Als am Montag, dem 28. April 1986, im schwedischen Kernkraftwerk Forsmark die Sensoren aufgrund stark angestiegener radioaktiver Belastung anschlugen, dachte man zuerst, es gebe ein Leck in dem AKW. Die gemessenen Werte lagen um 30 bis 40 Prozent über dem normalen Niveau. Doch schon bald war klar: Das Problem war nicht in Schweden, sondern rund 2000 Kilometer südöstlich in der damaligen Sowjetunion und heutigen Ukraine. Denn zwei Tage zuvor, in den frühen Morgenstunden des 26. Aprils, war es im dortigen Atomkraftwerk Tschernobyl zu einer Explosion gekommen, die den kompletten Reaktor des Blocks 4 von Tschernobyl zerstört hatte. Der bis dato größte atomare Unfall in der Geschichte der Menschheit.
Doch was war der Grund für die Katastrophe?
Um den Super-GAU von Tschernobyl zu verstehen, muss man sich die zeitliche Genese anschauen, die zu dem Unfall führte. Das gesamte Kernkraftwerk von Tschernobyl war verhältnismäßig jung zu dieser Zeit. Der erste Block war 1977 in Betrieb gegangen, Block 4 drei Jahre vor dem Unfall im Jahr 1983. Von den verpflichtenden Überprüfungen war ein Test nach wie vor noch nicht mit zufriedenstellendem Ergebnis durchgeführt worden. Es ging dabei um die Überprüfung, ob bei einem Stromausfall die nachlaufende Turbine noch lange genug Strom produzieren kann, um wichtige Systeme bis zum Anspringen der Notstromgeneratoren in Betrieb zu halten.
Dieser Test sollte daher am Freitag, dem 25. April, untertags durchgeführt werden, weil der Reaktor für Wartungsarbeiten ohnehin heruntergefahren werden musste. Da dabei auch verschiedene automatische Schutz- und Sicherheitssysteme teilweise deaktiviert werden mussten, wurde die verantwortliche Tagschicht auch entsprechend auf den Test vorbereitet. Da untertags der Strombedarf im Netz jedoch größer als erwartet war, kam vom Netzbetreiber die Anforderung, dass der Block 4 von Tschernobyl länger aktiv bleiben müsse. Der Test ging sich in der Tagschicht nicht mehr aus und wurde von den Verantwortlichen, die unter dem starken Druck standen, den Test endlich erfolgreich abzuschließen, kurzerhand in die Nachtschicht verschoben. Diese war jedoch überhaupt nicht darauf vorbereitet.

Der ehemalige Kontrollraum im AKW Tschernobyl. Imago / Kyrylo Chubotin
Durch einen Bedienfehler kommt es beim Herunterfahren durch die Reaktorphysik zu einem unerwartet starken Leistungsabfall auf einen niedrigen und instabilen Wert. Spätestens jetzt hätten der Test abgebrochen und der Reaktor komplett heruntergefahren werden sollen. Dennoch entschied sich die Bedienmannschaft – trotz technischer Bedenken – auf Anweisung des leitenden Ingenieurs, den Reaktor wieder leicht hochzufahren, um den Test doch noch durchführen zu können. Dieser verteidigte sich später damit, dass er ja darauf vertraute, dass der RBMK-Reaktor ein Notfall-Abschaltsystem hatte, das im Krisenfall immer noch zur Verfügung stand. Beim Wiederhochfahren des Reaktors wurden die Steuerstäbe daher auch ohne Bedenken weitgehend herausgezogen.
Als die Leistung wieder passt, wird kurz nach 1:20 in der Früh des 26. Aprils der Test gestartet und die Dampfzufuhr der Turbine unterbrochen, um zu sehen, wie viel Strom diese beim Nachlauf noch erzeugen kann. Dadurch verändert sich jedoch auch der Wasserfluss und es entstehen mehr Dampfblasen im Reaktor. Diese führen bauartbedingt zu einem raschen Leistungsanstieg, was noch mehr Dampfblasen erzeugt. Eine gefährliche Kettenreaktion ist in Gang gesetzt.

Der Block 4 unter dem ersten Sarkophag, der 1986 in sieben Monaten gebaut wurde (das Foto stammt aus dem Jahr 2000). Imago / Photoxpress
Die Bedienmannschaft erkennt, dass der Reaktor außer Kontrolle gerät, und betätigt die Notabschaltung. Nun werden die Steuerstäbe in den Reaktor eingefahren. Diese sollen die Neutronen absorbieren und so die Kernspaltung verlangsamen und komplett zum Erliegen bringen. Allerdings hat der Reaktor einen Konstruktionsfehler, von dem auch die Bedienmannschaft aufgrund der in der Sowjetunion üblichen Geheimhaltung nichts weiß: Die Steuerstäbe bestehen zu Beginn aus Graphit. Dieses Bauteil soll, wenn die aus Bor bestehenden Stäbe voll eingefahren sind, im unteren Bereich des Reaktors Wasser verdrängen und so für eine höhere Leistung und bessere Kontrollierbarkeit sorgen. Sind die Stäbe jedoch voll ausgefahren, erhöht das Graphit beim Einfahren kurzzeitig die Reaktorleistung leicht, bevor das dahinterliegende Bor sie wieder senken kann. Die Betätigung der Notabschaltung sorgte also für den genau gegenteiligen Effekt – die Leistung in Block 4 schoss nach oben und der gesamte Reaktor explodierte.
Die Folge der Katastrophe ist, dass der Reaktor sieben Monate lang, bis zum November 1986, offen liegt und dabei Unmengen an radioaktivem Material freisetzt, das sich über ganz Europa verteilt und auch heute noch zu erhöhten Werten vielerorts, auch in Österreich, führt. Dann wird ein erster Betonmantel (“Sarkophag“) über den Reaktor fertiggestellt. Da dieser jedoch durch Erosion von außen und Strahlung von innen löchrig wurde, wird eine zweite Hülle errichtet, die 2016 über die Ruine gezogen wird. Diese Hülle wurde 2025 jedoch durch eine russische Drohne beschädigt, weshalb es nun die Sorge gibt, dass sie einstürzen könnte.

Der verlassene Kindergarten der Stadt Pribyat, in der einst die Mitarbeiter des AKW lebten. Imago / Gökhan Balcı
Die Gegend rund um das AKW wird bereits 1986 teilweise so gesäubert, dass die Strahlenbelastung zwar deutlich höher als etwa in Österreich ist, man sich dort aber wieder aufhalten kann. So nimmt man direkt neben dem Reaktor in 24 Stunden etwa so viel Strahlung auf, wie auf einem Flug von Frankfurt nach New York. Bei den Aufräum- und Reinigungsarbeiten werden damals tausende Arbeiter und Soldaten herangezogen, die als sogenannte „Liquidatoren“ die extrem gefährlichen Trümmer etwa vom Kraftwerksdach wieder zurück in den Reaktor kehren müssen. Aus ihren Reihen stammt auch der Großteil der rund 4000 Toten, die laut WHO langfristig in Folge des Unfalls gestorben sind. Kurzfristig gab es bei der Katastrophe rund 30 Todesfälle in Folge akuter Strahlenkrankheit.