Diese Woche wurde der Cast des neuen Herr der Ringe-Films verkündet, darunter auch der neue Darsteller, der in Zukunft meinen liebsten Waldläufer, Kämpfer und König verkörpern wird: Jamie Dornan spielt Aragorn in
The Lord of the Rings: The Hunt for Gollum.
Ich gestehe: Meine erste Reaktion als langjähriger Herr der Ringe-Fan war ein innerliches „WTF?!“ Der mit Fifty Shades of Grey berühmt gewordene Star sollte meinen Viggo ersetzen? Niemals! Aber je länger ich über die neue Mittelerde-Besetzung nachdenke, desto gelungener erscheint sie mir. Denn nur zwei (überwindbare) Probleme stehen ihm im Weg.
Herr der Ringe-Problem Nummer 1: Eigentlich kann niemand Viggo Mortensen als Aragorn ersetzen
Seit dem Kinostart von Die Gefährten 2001 zählt Peter Jacksons Herr der Ringe-Trilogie zu meinen absoluten Lieblingsfilmen – und Viggo Mortensen zum perfektesten Aragorn, den ich mir vorstellen konnte, seit meine Kinderfinger einst zur Lektüre von J.R.R. Tolkiens Fantasy-Epos griffen. Jeder Schauspieler, der diese anbetungswürdige, fettighaarige Heldenversion eines verschmutzten Königs abzulösen versuchte, hat also von vornherein schlechte Karten. Viggo Mortensen ist und bleibt Aragorn.
Nun ist das Vergehen der Zeit aber ebenso wenig aufzuhalten wie neue Herr der Ringe-Filme. Der mittlerweile
68-jährige Viggo ist im echten Leben kein
Dúnedain, der wie Aragorn mit seinen 87 Jahren quasi noch als Jungspund durch Mittelerde rennt. Tatsächlich wollte das Team des neuen Herr der Ringe-Films ihn sogar zurückholen. Aber Mortensen stellte früh klar, dass er nur zur Rückkehr seines Königs bereit sei, wenn die Rahmenbedingungen (wie das Alter) stimmen würden. Anders als der zu jeder KI-Schandtat bereite Legolas-Star Orlando Bloom zog der Aragorn-Schauspieler seine Grenze offenbar bei digitalem De-Aging. Was ich ihm hoch anrechne.
Damit blieb Andy Serkis‚ Film letztendlich nur die Option, Hauptfigur Aragorn für The Hunt for Gollum neu zu besetzen. Und ich konnte aufatmen, dass mein Heldenbild von Arathorns Sohn nicht nachträglich durch ein verzerrt verjüngtes Gesicht aus dem Uncanny Valley (auf der Mittelerde-Karte: direkt neben Bruchtal) angekratzt wurde. Wenn Herr der Ringe-Fans in den sozialen Medien ihren Unmut über den ausgetauschten Aragorn kundtun, liegt das zu
mindestens
50 Prozent daran, dass niemand Viggo Mortensen als „einzig wahren König“ loslassen will. Aber es ist ja nicht so, dass seine Erinnerung mit dem neuen Film ausgetauscht wird. Wir bekommen lediglich eine neue Auslegung der Figur, in der uns Aragorns moralische Standhaftigkeit von Neuem erobern kann.
Herr der Ringe-Problem Nummer 2: Fifty Shades of Mittelerde?
Bei vielen offiziellen Meldungen zum neuen Herr der Ringe-Cast wurde Jamie Dornan als Star aus The Fall oder Belfast angekündigt – als wenn ich dadurch vergessen könnte, dass seine berühmteste Rolle auch acht Jahre später noch die des gequälten Sadomaso-Milliardärs Christian Grey aus der Fifty Shades-Trilogie ist.
Die BDSM-Romanze einer Literaturstudentin, die einem reichen Unternehmer mit „dunklem Geheimnis“ den Kopf verdreht (nach den von Twilight inspirierten Büchern von E.L. James), war an den Kinokassen mit Einnahmen von insgesamt über 1 Milliarde US-Dollar extrem erfolgreich. Die vor allem aus Sexszenen und schmachtenden Blicken bestehende Reihe hat allerdings nicht den besten Ruf, was sich nicht nur in meiner persönlichen Schauerfahrung, sondern auch in den Bewertungen widerspiegelt: Bei Moviepilot haben alle drei Filme Durchschnittswertungen von unter 5/10 Punkten. Und dieser zweifelhafte Christian Grey sollte jetzt mein neuer Aragorn werden?
