Es ist die Woche der Grundsatzreden und Visionen, die Infrastrukturminister Peter Hanke (SPÖ) am Montag mit einer zur Mobilität der Zukunft gestartet hat. Bildungsminister Christoph Wiederkehr (Neos) zog am Dienstag nach, wobei er seine erste Grundsatzrede bereits im November gehalten hat. In der kündigte er einen „Plan Zukunft“ für das Bildungssystem an, den er am Dienstag im GRG15 auf der Wiener Schmelz vor rund 180 Gästen vorstellte. Nicht unter den Gästen war, trotz Einladung, einer seiner schärfsten Kritiker: Paul Kimberger, oberster Gewerkschafter für die Pflichtschulen, blieb der Veranstaltung fern.

Der Plan Zukunft sei nicht nur Vision, sondern „konkrete Handlungsanleitung, wie wir unser Bildungssystem wieder auf die Überholspur bringen“, ließ Wiederkehr wissen. Das Zieldatum gab er mit 2029 an, bis zum Ende der Legislaturperiode. Der Anlass für das strategische Konzept: „Die Schule bereitet nicht ausreichend auf das Leben vor“, meinte Wiederkehr. Schülerinnen und Schüler sollten besser auf neue Herausforderungen (Desinformation auf Social Media, soziale Kompetenzen, Sprachdefizite, Wirtschaftsbildung) vorbereitet werden.

Prozess für den Plan

Dafür hat das Ministerium auf „breite Einbindung“ gesetzt, wie man betont. In Straßenumfragen und Bürgerforen sowie in einer Online-Umfrage hätten 49.000 Menschen ihre Ideen geteilt. Mit dem daraus destillierten Konzept wolle Wiederkehr nun „europa- und weltweit an die Spitze kommen“. Online ist das Programm via www.bildungfuersleben.at abrufbar.

Elementarer Bereich

Unter den fünf Punkten, die Wiederkehr hervorhob, findet sich der elementare Bereich, dessen „Bildungsrahmenplan“ er nun im Zuge der Reformpartnerschaft reformieren will. 17 Jahre nach seiner Einführung werde er mit den Bundesländern und unter „breiter Einbindung der Praxis“ erneuert, heißt es im „Plan Zukunft“. Das aber kündigte auch schon die ehemalige Familien- und Frauenministerin Susanne Raab (ÖVP) wiederholt an.

Wie sie verspricht nun auch Wiederkehr bundesweite Standards für Gruppengrößen und Kernzeiten, die waren bisher allerdings am fehlenden Personal gescheitert. Der Übergang zur Volksschule solle durch Sprachstandserhebungen und mehr Informationsfluss zwischen Schule und Kindergarten harmonisiert werden.

Neue Schulfächer

Nicht nur in der Oberstufe, wie die Regierung bereits beschlossen hat, sondern auch in der Sekundarstufe I (AHS-Unterstufe, Mittelschule) sollen neue Fächer eingeführt werden: „Wirtschaftsbildung/Berufsorientierung“ und „Demokratie, Kommunikation & Konfliktlösung“ sollen sie heißen.

Tatsächlich hört man bei Schülern oft, dass sie sich mehr Finanz- und Wirtschaftsbildung wünschen. Das Demokratie-Fach solle laut Plan ein „lebendiges Forum sein, in dem Schülerinnen und Schüler sich darin erproben, für ihre Meinungen einzutreten, die Sichtweisen anderer zu verstehen, gemeinsam an Lösungen zu arbeiten und ihr Umfeld mitzugestalten.“ Stellt sich wie bei Latein die Frage, wo dafür reduziert werden soll. Konkrete Antwort gibt es vorerst keine. Wiederkehr kündigte eine „Expertenkommission“ an, die Vorschläge erarbeiten werde.

Mittlere Reife

Konkreter wurde der Minister bei der neuen Bildungspflicht: „Es geht um die Basics: Lesen, Schreiben, Rechnen“ und um „zu viele Schüler, die nach neun Jahre Schulpflicht nicht sinnerfassend lesen können“. Der Statistik Austria zufolge sind die Zahlen dazu (siehe Grafik) tatsächlich besorgniserregend: In Österreich sind rund 29 Prozent der 16- bis 65-Jährigen von „funktionalem Analphabetismus“ betroffen. Das bedeutet, etwa eine Million Menschen im Land können längere Texte nicht sinnerfassend verstehen. Die Lesekompetenz sank in den vergangenen zehn Jahren deutlich. Fast jede zweite Person mit Pflichtschulabschluss, jede dritte Person mit einem Lehrabschluss und jede fünfte Person mit einem BMS-Abschluss fallen beim Lesen in die zwei niedrigsten Kompetenzstufen.

Ein Ansatzpunkt soll die neue Bildungspflicht und Mittlere Reife bieten, wie sie auch die Wirtschaft schon lange fordert. Sie ist im Regierungsprogramm verankert. Konkret bedeutet sie, dass nicht mehr reine Schuljahre gezählt werden. Erst wenn vorgeschriebene Grundkompetenzen erreicht werden, gilt die Bildungspflicht als erfüllt. Spätestens mit dem 18. Lebensjahr ist sie das aber dann aber automatisch – mit dem Erreichen der Volljährigkeit.

Datentransparenz

Wie Wiederkehr bereits in der Vorwoche ankündigte, werden Leistungsdaten der Schulen künftig transparent einsehbar sein. Das betrifft etwa die Leistung der Schule bei den Individuellen Kompetenzüberprüfungen (iKM-Plus), der Deutschförderung oder die Ergebnisse der Zentralmatura. Auch die Schulaufsicht soll auf viele Daten Zugriff erhalten: Lernstandserhebungen, Feedback von Schülerinnen, Schülern und Eltern oder die Auswertung von Evaluationsergebnissen. Im Plan Zukunft ist von einem „Meilenstein für gelebte datenbasierte Schulentwicklung“ die Rede.

Auch die gestärkte Schulautonomie, etwa bei der Deutschförderung, solle dadurch messbar und überprüfbar sein, ob sie auch so wirkt wie intendiert. Die Daten sollen stets „im fairen Vergleich“ miteinander stehen und keine Rankings zwischen allen Schulen erstellt werden. Verglichen werden sollen nur jene Schulen miteinander, die ähnliche Voraussetzungen haben (entlang der sogenannten SÖL-Kriterien zu den Rahmenbedingungen, Anm.).

Ausbildung der Pädagogen

Die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer will Wiederkehr „praxisnäher“ in „Schools of Education“ bündeln. Dazu gibt es unterschiedliche Konzepte der Uniko und der FH/HAW. Eine Idee wäre, die Pädagogischen Hochschulen (PH) aufzulösen und in die Unis oder FH einzugliedern. Wiederkehr kündigt zwar an, die bisher getrennten Ausbildungssystem „organisatorisch zu einer gemeinsamen School of Education zusammenzuführen“. Das steht auch im Regierungsprogramm. Wie genau das ausgestaltet sein soll, ist aber in der Koalition noch offen, wie es aus dem roten Wissenschaftsministerium auf Nachfrage heißt. Denn dazu gibt es unterschiedliche Konzepte, je nachdem, wen man fragt.