiger Lauf seit vielen Jahrzehnten. Und wie sich das Rennen entwickelt hat, dazu kann man nur stolz applaudieren. Wir arbeiten enger seit 2019 mit dem VCM-Team zusammen, wir haben Eliud Kipchoge nach dem gescheiteren Versuch in Monza hierhergebracht. Ich war im Juni 2019 also hier, Wolfgang Konrad führte mich herum. Es hatte 30 Grad und ich bekam plötzlich Gänsehaut, als ich die vier Kilometer lange Hauptallee sah. Ohne Wind, perfektes Licht, die hohen Bäume, es war ein Traum. Dann haben wir unsere Maschinerie gestartet und daheim Nachforschungen betrieben. Mit Laser, Algorithmen, Technikern – ich wusste schnell, es ist die Strecke, wo Eliud unter zwei Stunden laufen kann.
So einfach geht das in Wien sicher nicht. Was haben Sie dann getan?
Ich bin wieder nach Wien geflogen und traf Konrad und Gerhard Wehr erneut. Ich fragte ihn, ob der Bürgermeister (Michael Ludwig, Anm.) diese Idee gut finden würde. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass wir die Allee blockieren und den ganzen Wirbel hier abhalten. Wolfgang sagte: „One Moment“. Dann rief er den Bürgermeister an, allein das hat mich schon verwundert, denn ich habe die Nummer des London-Bürgermeisters nicht. Und es wurde noch besser: Wolfgang legte auf und sagte: „Ok, Wien macht mit.“ Dann fuhren wir in eines der Hotels im Prater, man zeigte uns alle Zimmer. Ich fragte, ob es denn eines gibt mit Zimmernummer 159, das wollte ich unbedingt für Eliud haben – als Motivation. Ja, damit wurde in Windeseile Geschichte geschrieben, mit einzigartiger Unterstützung vor einer wundervollen Zuschauerkulisse, den besten Pacemakers, Sky, Ineos, all der Technik, dem perfekten Vorausauto mit penibel genauem Tempo, alles war auf den Millimeter genau. Wien ist eine Running-City, darauf sollte jeder stolz sein.
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