Erst vor einem halben Jahr haben wir an dieser Stelle den Papst etwas unbedacht als den „Unscheinbaren“ bezeichnet. Das wäre er vermutlich noch einige Zeit geblieben, wenn er kein Amerikaner wäre und wenn sich nicht Donald Trump ihn zum Gegner gewählt hätte. Nie seit Napoleon hat ein politischer Führer den Papst so angegriffen wie jetzt Trump seinen Landsmann Leo XIV. Aber wie seinerzeit Papst Pius VII. erweist sich auch der milde Leo als nicht so leicht zu nehmender Opponent, den man mit ein paar Sprüchen aus dem Repertoire von Wahlkampfreden („weak on crime“ und „furchtbar in der Außenpolitik“ oder ein „liberal“) einschüchtern oder überrumpeln kann. „Ich habe keine Angst vor der Trump-Regierung“, richtete Leo von seiner Afrika-Reise dem Präsidenten aus, und man darf es ihm glauben.

Als die Kardinäle vor einem Jahr Robert Prevost zum Papst gewählt haben, musste ihnen klar sein, was sie taten. Sie entschieden sich für ihn nicht, obwohl er ein US-Amerikaner ist. Man muss annehmen, sie haben ihn gewählt, weil er ein Amerikaner ist, allerdings ein „entamerikanisierter Weltbürger“, wie ihn jemand genannt hat, den „sanften Löwen aus Chicago“. Chicago, Inbegriff des wilden Amerika und eine katholische Hochburg, ist der Heimatort des Papstes, der sich das Vorschusslob nun zu verdienen scheint.

Die Wahl des Amerikaners zeugt jedenfalls von einem beträchtlichen Selbstbewusstsein der Kardinäle. Es sei „die klügste Wahl“ gewesen, die sie angesichts der Weltlage treffen konnten, sagte Philosoph Peter Sloterdijk, nicht gerade ein ausgewiesener Freund der katholischen Kirche. Der Katholizismus sei „ohnehin dazu verurteilt, weiterhin auf die Karte der Weltkirche zu setzen. Also musste es wohl dieser Herr Prevost werden.“ Ein interessanter, aber wohl richtiger Gedanke, den Universalismus der Kirche ausgerechnet mit einem Amerikaner zu verbinden. Es haben ja auch die USA entgegen der isolationistischen MAGA-Rhetorik ihren universalistischen Anspruch nicht aufgegeben.

Auch wenn sie sicher keinen Anti-Trump wählen wollten, mussten die Kardinäle damit rechnen, dass Trump neben sich keinen anderen Amerikaner in einer führenden Rolle auf der Weltbühne so einfach dulden würde. Das ist jetzt schneller eingetreten, als man absehen konnte, und Trumps latenter Feind-Instinkt hat in Leo ein Objekt gefunden. Der Papst seinerseits muss den Schluss ziehen, dass auch Worte, die nicht politisch gemeint sein mögen, politisch verstanden und benützt werden können.

Der Papst darf sich auch nicht in amerikanische politische Händel ziehen lassen, für die ihn die jetzige Administration instrumentalisieren möchte. Er identifiziert sich ohnehin weiter mit seiner Heimat, wenn er sich etwa in einen Streitfall in seiner Heimatdiözese Chicago einmischt: „Ich würde darum bitten, dass wir gemeinsam versuchen, als Menschen – in diesem Fall als amerikanische Staatsbürger und Bürger des Bundesstaates Illinois – und auch als Katholiken zu sagen: Wir müssen den Weg finden, den wir als Kirche gehen wollen. Ich weiß nicht, ob jemand die ganze Wahrheit kennt, aber die Lehre der Kirche zu jedem dieser Themen ist klar.“

Unterdessen versucht Leo, die Kontroverse zwischen Trump und ihm über den Iran-Krieg, die während seiner zehntägigen Reise durch vier afrikanische Länder ausgebrochen ist, zu beruhigen. Er betont, seine Reden und Aufforderungen zum Frieden nicht als Politiker gehalten zu haben. Er habe sich oft gar nicht direkt an Trump gewendet. Die Ansprache bei einer Gebetsversammlung in Kamerun für den Frieden wurde vor zwei Wochen vorbereitet, „also lange bevor der Präsident sich überhaupt zu meiner Person und zu der Friedensbotschaft, für die ich eintrete, geäußert hat“. Jedoch seien seine Äußerungen so verstanden worden, „als würde ich erneut versuchen, mit dem Präsidenten zu debattieren, was überhaupt nicht in meinem Interesse liegt“.

