Eishockeycracks lieben ihre Rituale. Starten die Playoffs, rasiert man sich nicht mehr. Manche waschen ihre Shirts partout nicht mehr, verwenden ausnahmslos nur den gleichen Stock. Sie beten oder fluchen, ehe sie auf die Eisfläche rauschen. Auch Trainer haben ihren Spleen, wie Dan Lacroix, der Graz vom ersten Titel in der Ice-Liga träumt. Den 99ers fehlt nur noch ein Sieg, dann ist dieser eigenartige Fluch des ewigen Verlierers gegen die Bande gecheckt. Gewinnen die Steirer heute in Bruneck gegen den EC Pustertal (19.45 Uhr, live Sport+), sind sie erstmals Champion.
Weil Lacroix, der 57-jährige Kanadier ist auch ein Pedant, nichts von voreiligen Feiern hält, läuft alles ab wie gewohnt. Minutiös genau, mit professioneller Pressearbeit: Zwei Stunden ehe der Spielerbus am Mittwoch also losfahren wird, sind schon die beiden Zeugwarte, Pardon: Equipment-Manager, unterwegs. Sie sollen die Gästekabine in Bruneck exakt so herrichten wie im Grazer „Bunker“, den Fans liebevoll auch „Puckingham Palace“ getauft haben, damit alles wie in einem Heimspiel anmutet. Gleiche Sitzreihenfolge, Zettelwirtschaft, Getränke, Kisten: Wer an den Erfolg glaubt, folgt unaufhaltsam seinem Aberglauben.
Seit dem 9. 9. 1999 ziehen die Grazer schon in der Ice-Liga ihre Runden. Stets siegten andere, hatten Villach, KAC oder Salzburg den schnelleren Schritt. Es war nie eine Frage des Karmas, sondern der Cracks, die hochpreisig kamen und wieder gingen mit Klubchefs, die wild polterten, mit Geld um sich warfen und trotzdem alle Sympathien verspielten. Auch alle Vorgängervereine, seien es die „Elefanten“ unter Präsident Hannes Kartnig, die dreimal Vizemeister waren, oder der EC, davor UEC Graz: es gab keine Pokale. Also klammerte man sich eisern an den Arbeiter-Turn- und Sportverein Eggenberg (Atse), der 1975 und 1978 die Bundesliga dominiert hatte.

GEPA pictures / Hans Oberlaender

GEPA pictures / Hans Oberlaender

GEPA pictures / Hans Oberlaender
Seitdem die ICE-Liga in Kooperation mit Klubs aus Italien, Ungarn oder Slowenien ihren überaus respektablen Spielbetrieb führt, erlebte man im „Bunker“ mitunter Geisterspiele vor 800 Zuschauern. Bleibt der Erfolg aus, spielt man in Österreich zumeist vor leeren Rängen. Doch im Augenblick des Erfolges feiert man restlos ausverkaufte Festivals, hier an der Mur vor 4126 Fans.
Wie jetzt, denn die Truppe von Lacroix ist seit 15 Spielen in Folge siegreich und nur noch ein Sieg fehlt in der Best-of-7-Serie. Acht Partien in Folge ist kein Ticket mehr zu erhalten gewesen für Heimspiele, reibt sich General Manager Bernd Vollmann zufrieden die Hände. Dass seine 99ers, die ihre Existenz vor allem dem weitsichtigen Durchsetzungsvermögen von Jochen Pildner-Steinburg und den aktuellen Höhenflug Präsident Herbert Jerich (Spediteur) verdanken, die Nedwed-Trophy doch noch verspielen könnten, daran will keiner glauben.
Die „Eishackler“ sind in Graz die Nummer 3 hinter Sturm und GAK, man werde nach 2019 wieder in der Champions League spielen. Ja, natürlich im „Bunker“, dessen markante Atmosphäre wegweisend und auch bleibend sei. Das sattelförmige Dach dieser Sporthalle ist denkmalgeschützt wie im Happel-Stadion, auch darum blieb es vor einem Jahrzehnt bloß bei einer Renovierung und kam es zu keinem Neubau.

„Gemma Grazer!“ Im „Bunker“ herrscht immer Stimmung. APA / APA / Erwin Scheriau
Während der Klubchef schon Details der Feierlichkeiten preis geben soll mit Cabrio-Busfahrt etc. und sich manch einer bereits überlegt, was man vom Rathausbalkon schreien soll beim Empfang bei Bürgermeisterin Elke Kahr, wollte Vollmann sich nicht aus der Reserve locken lassen: „Erst die Partie, dann die Party.“
Die Fakten liegen aber klar auf dem Eis: Mit einem „Sweep-Triple“, also 12:0-Siegen im Viertel-, Semi- und Finale, würde man ebenso Geschichte schreiben. Das schafften davor nur die Capitals und Salzburg. Seit der Neuausrichtung der Liga 2000 können die Steirer der sechste Champion werden, der im Finale unbesiegt bleibt.
Dafür sollen Spieler wie Lukas Haudum (vom KAC geholt als „Königstransfer“ und hauptverantwortlich für die Trendwende), Stapelfeldt, Huber oder Ganahl sorgen. Nicht teure Legionäre allein garantieren Meisterschaften, sondern eher (teure) A-Cracks und der Zusammenhalt, für den in Graz Lacroix gesorgt hat. Für Egozentriker sei „kein Platz im Puckingham Palace“, sagt Vollmann. Dafür ist der Erfolgszwang gleich wie im Fußball, womöglich sogar noch härter. Coach Harry Lange war im Oktober 2025 nach einer knappen Overtime-Niederlage seinen Job los. Er wurde eiskalt per WhatsApp gefeuert, wird gemunkelt. Der Klubchef sieht sich bestätigt, mit Lacroix kam ja der Erfolg.

Die Karl-Nedwed-Trophy zeichnet den ICE-Champion aus. GEPA pictures / Hans Oberlaender
Auch um den Pokal ranken sich Mythen. Das 18,25 Kilogramm schwere Objekt der Begierde hat auch schon viel erlebt auf seiner mittlerweile 21-jährigen Reise. Er wurde schon an einer Bushaltestelle vergessen, Capitals-Ikone Rafael Rotter wachte im Bett schon einmal neben ihm auf. Die Trophäe kassierte schon Kratzer, Dellen und wurde einmal gar in 26 Einzelteilen retourniert.