Beim Privatradio 95.5 Charivari München sind zahlreiche Kündigungen ausgesprochen worden. Betroffen sind nach Angaben von Mitarbeitern weite Teile der Redaktion sowie Produktion und Online. Geschäftsführer Till Coenen wollte die Zahl der Betroffenen auf Anfrage nicht nennen. Er sagte lediglich, es gebe „vor allem wirtschaftliche Gründe und strategische Gründe“ dafür, sich von einem Teil der rund 35 Beschäftigten zu trennen.

Radio Charivari spielt vor allem Hits der Achtziger, Neunziger und Zweitausender, ist stark lokal positioniert und konkurriert in München direkt mit Sendern wie Radio Gong oder Bayern 3. Die Kündigungen hätten viele im Team hart getroffen, berichten Angestellte. Noch kurz zuvor seien intern positive Zahlen kommuniziert worden. Ein Mitarbeiter sagte, die Kündigungswelle sei „komplett überraschend“ gekommen; es habe keinerlei erkennbare Vorbereitung auf einen so tiefen Umbruch gegeben. Eine Redakteurin schilderte, im Team habe man den Eindruck gehabt, der Sender sei „eigentlich auf einem guten Weg“ gewesen. „Der Schock sitzt immer noch tief“, sagte sie.

Beide Gesprächspartner, die aus Sorge vor persönlichen Nachteilen anonym bleiben möchten, beschreiben das Vorgehen der Geschäftsführung als ungewöhnlich hart. Aus ihrer Sicht gehe mit dem Personalabbau gerade jene lokale Kompetenz verloren, die einen Münchner Radiosender ausmache. „Die ganzen lokal geprägten Inhalte, das war ja eigentlich unsere Stärke“, sagte eine Mitarbeiterin. Ein anderer Mitarbeiter fragte: „Was wollen die denn machen außer Musik ohne Redaktion?“ Der Wert eines Lokalsenders liege gerade darin, Themen aus Stadt und Region selbst zu recherchieren und zu setzen. Gegen die Kündigungen wollen sich Beschäftigte nach SZ-Informationen juristisch wehren.

Geschäftsführer Coenen bestreitet nicht, dass sich das Arbeitsmodell des Senders grundlegend verändern soll. Auf die Frage, wie Charivari ohne eigene lokale Redaktion weiterarbeiten wolle, verwies er auf Kooperationen und bestehende Zulieferstrukturen. Es gebe Pools, aus denen Sender Material beziehen könnten; als Beispiel nannte er die Gesellschaft für Bayerische Lokalradioprogramme (BLR), die Informationen und Korrespondentenleistungen bereitstelle. „Einen Termin, auf dem von drei verschiedenen Medien jeweils ein Vertreter da ist, kann auch einer übernehmen“, sagte Coenen. „Dann teilt man die Inhalte.“ Nähere Angaben zur künftigen Struktur machte er nicht. „Vielleicht finden wir zu einem späteren Zeitpunkt eine Möglichkeit, ins Detail zu gehen“, sagte er.

Auf die Frage, ob Hörerinnen, Hörer und Werbekunden die Veränderungen bemerken oder enttäuscht reagieren könnten, ließ Coenen keine besondere Sorge erkennen. Die Beschäftigten sehen das allerdings völlig anders. Wenn lokale Recherche, redaktionelle Planung und ein Teil der Produktion wegfielen, verliere das Programm zwangsläufig an Substanz. Die Sorge im Haus ist offenbar nicht nur, dass Stellen gestrichen werden, sondern dass ein lokaler Sender sein eigentliches Profil einbüßt.

Der Fall verweist auf ein Grundproblem der Branche. Private Radiosender stehen seit Jahren wirtschaftlich unter Druck: Werbegelder wandern zu Plattformen wie Google, Meta oder Amazon, lokale Kunden reagieren empfindlich auf Konjunkturschwächen, zugleich steigen die Kosten für Personal, Technik, Musikrechte, Streaming, Apps und DAB+.

Dass auch Charivari sich diesem Druck nicht entziehen kann, bestreitet intern offenbar niemand. Unverständlich sei aus Sicht der Mitarbeiter aber die Härte des Vorgehens. Gerade in München, sagen sie, sei ein solcher Kahlschlag schwer nachzuvollziehen. Denn Charivari sei nicht nur ein weiterer Musiksender, sondern für viele Hörer auch eine lokale Stimme der Stadt.