Bei der Reduktion von Treibhausgasemissionen und dem Übergang in eine gesündere und sicherere Zukunft nehme Europa in der Welt eine führende Rolle ein, berichten Forschende im Bericht „Lancet Countdown Europe 2026“. Es brauche jedoch „noch mehr Dynamik“ im Klimaschutz, um die Gesundheit der Europäer besser zu schützen.
Denn bislang würden Gesundheitsrisiken und auch die wirtschaftliche Verwundbarkeit dadurch verschärft, dass Regierungen an einer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen festhielten. Das mache die Krise tödlicher und ungleicher und ihre Bewältigung kostspieliger, resümiert der Bericht.
Auswirkungen in Deutschland
Bislang nehmen die negativen gesundheitlichen Auswirkungen des menschengemachten Klimawandels ungebrochen zu, teilte das Team von 65 Autorinnen und Autoren mit. Die Fachleute nennen zuerst die Risiken durch häufiger auftretende Hitze. In nahezu allen Teilen des Kontinents steigen die Zahlen der hitzebedingten Todesfälle – im Jahr 2024 auf schätzungsweise 62.000. Der Bericht schlüsselt diese und auch weitere Entwicklungen für einzelne Länder wie Deutschland auf.
Unsere Wirtschaft, unser öffentlicher Haushalt und letztlich auch unsere Gesundheit sind verletzlich, solange Europa von fossilen Brennstoffen abhängig bleibt.
Hannah Klauber, Co-Leiterin der Arbeitsgruppe „Wirtschaft und Finanzen“, Lancet Countdown Europe 2026
Demnach nahm die hitzebedingte Sterblichkeit im Untersuchungszeitraum von 2015 bis 2024 in den Bundesländern Sachsen, Brandenburg und Baden-Württemberg im Vergleich zu den 1990er Jahren am stärksten zu: um über sechs Todesfälle pro Million Einwohner.
Gefährdet sind vorwiegend Gruppen wie alte, vorerkrankte und auch sehr junge Menschen. Für den Bericht wurde berechnet, wie viele Hitzewellentage Säuglinge im Alter von unter einem Jahr im Untersuchungszeitraum erlebten. In Dresden waren es viermal so viele wie im Zeitraum von 1991 bis 2000: Die Gesamtzahl in dem Jahrzehnt stieg von etwa 360 auf etwa 1600.
Der Saale-Holzland-Kreis verzeichnete den stärksten Anstieg der Hitzewellentage, denen die ältere Bevölkerung über 65 Jahre ausgesetzt war. Die Gesamtzahl stieg von etwa 83.500 auf fast eine halbe Million. Diese Bevölkerungsgruppe sei am anfälligsten für hitzebedingte Erkrankungen und Todesfälle, berichten die Autorinnen und Autoren.
444
Milliarden Euro betrugen die Subventionen für fossile Brennstoffe im Jahr 2023
„Vieles davon wäre vermeidbar, wenn besserer Hitzeschutz praktiziert werden würde“, sagte dazu Dorothea Baltruks, Leiterin des Think Tanks „Centre for Planetary Health Policy“ („Zentrum für planetare Gesundheit“), dem Tagesspiegel. Mit Initiativen wie dem jährlichen nationalen Hitzeaktionstag, Klimaanpassungs- und Hitzeschutzplänen von Ländern, Kommunen und Einrichtungen sowie der Deutschen Klimaanpassungsstrategie seien in den vergangenen Jahren aber auch positive Entwicklungen angestoßen worden.
Gefährliche Abhängigkeit
Europa sei weiterhin abhängig von der Versorgung mit Kohle, Erdöl und Gas, konstatiert der Lancet-Bericht. Nach der russischen Invasion in der Ukraine haben Regierungen ihre Subventionen fossiler Brennstoffe noch erhöht, um Energiepreise zu kontrollieren. Die Subventionen erreichten 2023 444 Milliarden Euro. Das ist 3,3-mal mehr als im Jahr 2016.
„Unsere Wirtschaft, unser öffentlicher Haushalt und letztlich auch unsere Gesundheit sind verletzlich, solange Europa von fossilen Brennstoffen abhängig bleibt“, warnt Hannah Klauber, Co-Leiterin der Arbeitsgruppe „Wirtschaft und Finanzen“ des Berichtsteams. Die Beschleunigung des Übergangs zu sauberer und sicherer Energie sei nicht nur eine umweltpolitische Notwendigkeit, sondern auch eine „entscheidende Chance, das Wohlergehen der Menschen zu schützen“.
Bei Hitze kann Arbeit im Freien auch für jüngere Menschen zur gefährlichen Belastung werden.
© imago/ Frank Sorge
Doch trotz zunehmender gesundheitlicher und wirtschaftlicher Risiken stagniere das Engagement von politischen Entscheidungsträgern, Unternehmen und Medien im Bereich Klimawandel und Gesundheit oder es gehe sogar zurück, hält der Bericht fest.
„Mit der derzeitigen Krisenlage ist sowohl die Berichterstattung als auch die politische Aufmerksamkeit für die Klimakrise zurückgegangen“, stellt auch Dorothea Baltruks fest. Da sei nachlassendes öffentliches Interesse nicht überraschend. „Der Lancet Countdown ist eine Erinnerung daran, dass der Klimawandel nicht nur eine wachsende Bedrohung für unsere Gesundheit ist, sondern vor allem ein Risikomultiplikator ist, der viele soziale, geopolitische und politische Konflikte befeuert“, sagt die Expertin.
Lesen Sie mehr über HitzeGemäßigter Klimawandel, extreme Ereignisse Zwei Grad und ihre unwahrscheinlichen Folgen Katastrophale Bilanz des Klimawandels „Gesundheitssysteme, Kühlinfrastrukturen und Katastrophenschutz bald überfordert“ Augenzeugen des Klimawandels Europa, wie wir es bisher nicht kannten
Im Europäischen Parlament werden Klimawandel und Gesundheit nur selten gemeinsam thematisiert – lediglich 21 von fast 4500 Reden im Jahr 2024 nahmen auf diesen Zusammenhang Bezug. Auch die wissenschaftliche Forschung zu Klimawandel und Gesundheit verzeichnete im Jahr 2023 erstmals einen Rückgang. Die Kluft zwischen alarmierender Evidenz und politischer Dynamik droht den Fortschritt auszubremsen, warnt das Lancet-Autorenteam.