Auf Kurs Champions League 

NEC Nijmegen überrascht Europa: Vom Mittelfeldteam zum CL-Anwärter

©IMAGO

Im Schatten der Top-Teams PSV Eindhoven, Ajax Amsterdam und Feyenoord Rotterdam hat sich der NEC Nijmegen in der Spitzengruppe der Eredivisie etabliert. Markenkern der von Dick Schreuder trainierten Mannschaft ist die Offensive, denn in Europas Top-10-Ligen erzielten nur fünf Teams mehr Treffer als die Niederländer. Nach dem verlorenen Pokalfinale am Wochenende träumt der Klub vom erstmaligen Einzug in die Champions League.

Hinter der PSV Eindhoven, die bereits seit dem 29. Spieltag als Meister feststeht, gibt es vier Partien vor dem Saisonende einen Vierkampf um die Champions-League-Plätze. Feyenoord belegt mit 55 Punkten Rang zwei, der die Teilnahme an der Ligaphase garantiert, einen Zähler dahinter liegt Nijmegen auf Platz drei, was eine Teilnahme an der Qualifikation bedeuten würde. Twente dahinter hat 53 Punkte auf dem Konto, der Tabellenfünfte Ajax 51. Schon jetzt spielt Nijmegen, das in der vergangenen Saison Achter wurde, die beste Eredivisie-Spielzeit seiner Historie.

Ausschlaggebend für die gute Saison Nijmegens ist die Offensive, die die Zuschauer im Goffertstadion regelmäßig begeistert. In 30 Ligaspielen erzielte das Team von Schreuder 72 Treffer und stellt damit die sechstbeste Offensive in Europas Top-10-Ligen. Nur der FC Bayern (109), die PSV Eindhoven (84), der FC Barcelona (84), Inter Mailand (78) und Sporting CP (74) waren häufiger erfolgreich. Damit ist der niederländische Klub treffsicherer als die Starensembles von Real Madrid (65) um Kylian Mbappé oder Manchester City (65) um Erling Haaland.

Das Besondere an der Offensive Nijmegens: Die Last wird auf viele verschiedene Schultern verteilt. Top-Scorer ist der 35 Jahre alte Angreifer Bryan Linssen, der zehn Treffer erzielte und acht weitere vorbereitete. Dahinter gibt es mit Tjaronn Chery (15 Scorerpunkte), Başar Önal (14), Koki Ogawa (12), Sami Ouaissa (12) und Kodai Sano (10) fünf weitere Spieler, die an mindestens zehn Toren beteiligt waren. Außerdem war der im Winter für 9,5 Millionen Euro gewechselte Kento Shiogai in der ersten Saisonhälfte siebenmal erfolgreich.

Wie Schreuder Nijmegen zum Top-Team machte

Im Sommer übernahm Dick Schreuder, Bruder von DFB-Co-Trainer Alfred Schreuder, den Klub aus der Eredivisie von Rogier Meijer, welcher hingegen Assistent von Erik ten Hag wurde und inzwischen von Kasper Hjulmand in Leverkusen ist. Meijer trainierte Nijmegen seit Juni 2020, führte den Klub 2021 nach vier Jahren Zweitklassigkeit zurück in die Eredivisie und etablierte ihn dort im Mittelfeld. Das beste Ergebnis war ein sechster Platz in der Saison 2023/24, als der Klub knapp das europäische Geschäft verpasste. Die Offensive Nijmegens war schon unter Meijer stark, doch Schreuder verlieh ihr mit einem Systemwechsel neuen Schwung. Er wich von Meijers etablierter Viererkette ab und lässt nun mit einer Dreierkette spielen, mal mit einer, mal mit zwei Spitzen. Der Erfolg gibt ihm recht.

„Dick Schreuder spielt einen äußerst offensiven Fußball. Er setzt effektiv drei Innenverteidiger ein, von denen zwei ursprünglich Außenverteidiger waren, sowie einen defensiven Mittelfeldspieler. Abgesehen davon ist das Spielfeld mit Offensivspielern besetzt. Er bevorzugt einen temporeichen, direkten Spielstil, bei dem viele Spieler weit vorne positioniert sind. Der Nachteil dabei ist natürlich, dass die Abwehrreihe oft ungeschützt bleibt. Mehrere Mannschaften wie Feyenoord, Fortuna Sittard, FC Utrecht und AZ scheinen darauf eine Antwort gefunden zu haben, indem sie kompakt spielen und die Räume hinter der Abwehrreihe von NEC ausnutzen“, erklärt Jesper Siereveld, Niederlande-Experte bei Transfermarkt.

