Paradox kommt aus Kreuzberg, ist aufgewachsen in einer Künstlerfamilie, die Eltern trennen sich früh. Er beschreibt sich als unruhiges Kind, athletisch und künstlerisch begabt. Seit einer schlechten Erfahrung in seiner Jugend rührt er keine Drogen, keinen Alkohol an. Mit 16 beginnt er mit Sprühen und Parkour laufen. So erschließt er sich Orte in der Großstadt, die sonst niemand erreicht.
2013 dann sein Durchbruch. Damals veröffentlicht er einen 90-minütigen Film auf DVD und Youtube: „Berlin Kidz“. Paradox und andere Künstler springen darin maskiert über Dächer, er seilt sich zum ersten Mal ab und sprüht vertikal. Drei Leute aus der Crew klettern tagsüber aufs Dach einer fahrenden U-Bahn. Während die Bahn an einem Großaufgebot Polizisten vorbeirattert, entrollen sie ein Banner: „ACAB“, all cops are bastards. Der Film ist eine atemberaubende Anarchie-Show – und macht Paradox und sein Kollektiv aus dem Stand berühmt.
Es ist kurz nach Mitternacht. Paradox ist fertig mit Grundieren, er sitzt gut gelaunt vor einer Bar in der Oranienstraße und trinkt Minztee. In Nächten mit „Actions“, wie er es nennt, geht er selten ins Bett, bevor es hell wird: zu viel Adrenalin. Stattdessen wird er noch bis spät in die Nacht in seinem Studio sitzen und zum Runterkommen Vorhängeschlösser knacken. „Das ist für mich wie Meditieren.“ Das Leben als Phantom wirkt in solchen Momenten ein wenig einsam. Ob er Familie hat, eine Partnerschaft, verrät er einem nicht.
Er möchte junge Leute wachrütteln, vor der Konsumgesellschaft warnen
Paradox versteht früh die Logik der sozialen Medien. Seine Videos gehen viral; bald folgen ihm Zehntausende auf Instagram und Youtube. Unter seine schwer zu entziffernden Glyphen schreibt er immer öfter gut lesbare sozialkritische Botschaften: „Stop making stupid people famous.“ – „The universe is trying to talk to you.“ – „Stop war.“ 2020 sagte er in einem Interview: „Wenn ich überlege, wie die junge Generation so tickt, glaube ich schon, dass die ein bisschen wachgerüttelt werden muss.“
Er ist getrieben von einer linken Systemkritik, die man etwas unterkomplex finden kann – die in der autonomen Szene in Berlin-Kreuzberg aber quasi Tradition hat. Paradox ist strikt gegen die moderne Konsumgesellschaft. Gegen den Ausverkauf der Stadt. Aber auch gegen sexistischen Rap, Alkohol und Drogen. „Meine Kunst soll die Menschen in ihr Bewusstsein holen“, sagt er. „Wir sind permanent abgelenkt.“
Dieser Anspruch ist untypisch für die Graffiti-Szene. Dessen Zweck ist es eigentlich, den eigenen Namen an sichtbarer Stelle zu hinterlassen – mehr nicht. Das Prinzip gab es schon im alten Pompeji. Die heute vorherrschende Ästhetik, mit gesprühten Schriftzügen, oft nur für Eingeweihte lesbar, kommt ursprünglich aus New York. Paradox hingegen macht eher Street-Art: Darunter versteht man Kunst, die gefälliger ist, oft mit politischem Inhalt, sich nicht nur an die Szene selbst richtet. Neben der Sprühdose nutzt er meterhohe, an Wände geklebte Skulpturen, die er „Guardians“ nennt, Wächter. Street-Art ist anerkannter und, nebenbei gesagt, auch besser vermarktbar als Graffiti: Banksy lässt seine sozialkritischen Schablonenbilder für Millionen versteigern.