Ticketchaos treibt klimabewusste Bahnreisende ins Flugzeug

Auf fast der Hälfte der beliebtesten europäischen Flugstrecken ist ein durchgehendes Zugticket kaum buchbar. Ein neuer Bericht zeigt, wie die Bahnen ihre Passagiere zu den Airlines drängen.

Christian Häderli Publiziert heute um 20:52 Uhr TGV Lyria Hochgeschwindigkeitszug der SNCF am Gleis 13 im Hauptbahnhof Zürich, mit Reisenden auf dem Bahnsteig.

Ein TGV der französischen Bahngesellschaft SNCF im Zürcher Hauptbahnhof: Tickets für internationale Zugverbindungen zu buchen, bleibt auch im digitalen Zeitalter oft kompliziert.

Foto: Markus Mainka (Imago)

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BotTalk In Kürze: Über 40 Prozent der befragten Reisenden eines neuen Berichts würden öfter Zug fahren, wäre die Buchung einfacher.Auf fast der Hälfte der 30 meistgeflogenen Routen innerhalb Europas ist ein durchgehendes Zugticket kaum buchbar.Die SBB räumen ein, dass die Bahnbranche beim digitalen Ticketing zu lange untätig blieb.Die EU-Kommission plant im Mai ein Paket für ein einheitliches europäisches Buchungssystem.

Der Wille wäre bei vielen Reisenden eigentlich da – wenn nur der Ticketkauf nicht so kompliziert wäre: Gemäss einem neuen Bericht des europäischen Thinktanks «Transport & Environment» (T&E) würden mehr als 40 Prozent der Befragten für Reisen innerhalb von Europa gern häufiger den Zug nehmen, falls der Buchungsprozess einfacher wäre.

Doch wer versucht, statt eines klimaschädlichen Kurzstreckenflugs eine Bahnreise zu buchen, scheitert in Europa oft schon an der Suchmaske. Der Bericht zeigt auf, dass die Bahn auf den 30 bestfrequentierten Flugstrecken innerhalb von Europa systematisch im Nachteil ist.

Komplexes Buchungssystem

Auf fast der Hälfte dieser Routen ist die Buchung eines durchgehenden Zugtickets laut der Analyse «schwierig oder unmöglich». Während Billigairlines ihre Plätze mit wenigen Klicks verkauften, steckt das Ticketingsystem der Bahnen gemäss T&E in der «Steinzeit», was selbst motivierte Konsumenten zurück ins Flugzeug treibe.

Haben Sie schon einmal ein Flugticket gekauft, weil Ihnen der Buchungsprozess bei der Bahn zu kompliziert war?

Das Problem liegt gemäss T&E vor allem im mangelnden Datenaustausch der grossen Anbieter: Etablierte Staatsbahnen wie die SNCF in Frankreich oder die Deutsche Bahn böten auf 59 Prozent der Strecken, auf denen Wettbewerb herrsche, die Angebote ihrer Konkurrenten gar nicht erst an. In 86 Prozent dieser Fälle sei es zudem unmöglich, Zugtickets für einen Wettbewerber über das Portal des Marktführers zu kaufen.

Besonders drastisch zeigt sich das auf populären Routen wie Lissabon–Madrid oder Barcelona–Mailand: Hier konnten die Analysten auf keiner einzigen Website eines Bahnbetreibers ein passendes Ticket buchen. Bei Verbindungen wie Paris–Rom oder Amsterdam–Mailand war die Buchung nur bei einem einzigen der beteiligten Unternehmen möglich.

Wer also nicht genau weiss, welche Bahngesellschaft die Tickets für eine spezifische Bahnstrecke anbietet, findet schlicht keine Verbindung.

Ökologische Bahnreisen werden «aktiv blockiert»

Die Folgen dieses digitalen Chaos seien fatal für die Verkehrsplanung innerhalb von Europa: Während die Luftfahrtbranche ihr Passagieraufkommen bis im Jahr 2050 verdoppeln will und die Emissionen ungebremst steigen, wird die ökologische Alternative laut T&E aktiv blockiert.

«Wir machen es selbst den klimabewusstesten Reisenden strukturell schwer, sich für die umweltfreundlichere Option zu entscheiden», sagt Brian Caulfield, Verkehrsforscher am Trinity College in Dublin, gegenüber dem «Guardian». Laut dem Experten deckt der Bericht ein System auf, in dem grosse Betreiber in Europa günstigere Tarife von Wettbewerbern oft bewusst verschweigen.