Der Kaderwert Nijmegens hat sich seit dem Ende des Sommer-Transferfensters von 33,1 Mio. auf 53,5 Mio. Euro erhöht – Platz sieben in der Eredivisie. Im Laufe der Saison investierten die Niederländer 4,6 Mio. Euro für neue Profis, zu denen die Leistungsträger Chery (500.000, Royal Antwerpen), Darko Nejasmic (ablösefrei, Sharjah FC) und Ahmetcan Kaplan (Leihe, Ajax) zählen. Im Gegenzug kassierte der Klub 26,8 Mio. Euro für unter anderem Robin Roefs (10,5 Mio. Euro, Sunderland) und Shiogai. „Es gibt eigentlich drei Kategorien herausragender Spieler. Da sind zum einen die Routiniers Bryan Linssen (35) und Tjaronn Chery (37), die das Team anführen. Dann ist da Darko Nejasmic (27), eine verlässliche Stütze im Mittelfeld, der vor dieser Saison noch relativ unbekannt war. Und an ihrer Seite stehen die Youngster Başar Önal (21), Sami Ouaissa (21), Noë Lebreton (21) und Kodai Sano (22). Es wird interessant sein zu sehen, wie gut diese Spieler tatsächlich sind und inwieweit der Spielstil von NEC sie vielleicht besser erscheinen lässt, als sie wirklich sind“, beschreibt Siereveld die Zusammenstellung der Mannschaft.

Besonders im Fokus steht Kodai Sano, der Bruder des Mainzers Kaishu Sano, der ebenfalls im zentralen Mittelfeld für Furore sorgt. Seit Saisonbeginn hat er seinen Marktwert auf 12 Mio. Euro verdreifacht und ist damit der wertvollste Profi im Kader Schreuders. „Vor allem Sano dürfte diesen Sommer für eine hohe Ablösesumme wechseln“, meint Siereveld. „Ich persönlich glaube, dass nur Kodai Sano wirklich bereit für einen großen Schritt ist. Ein Top-Team in der Bundesliga wäre zum Beispiel vielleicht noch etwas zu früh, aber ein Verein aus dem Mittelfeld oder vielleicht sogar ein Team aus der oberen Tabellenhälfte wäre der perfekte nächste Schritt für ihn. Für die anderen Spieler wäre es meiner Meinung nach besser, zunächst innerhalb der Niederlande zu einem der drei Top-Vereine zu wechseln. Der Sprung von NEC in eine der fünf besten Ligen sollte nicht unterschätzt werden.“ Wie Bruder Kaishu ist auch Kodai ein Dauerbrenner und stand in allen 30 Partien über die volle Distanz auf dem Platz. Sein Vertrag läuft noch bis 2028, im Winter wurde er unter anderem bei Mainz 05 und dem VfL Wolfsburg gehandelt.

Nijmegen in Pokalfinale deklassiert – Klappt’s mit der Königsklasse?

Am Wochenende setzte es für Nijmegen eine krachende Niederlage im Pokalfinale gegen AZ Alkmaar. Mit 1:5 kam die Mannschaft von Schreuder unter die Räder, nachdem sie im Halbfinale Meister PSV bezwungen hatte. Damit hat Nijmegen abermals bewiesen, dass es mit den Top-Teams konkurrieren kann. Vor wenigen Wochen gewann der Klub das Ligaspiel in Eindhoven mit 3:2, bei Feyenoord gab es ein 4:2 und im Rückspiel ein 1:1, und mit Ajax Amsterdam teilte man sich zweimal die Punkte.

Am Wochenende reist Nijmegen zum direkten Duell um die Champions-League-Plätze zu Twente Enschede, danach folgen Telstar (16.), der FC Groningen (9.) und die Go Ahead Eagles (11.). Der Traum von der erstmaligen Teilnahme an der Champions League lebt und könnte im Duell mit Twente gefestigt werden. Letztmals in Europa vertreten war der Klub in der Saison 2008/09, als in der 3. Runde gegen den Hamburger SV Schluss war.