Es ist schon ziemlich bemerkenswert, wie viel Energie die am europäischen Luftkampfsystem FCAS beteiligten Unternehmen aufbringen, um zuerst über ihre Führungsrolle zu streiten und in aller Öffentlichkeit ihre Machtkämpfe auszutragen. Und dann wochenlang versuchen, mithilfe von Mediatoren ihren Streit zu schlichten. Als hätte Russland nicht schon vor über vier Jahren die Ukraine überfallen. Als wäre ein außer Kontrolle geratener US-Präsident Donald Trump nicht längst dabei, den alten Westen, so wie wir ihn kannten, zu zerschlagen und eine neue Weltordnung zu bauen, die nicht mehr auf Werte, sondern auf militärische Härte und Willkür setzt.

Es sind Zeiten, in denen politische Grundsatzdebatten in Berlin, Paris und Brüssel aus guten Gründen davon handeln, warum Europa militärisch souveräner werden muss, um sich im Notfall auch ohne die USA verteidigen zu können. Aber Frankreich und Deutschland sowie die maßgeblich an FCAS beteiligten Konzerne Dassault und Airbus sind mit sich selbst beschäftigt. Gruppentherapie in geopolitisch anspruchsvollen Zeiten – darauf muss man erst mal kommen.

Kleingeistigkeit und großes Drama

So kommen Kleingeistigkeit und großes Drama zusammen: Von hoher See aus rollt, massiv und für alle sichtbar, ein gigantischer Tsunami heran. Und die Menschen am Strand? Streiten, gut gebräunt und frisch geölt, über die besten Sonnenstühle in der ersten Reihe. Die Strand-Metapher erinnert in diesen Tagen auch auf ungute Weise an das 100-Milliarden-Euro-Projekt FCAS .

Die Abkürzung steht für „Future Combat Air System“, dem wohl wichtigsten europäischen Rüstungsprojekt überhaupt. Ein intelligentes Kampfsystem, bestehend aus zentralem Jet, Drohnenschwärmen, Satellitensteuerung und jeder Menge künstlicher Intelligenz. Ein europäisches Projekt, das die aktuellen Kampfflugzeuge Eurofighter und Rafale ersetzen und von 2040/2045 an im Einsatz sein soll.

Gruppenbild vor FCAS-Modell: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (3.v.l.) und die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (2.v.l.) 2019 bei der 53. Internationalen Pariser Luftfahrtausstellung auf dem Flughafen Le Bourget.Gruppenbild vor FCAS-Modell: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron (3.v.l.) und die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (2.v.l.) 2019 bei der 53. Internationalen Pariser Luftfahrtausstellung auf dem Flughafen Le Bourget. Benoit Tessier/picture alliance/dpa/POOL Reuter

Als die damalige Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen die Vereinbarung zu diesem Projekt im Juni 2019 zusammen mit ihren Amtskolleginnen aus Frankreich und Spanien auf den Weg brachte, lobten die Unterzeichnerinnen: „Die europäische Zukunft beginnt heute.“ Große Gesten, große Rhetorik, großer Plan, große Zukunft.

Die Frage ist: Wie beendet man einen jahrelangen Machtkampf?

Was stattdessen aber begann, war eine lange Phase der Streitereien und Sticheleien. Jahre, in denen aber auch Milliarden investiert wurden. Vor allem Dassault-Chef Éric Trappier war es, der auf der Führungsrolle beim Bau des Flugzeugs beharrte – ein sehr spezielles Verständnis von Kooperation, bei dem die Partner von Airbus Defence nicht mitgehen wollten. Bei FCAS sollte mindestens auf Augenhöhe gearbeitet werden – finanziell, strategisch, technologisch.

Um nun zu retten, was zu retten ist, wurden vor einigen Wochen noch zwei Mediatoren ins Rennen geschickt: der frühere Chef des Panzerbauers KMW, Frank Haun, und der ehemalige französische Rüstungsmanager Laurent Collet-Billon. Medienberichten zufolge soll auch dieser vermutlich letzte Schlichtungsversuch gescheitert sein. FCAS hängt also in der Luft, immer noch und mehr denn je. Möglich ist, dass sich Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und der französische Präsident Emmanuel Macron in den kommenden Tagen doch noch einmal aufraffen und eine Lösung präsentieren.

Ein Vorschlag, der zurzeit stark ventiliert wird, sieht den Bau von zwei verschiedenen Kampfjets vor. Die deutsch-französische Kooperation, mit der mal Europas Zukunft beginnen sollte, würde sich dann auf die Kooperation bei Drohnen und bei den Cloud-Technologien beschränken. Befürworter dieses Modells setzen auf die gesichtswahrende Wirkung einer solchen Lösung: FCAS wäre ja nicht komplett gescheitert, sondern hätte nur eine Art neues Design bekommen. Kann man so sehen. Man kann es aber auch ganz anders lesen: Zwei getrennte Jets als Symbol für die Unfähigkeit zweier großer europäischer Staaten, etwas Gemeinsames auf die Beine zu stellen.

Was FCAS über den Zustand Europas sagt? Nichts Gutes.

So oder so wäre das Jahrhundertprojekt FCAS schon von Beginn an massiv beschädigt, und der Fall sagt damit vermutlich weniger über Kampfflugzeuge an sich aus als über die deutsch-französischen Beziehungen. Über den Zustand Europas und die Befindlichkeiten von Großkonzernen, die ihre eigenen Interessen und Egoismen über das Wohl eines gesamten Kontinents stellen. Und es spielt leider jenen Feinden Europas in die Hände, die den alten Kontinent als geopolitische Macht längst abgemeldet haben und ihn nur noch als Spielball ihrer eigenen Machtinteressen betrachten.