Doch natürlich sollte man einen Schauspieler niemals mit seinen Rollen verwechseln. Statt Dornans Qualitäten allein an seinem größten Filmhit zu messen (und mir in der Verlängerung Saurons Folterkammer als „Roten Raum“ der Grey-Residenz auszumalen), halte ich mir lieber seine anderen Auftritte für eine Aragorn-Empfehlung vor Augen.
Denn bevor ich Jamie Dornan als Christian Grey verinnerlichte, kannte ich ihn aus der Fantasyserie Once Upon a Time – Es war einmal …, wo er in Staffel 1 als Jäger Graham eine meiner Lieblingsfiguren verkörperte. Wer mit Schneewittchen fertig wird, kann bestimmt auch Gollum schnappen. Einmal ein Waldläufer, immer ein Waldläufer.
Jamie Dornan besitzt bereits viele Aragorn-Qualitäten
Zunächst einmal bin ich auf fast schon peinliche Weise erleichtert, dass nicht der von vorigen Castinggerüchten für die Rolle gehandelte Leo Woodall zum Aragorn der Gen Z aufsteigt. Er kann meinetwegen die zweite Waldläufer-Rolle des noch unbekannten Dúnedain Halvard spielen, aber
ich hätte ihn mir partout nicht als zukünftigen König vorstellen können. Bei Jamie Dornan sieht das anders aus.
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Nicht nur optisch verspricht der nordirische Schauspieler, die Rolle mit Dreitagebart und schulterlangen Haaren hinreichend auszufüllen. Auch in Jamie Dornans vorigen Performances blitzten immer wieder Elemente auf, die ihn mir heute als Aragorn ans Herz legen.
In der überraschenden Tiefe seines Hundeblicks schlummert stets eine gewisse Traurigkeit – also genau das, was dieser (Land-)“Streicher“ braucht, bevor er Mittelerde als Gondor-Herrscher Aragorn enthüllt wird. Die Bürde dieser immensen Verantwortung in seiner wehmütigen Mimik zu schultern, traue ich Dornan voll zu.
Spätestens als zerrissener Killer in der Serie The Fall: Tod in Belfast bewies er mir gegenüber Gillian Anderson außerdem eine Stärke und ruhige Intensität, die sein Schauspielspektrum mit einer düsteren Note verfeinerte. Hier kommt die Verbissenheit zum Vorschein, die er im neuen Herr der Ringe-Film brauchen wird, um Gollum quer durch Mittelerde zu verfolgen.
Im abgefahrenen Sci-Fi-Thriller Synchronic bewies Dornan, dass er eine spannungsgeladene Erzählung tragen kann.
Und obwohl Robin Hood 2016 nicht viel von ihm zeigte, dann zumindest, dass der Star in ein Mittelaltersetting passt. In der Komödie Barb and Star go to Vista Del Mar legte er zu guter Letzt eine unterschwellige Verschmitztheit an den Tag, die seinem ernsten Aragorn gelegentlich gut tun dürfte.
Mit solchen Qualitäten ausgestattet, sollten die metaphorischen Graufstufen von Jamie Dornans Schauspiel die buchstäblichen Graustufen seines größten Karriereerfolgs hoffentlich bald vergessen lassen. Fifty-Shades-Co-Star Dakota Johnson hat als Schauspielerin in den letzten Jahren hart daran gearbeitet, diesem Schatten zu entkommen. Nun erhält auch ihr Gegenpart die Chance, sich in Mittelerde neu zu definieren. Schon Robert Pattinson hat gezeigt, dass eine Neuerfindung möglich ist.
Auch Jamie Dornan hat eine Karriere nach Fifty Shades verdient und ich bin gewillt, ihm das Vorschuss-Königskraut zu gewähren, eine der besten Fantasy-Rollen überhaupt mit Würde in die Zukunft zu tragen.