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Dass dies keine theoretische Debatte ist, zeigt die Stimmung unter den Europareisenden: Gemäss Umfrage von T&E haben 61 Prozent bei Fernreisen bereits komplett auf geplante Bahnfahrten verzichtet, weil der Buchungsprozess als zu mühsam empfunden wurde.

Oft wüssten Passagiere gar nicht, dass es preiswerte Verbindungen gäbe, da sie im Buchungssystem ihrer gewohnten nationalen Anbieter schlicht nicht aufgeführt würden. Wer dort nicht fündig wird, landet am Ende meist frustriert bei der nächsten Airline.

SBB wollen Buchungssystem optimieren

Angesprochen auf die Ergebnisse und Forderungen des Berichts, reagieren die SBB selbstkritisch: «Wir verstehen unsere Kundinnen und Kunden, es wurde zu wenig getan. Die SBB haben den Anspruch, dass die Buchung einfacher wird», sagt Alexander Gellner, Leiter internationaler Vertrieb, auf Anfrage.

Alle Bahnunternehmen seien vor allem auf den Heimmarkt fokussiert, denn da kämen auch etwa 90 Prozent der Reisenden her. Man sei nun aber daran, Verpasstes nachzuholen, und habe auch schon vieles erreicht. «Das dauert aber, wir schaffen das nicht von heute auf morgen», so Gellner.

EasyJet Airbus A320 beim Start am Flughafen Zürich ZRH, im Hintergrund schneebedeckte Alpen.

Dann nimmt man doch lieber den Billigflieger: Start einer Easyjet-Maschine am Flughafen Zürich.

Foto: Arnulf Hettrich

Er betont, dass im Bericht vor allem Strecken berücksichtigt worden seien, auf denen man mehr als 11 Stunden im Zug sitze, und hält fest: «Das ist nicht das Kerngeschäft der SBB. Wir konzentrieren uns auf Reisen, die in einem gewissen Radius von ungefähr sieben bis acht Stunden stattfinden.» Insbesondere Reisen in die Nachbarländer seien sehr einfach buchbar, die Systeme jener Bahnunternehmen gut ans SBB-Buchungsportal angebunden.

Der Ticketverkauf werde laufend weiter vereinfacht, verspricht Gellner. Es sei aber eine Tatsache, dass sich bei Reisenden über Jahrzehnte die Haltung etabliert habe, Fliegen sei unkomplizierter als Bahnfahren. «Das ändern wir nun, und dafür investieren wir viel Zeit und Geld in unsere Systeme.»

Bahnreisen sind meist teurer als Flüge

Nun werden die Forderungen nach Veränderung lauter: «Wenn Menschen es als zu kompliziert empfinden, Bahntickets zu kaufen, entscheiden sie sich für den umweltschädlicheren Flug», lässt sich Herwig Schuster von Greenpeace im «Guardian» zitieren.

Ein früherer Bericht der Umweltschutzorganisation zeigte zudem, dass die Bahn auf nur 39 Prozent der untersuchten Strecken preislich konkurrenzfähig war – ein Nachteil, der durch die mangelnde Transparenz bei den Buchungsportalen noch verschärft wird.

Nun liegt der Ball bei der Politik. Die Europäische Kommission plant, im Mai ein Paket für ein einheitliches Ticketingsystem vorzulegen. Ziel ist es, den grenzüberschreitenden Bahnverkehr durch gemeinsame Standards und besseren Verbraucherschutz endlich massentauglich zu machen.

Für Klimaschützende ist klar: Das Potenzial der Schiene wird erst dann voll ausgeschöpft, wenn die Reise durch Europa so einfach zu buchen ist wie ein Flug mit einer Billigairline.

Zugtickets für Bahnreisen in Europa

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Einloggen Christian Häderli ist Redaktor beim Digital Desk von Tamedia in Bern. Er ist Sitemanager, schreibt über tagesaktuelle Themen und bereitet News auf. Mehr Infos

Ein TGV der französischen Bahngesellschaft SNCF im Zürcher Hauptbahnhof: Tickets für internationale Zugverbindungen zu buchen, bleibt auch im digitalen Zeitalter oft kompliziert.

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Dann nimmt man doch lieber den Billigflieger: Start einer Easyjet-Maschine am Flughafen Zürich.

Foto: Arnulf Hettrich