Ob und wie Trump darauf eingeht, ist nicht abzusehen. Bischof ­Robert Barron, ein Prediger mit einem weitverzweigten Mediennetz und Millionenpublikum, der kürzlich bei einem Gebet im Weißen Haus aufgetreten ist, fordert dezidiert: „Der Präsident muss sich beim Papst entschuldigen.“ Das hat der Präsident, wie man ihn kennt, sofort abgelehnt. Trump hat durch seine gleichermaßen lächerliche wie blasphemische Inszenierung als Christus-ähnliche Figur viele Christen, nicht nur Katholiken, abgestoßen. Die Katholiken als die mit Abstand größte Religionsgemeinschaft in den USA sind für ihn aber entscheidend, sie haben beide Male, als er gewählt wurde, für ihn den Ausschlag gegeben.

Dafür ist der vor sieben Jahren zum katholischen Glauben konvertierte Vizepräsident J. D. Vance ausgerückt. Im Gegensatz zum ebenfalls katholischen Außenminister Marco Rubio geht Vance keiner Debatte über religiöse Fragen aus dem Weg: „Papst Leo verkündet das Evangelium, wie es seiner Rolle entspricht, und das bedeutet zwangsläufig, dass er seine Meinungen zu den moralischen Fragen der Gegenwart äußert. Der Präsident – und die gesamte Administration – arbeiten daran, diese moralischen Prinzipien in einer chaotischen Welt anzuwenden.“ Es klingt für die meisten Katholiken nicht nur in den USA anmassend, wenn Vance den Papst mahnt, bei theologischen Äußerungen zu Krieg und Frieden „vorsichtig“ zu sein.

Wenn sich der Sturm gelegt hat, werden sich dem Papst zwei Aufgaben stellen: Er muss als Amerikaner im Vatikan sein Verhältnis zu den USA klären und darf sich nicht zum Anti-Trump machen, als den ihn Trump vielleicht gern hätte. Zugleich wird er schon im Blick auf eine künftige US-Administration konstruktive Beziehungen zu den USA als Ordnungsmacht der Welt aufrechterhalten müssen. Dabei sollte ihm zugute kommen, dass er nicht wie sein Vorgänger im Amt an einem antiwestlichen Komplex leidet. Gerade die Reise in die vier afrikanischen Länder dürfte ihm vor Augen geführt haben, was schlechte Regierung bedeutet. Wenn er beklagte, dass die Welt von einer Handvoll von Diktatoren verwüstet werde, saßen womöglich die Täter neben ihm auf der Bühne.

Zu klären wird der Papst auch die Frage haben, wie sich die Kirche zum Krieg verhält und ob die alte augustinische Lehre vom „gerechten Krieg“ noch tragfähig ist. Die flammenden Friedensaufrufe des Papstes klingen oft pazifistisch. „Wie kann man sagen, dass Gott niemals auf der Seite derer steht, die das Schwert führen?“, fragte Vance. Sei Gott nicht auf der Seite der amerikanischen Truppen gestanden, die im Zweiten Weltkrieg Frankreich und Europa von der Naziherrschaft befreit haben? Die Frage ist nicht respektlos, sie darf auch von Laien wie Vance gestellt werden, die Antwort muss aber nicht von einem vielleicht theologisch gebildeteren Gesprächspartner kommen, sondern vom Papst als Träger des kirchlichen Lehramts.

Dass sie nicht so einfach zu beantworten ist, hat Andrea Tornielli, Mediendirektor des Vatikans, gezeigt: Selbst das Recht auf Notwehr in einem Verteidigungskrieg sei an strenge Voraussetzungen gebunden. Angesichts der modernen Waffensysteme sei die Möglichkeit eines gerechten Kriegs immer unwahrscheinlicher, so der Vatikan-Experte, denn die Zerstörungskraft der Waffen mache jeden erhofften Nutzen eines auch gerechten Kriegs zunichte.

Für einen amerikanischen Präsidenten, der vor der Entscheidung steht, ob er den Iran angreifen soll, um zu verhindern, dass dieses Land Atomwaffen erwirbt, um erklärtermaßen ein anderes Land auszulöschen, ist Torniellis Analyse wenig hilfreich. Der Papst wird eine konkretere Antwort geben müssen.

Der Autor

Hans Winkler war langjähriger Leiter der Wiener Redaktion der „Kleinen Zeitung“