Unter dem Smoking ist der Verband an seinem Handgelenk deutlich zu erkennen, als Carlos Alcaraz seine Auszeichnung bei den Laureus World Sports Awards in Madrid entgegennimmt. Der siebenfache Grand-Slam-Sieger ist mit seinen 22 Jahren jetzt auch der jüngste Gewinner in der Rubrik „Sportsman of the Year“. Bei der anschließenden Pressekonferenz aber verkündete er überraschend Unheilvolleres: Ebendiese Handgelenksverletzung könnte ihm heuer auch die Teilnahme an den French Open kosten. „Der nächste Test wird entscheidend“, sagt der Spanier. Denn einmal mehr droht der beste Tennisspieler seiner Generation über seine Achillesferse zu stolpern.

Beim Heimturnier in Barcelona vergangene Woche hatte Alcaraz bei seinem Erstrundensieg gegen Otto Virtanen gespürt, wie sein Handgelenk bei einem Return plötzlich nachgab. Er wurde auf dem Platz behandelt, musste aber noch vor seinem nächsten Match zurückziehen und offenbarte nun, es handle sich um „eine schwerwiegendere Verletzung, als wir alle erwartet hatten“.

Beim laufenden 1000er-Event in Madrid spielt er nicht, seinen Titel beim anschließenden Masters in Rom (ab 5. Mai) wird er wohl kaum verteidigen können, die French Open ab 24. Mai sind fraglich. Auch in Paris ist er Titelverteidiger. Über ein Antreten habe er noch nicht entschieden, sagt Alcaraz: „Ich komme lieber etwas später, dafür in Topform zurück, als zu früh, hetze mich ab und bin nicht gut drauf.“

Alcaraz kennt das Spiel nur zu gut, sein Körper ist ein letzter neuralgischer Punkt im sonst nahezu perfekt ausbalancierten Spiel. Gerade in dieser Phase der Saison schlägt beim Spanier der Verletzungsteufel gern zu. Die Madrid Open hatte er schon im Vorjahr wegen einer Adduktorenverletzung verpasst, 2024 kam er zu dieser Zeit gerade von einer Armverletzung zurück. Auch im Herbst, gegen Ende der kräftezehrenden Saison, fehlte er regelmäßig wegen Blessuren. Bemerkenswert: Seit fünf Jahren hat er dennoch nur ein Grand-Slam-Turnier verpasst – die Australian Open 2023 wegen einer Muskelverletzung.

Alcaraz‘ Handgelenk.

Alcaraz‘ Handgelenk.  Reuters

Doch Alcaraz bleibt gerade im Duell mit Jannik Sinner der verletzungsanfälligere Spieler. Mitunter liegt das auch an der Spielanlage. Während Sinner viele Partien dank seines beständigen Grundlinienspiels glatt gewinnt, muss Alcaraz sich öfter durchkämpfen, er hat längere Partien, die an seinen Kräften zehren. Zum Vergleich: Im Vorjahr musste er in 31 seiner 80 Matches zumindest einen Satz abgeben, Sinner nur in 13 seiner insgesamt 64 Partien.

Vor allem Handgelenksverletzungen erweisen sich bei Tennisstars zuletzt als folgenschwer. Prominentestes Beispiel ist Juan Martín del Potro, der wegen chronischer Handgelenksprobleme nie mehr zu einstiger Stärke zurückfand und seine Karriere schließlich beenden musste. Auch Dominic Thiem wurde das Handgelenk zum Verhängnis: Er verletzte es sich 2021 beim Turnier in Mallorca, musste die Saison beenden und schaffte es nicht mehr in die Weltspitze zurück. Der anfällige Rafael Nadal hatte ebenso mit beiden Handgelenken zu kämpfen.

Dauerrivalen Alcaraz und Jannik Sinner.

Dauerrivalen Alcaraz und Jannik Sinner.  APA

Alcaraz ist also gewarnt. „So Gott will, habe ich noch eine sehr lange Karriere vor mir, viele Jahre, und wenn ich mich jetzt bei den French Open zu sehr pushe, könnte mir das bei zukünftigen Turnieren ernsthaft schaden“, erklärte er bei den Laureus Awards. „Im Profisport passieren Dinge. Man muss sie akzeptieren. Ich muss mich wirklich gut erholen, wenn ich nicht will, dass es mich später beeinträchtigt.“

Damit ist die Bahn frei für Jannik Sinner, der Alcaraz zuletzt schon im Finale von Monte-Carlo besiegte und damit vom Spanier auch wieder den Tennisthron übernahm. In Madrid kann Sinner nun seinen Vorsprung weiter ausbauen, auch in Rom und Paris, wo er im Vorjahr jeweils im Finale noch Alcaraz unterlag, hat er weniger Punkte zu verteidigen als sein Rivale. Vor allem: Die French Open sind das letzte Major-Turnier, das Sinner noch für den Karriere-Grand-Slam fehlt, und ohne Alcaraz würden sich die Chancen des Italieners auf diesen Meilenstein beträchtlich erhöhen.

Noch liegt das Duo bei den Wochen an der Weltranglistenspitze übrigens gleichauf: Sinner war bisher 67 Wochen die Nummer eins, Alcaraz 66 Wochen. Ob der Zwangspause des Spaniers wird Sinner nun wohl bis Wimbledon (ab 29. Juni) ganz oben bleiben.

Überstürzen will Alcaraz seine Rückkehr dennoch nicht. „Wir haben alles in unserer Macht Stehende getan, damit der nächste Test gut verläuft“, sagt der frischgebackene Sportsman of the Year in Madrid. „Im Moment versuche ich, positiv und optimistisch zu bleiben, auch wenn die Tage in letzter Zeit etwas zu lang geworden sind.“