Aus kardiovaskulärer Sicht sind Infektionen der Atemwegsinfektionene mehr als nur ein vorübergehender Begleitfaktor. Wie Prof. Dr. Stephan Henrik Schirmer auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK) deutlich machte, können akute Infektionen inflammatorische Prozesse anstoßen, die bestehende kardiovaskuläre Risiken verstärken und akute Ereignisse begünstigen.
Entzündung als Bindeglied zwischen Infektion und kardialem Risiko
Akute Infektionen können auf verschiedene Weise kardiovaskuläre Ereignisse begünstigen. Als relevante Faktoren gelten insbesondere die entzündungsbedingte Destabilisierung atherosklerotischer Plaques, entzündlich vermittelte Schädigungen des Myokards sowie eine Verstärkung von Remodeling-Prozessen und eine Verschlechterung einer bestehenden Herzinsuffizienz. Während die Plaqueentstehung vor allem durch klassische Risikofaktoren bestimmt wird, dürfte die systemische Entzündungsreaktion eher als Auslöser akuter klinischer Ereignisse relevant sein.
Kardiovaskuläres Risiko nach Atemwegsinfektionen erhöht
Die im Vortrag gezeigten Daten deuten darauf hin, dass das kardiovaskuläre Risiko nach Atemwegsinfektionen zunimmt. Dieser Zusammenhang war besonders ausgeprägt bei Pneumonien, vor allem bei durch Sepsis komplizierten Verläufen. Doch auch nach Infektionen der oberen Atemwege war ein früher Risikoanstieg zu verzeichnen.
Vor diesem Hintergrund ordnete Prof. Schirmer Impfungen als zusätzlichen Baustein der Prävention ein. Ihr möglicher Nutzen reicht demnach über den Schutz vor Infektionen hinaus und könnte auch zur Vermeidung kardiovaskulärer Ereignisse beitragen.
Influenza als Auslöser akuter ischämischer Ereignisse
Ein zentrales Beispiel des Vortrags war die Influenza. Den gezeigten Daten zufolge trat ein akuter Myokardinfarkt in der ersten Woche nach nachgewiesener Influenzainfektion deutlich häufiger auf als in den jeweiligen Kontrollzeiträumen. Das erhöhte Risiko zeigte sich sowohl in den ersten drei Tagen als auch in den Tagen vier bis sieben nach Infektionsnachweis, danach nahm es wieder ab.
Damit unterstrich Prof. Schirmer den engen zeitlichen Zusammenhang zwischen akuter Virusinfektion und ischämischem Ereignis.
Influenza-Impfung nach Myokardinfarkt und bei Herzinsuffizienz
Die Ergebnisse der IAMI-Studie (NCT02831608) deuten auf einen klinischen Nutzen der Influenza-Impfung nach Myokardinfarkt hin. So trat der kombinierte Endpunkt aus Tod, erneutem Myokardinfarkt und Stentthrombose in der Impfgruppe seltener auf als unter Placebo. Auch die Gesamtmortalität und die kardiovaskuläre Mortalität waren niedriger.
Günstige Effekte wurden auch bei akuter Herzinsuffizienz gezeigt. In der PANDA-II-Studie (ChiCTR2100053264) war die Influenza-Impfung mit einer niedrigeren Rate an Gesamtmortalität oder erneute Hospitalisierung nach 12 Monaten assoziiert. Auch die Gesamtmortalität allein war reduziert. Die Number Needed to Vaccinate lag bei 27.
Ergänzend verwies Prof. Schirmer auf Analysen aus Herzinsuffizienz mit reduzierter Ejektionsfraktion (HFrEF [Heart Failure with reduced Ejection Fraction])- und Herzinsuffizienz mit erhaltener Ejektionsfraktion (HFpEF [Heart Failure with preserved Ejection Fraction])-Kollektiven. Demnach ist eine Pneumonie mit einem deutlich erhöhten Mortalitätsrisiko verbunden. Gerade bei vulnerablen kardiologischen Patienten erscheint eine Impfprävention damit besonders relevant.
RSV und COVID-19 als zusätzliche kardiovaskuläre Risikofaktoren
Der Vortrag beschränkte sich nicht nur auf Influenza. Für das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) wurde eine steigende Hospitalisierungsinzidenz im höheren Lebensalter präsentiert. Darüber hinaus wurden Daten präsentiert, die eine Assoziation zwischen RSV-Hospitalisierung und Myokardinfarkt, Schlaganfall, Herzinsuffizienz-Exazerbation und Arrhythmien nahelegen, insbesondere in den ersten Tagen und Wochen nach dem Ereignis.
Auch für das Coronavirus wurden zusätzliche kardiovaskuläre Folgen nach einer Infektion diskutiert, darunter zerebrovaskuläre Ereignisse, Dysrhythmien, entzündliche Herzerkrankungen, ischämische Herzerkrankungen und thrombotische Komplikationen.
Sicherheitsaspekte der Impfprävention
Ergänzend wurde im Vortrag ein Sicherheitsaspekt angesprochen. In der INVESTED-Studie (NCT02787044) waren Impfnebenwirkungen mit einer geringeren Rate späterer Endpunkte assoziiert. Insgesamt erschien Impfen somit als einfacher, kostengünstiger und klinisch relevanter Beitrag zur kardiovaskulären Prävention.
Impfung als Teil der kardiovaskulären Prävention
Prof. Schirmer fasste die Impfung als neue Form der kardiovaskulären Prävention zusammen. In einem Konsensus-Dokument der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) werden Impfungen ausdrücklich in die Präventionsmedizin eingeordnet, insbesondere bei älteren Menschen und kardiovaskulären Risikogruppen. Konkret genannt wurden die jährliche Influenza-Impfung im Herbst oder Winter, die jährliche SARS-CoV-2-Impfung im Herbst, die einmalige RSV-Impfung bei älteren oder besonders gefährdeten Patienten, die Pneumokokken-Impfung sowie die Herpes-Zoster-Impfung.