Es sind Verbrechen, die zu den grausamsten dieser Zeit gehören: sexualisierte Gewalt gegen Kinder, dokumentiert und als Bilder und Videos ins Netz gestellt. Doch ausgerechnet beim Deliktbereich kinderpornografische Inhalte – 2024 und 2025 waren es jeweils über 40.000 registrierte Fälle – wirken Deutschland und Europa erschreckend schlecht aufgestellt. Es zeugt von einer problematischen Abhängigkeit, wenn BKA-Präsident Holger Münch die Sorge äußert, künftig könnten weniger Missbrauchsfälle erkannt werden, weil Hinweise aus den USA nicht mehr wie gewohnt übermittelt werden. Seine Formulierung: „Was wir nicht kennen, können wir nicht aufklären.“
Die unbequeme Wahrheit ist: Das ist weniger eine Frage der US-Politik als eine der europäischen Handlungsfähigkeit. Es liegt nicht an Donald Trump, sondern daran, dass Europa seit Jahren kein Regelwerk zustande bringt, das Kinder schützt und zugleich die Privatsphäre der Bürger wahrt.
Worum geht es? Viele Hinweise auf kinderpornografische Inhalte erreichen deutsche Ermittler über eine US-Stelle: das „National Center for Missing & Exploited Children“ (NCMEC). Vereinfacht gesagt funktioniert das so: Wenn Onlinedienste verdächtige Inhalte erkennen, melden sie sie an NCMEC, von wo aus Hinweise an Ermittlungsbehörden in EU-Ländern weitergeleitet wurden. So konnten in Deutschland Ermittlungen starten, Opfer identifiziert und Täter gestoppt werden.
Diese Tür schloss sich Anfang dieses Monats, als eine EU-Ausnahmeregelung auslief. Die hatte es Diensten wie WhatsApp oder Instagram erlaubt, Bilder oder Videos von sexuellem Kindesmissbrauch zu scannen und den Behörden zu melden. Die sogenannte EU-Chatkontrolle wurde aber vom Europäischen Parlament nicht verlängert.
Man fühlt sich an Angela Merkels Satz erinnert: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“ Nicht nur mit Blick auf die Digitalisierung, sondern weil Europa bis heute keine Antwort auf eine brutale Realität gefunden hat – Täter, die sich online und vor aller Welt damit brüsten, Kinder zu missbrauchen.
Kritiker haben gleichzeitig einen Punkt: Was als freiwillige Kontrolle beginnt, kann zur Massenüberwachung führen. Denn das Prüfen privater Nachrichten greift tief in die Privatsphäre ein. Deshalb muss gelten: Europa braucht Kinderschutz im Netz, der weder „alles scannen“ bedeutet noch „gar nichts mehr sehen“. Dafür braucht es schnell eine Übergangslösung – und dann ein dauerhaftes EU-Regelwerk mit Leitplanken. Kooperation mit den USA bleibt wichtig. Aber der Schutz von Kindern darf nicht davon abhängen, ob Hinweise aus dem Ausland kommen – Europa muss ihn selbst organisieren.