Weitgehend Stillstand an der Ostsee: Der vor der Insel Poel im flachen Wasser liegende Buckelwal ist bisher nicht erneut losgeschwommen. Auf Livestreams im Internet ist zu sehen, dass das tonnenschwere Tier weiterhin am Ausgang der Kirchsee genannten Bucht in der Nähe des Fahrwassers liegt und atmet.

Die private Rettungsinitiative, die den Wal ins offene Meer zurückbringen will, setzte ihre Hilfsaktion am Dienstag fort. Nach Unterspülungsarbeiten hätten ihn die Helfer aber für die Nacht allein gelassen, berichtet „Bild“. Große Teile seines Rückens lägen nun frei, heißt es.

Am Wal ist inzwischen ein Sender befestigt worden. Das teilte Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) zuvor bei einer Pressekonferenz mit. Wer den Sender angebracht habe und wie genau er befestigt worden sei, wisse er noch nicht. Das müsse die private Initiative, die für den Bergungs- und Rettungsversuch zuständig ist, noch erklären. 

Im Laufe des Abends sollte den Angaben zufolge versucht werden, dem Wal eine „Animationsfütterung“ anzubieten. Dabei gehe es um 2,5 Kilogramm Makrele. Normalerweise nehme ein Wal etwa eine Tonne Nahrung am Tag auf, hatte Backhaus gesagt. 

Dem Wal gehe es den Umständen entsprechend, und er sei schwimmfähig. Allerdings sei er relativ kurzatmig. Das habe man auch in der Nacht bemerken können. „Wir begleiten ihn“, betonte der Minister, der das Tier in der Nacht an Bord eines Bootes beobachtet hatte.

Seinen Angaben zufolge sollte um den Wal eine Art Korsett aus sechs oder mehr großen Sandsäcken aufgebaut werden, damit er nicht weiter in die Flachwasserzone rutscht. In der vergangenen Nacht habe sich das Tier infolge des Drucks von Wind und Wellengang etwa 80 Meter im „Rückwärtsgang“ bewegt, sagte Backhaus.

Die sogenannten Big Bags sollen demnach im Rücken des Wals aufgestellt werden. Sie sollen verhindern, dass er sich noch weiter von der möglicherweise rettenden Fahrrinne entfernt. „Er braucht ja nicht viel, um in tieferes Wasser zu kommen“, sagte Backhaus. 

Die Idee für das Setzen der Big Bags kam dem Minister zufolge von Helfern der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), die inzwischen eine Leitungsfunktion innerhalb der privaten Wal-Rettungsaktion eingenommen habe. „Sie hat eine Struktur geschaffen, mit der wir gut arbeiten können“, sagte Backhaus.

Zuvor hatte Backhaus gesagt, trotz des weiterhin kritischen Zustands sei der Wal vital und habe noch eine Chance, betonte der Minister.

Doch nach Einschätzung des Berliner Walforschers und Meeresbiologen Fabian Ritter hat sich die Lage zuletzt verschlechtert. „Der ragt tatsächlich deutlich weiter aus dem Wasser. Das ist keine gute Sache“, sagte Ritter über das im Internet „Timmy“ oder „Hope“ genannte Tier.

Der Wasserstand ist im Vergleich zu gestern gesunken. „Jeder Zentimeter bringt ihn in eine Situation, wo er mehr unter seinem eigenen Gewicht leidet.“ Das Tier scheine nun auf Grund zu liegen und nicht weg zu können, sagte Ritter.

Soweit er das sehe, sei der Atem nach wie vor kraftvoll. „Dieser Wal hat ganz offensichtlich eine Kämpfernatur.“ Dass er noch am Leben ist, sei im Grunde ein Ding der Unmöglichkeit. „Die Tatsache, dass ein Wal lebend strandet, dann erneut strandet und dann noch mal und noch mal und dann noch so lange lebt, das gab es noch nie.“

Allerdings sei das Tier nach seinem Freikommen am Montag auf unnatürliche Art und Weise geschwommen und habe zwei Stunden später wieder auf einer Sandbank gelegen. „Ich empfehle, diesen Wal jetzt einfach strikt in Ruhe zu lassen“, bekräftigte Ritter.

Der Deutsche Tierschutzbund hat mit Blick auf den Buckelwal davor gewarnt, eine Rettung um jeden Preis anzustreben und dem schwer geschwächten Tier damit weiteres Leid zuzufügen. Bei der Forderung, „den Wal jetzt endlich zu erlösen“, bleibe wiederum Paragraf 1 des Tierschutzgesetzes Maßstab: Maßnahmen müssen geeignet sein, Leiden zu vermindern, und dürfen selbst kein zusätzliches, unverhältnismäßiges Leid verursachen. Es sei wünschenswert, dass das Schicksal des Tieres die Augen für den konsequenten Schutz der Meere und ihrer Bewohner öffne. Dass auch freischwimmende Geisternetze aus der Fischereiindustrie – und Unterwasserlärm – ein großes Problem sind, könne man an diesem traurigen Fall sehen.

Teammitglieder verlassen Wal-Rettungsinitiative

Im Rettungsteam herrscht unterdessen offenbar Unruhe. Mehrere Mitglieder haben die Initiative verlassen oder fallen vorerst aus. Christiane Freifrau von Gregory, die als Pressesprecherin des Teams aufgetreten ist, tritt zurück. Sie mache den Weg frei, da eine konstruktive und professionelle Zusammenarbeit unter den derzeitigen Rahmenbedingungen „für uns“ nicht mehr möglich sei. Weiter teilte sie mit: „Um die Integrität unserer bisherigen Arbeit zu wahren und die weitere Rettung des Tieres nicht durch interne Differenzen zu belasten, ist ein klarer Schnitt zum jetzigen Zeitpunkt unumgänglich.“

Livestream von News5

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Der Rückzug der Sprecherin ist nicht der einzige, den die private Initiative verkraften muss. So ist deren leitende Tierärztin, Janine Bahr-van Gemmert, gestern mit einem Hubschrauber in ein Krankenhaus gebracht worden, wie Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD) sagte.

Auch eine weitere Tierärztin fällt demnach aus. „Ich habe natürlich auch mit großer Sorge zur Kenntnis genommen, dass die aus Hawaii eingeflogene Tierärztin abgereist ist“, sagte Backhaus am Morgen. Auf der nicht verifizierten Facebook-Seite von Jenna Wallace wurde inzwischen ein langer Beitrag gepostet, in dem von Differenzen im Team zu lesen ist. Dort heißt es unter anderem: „Gestern Abend habe ich eine sehr schwierige Entscheidung getroffen. Ich musste mich entscheiden, ob ich meinen Job und meinen Lebensunterhalt riskieren oder bei Timmy bleiben wollte“. Sie wirft insbesondere zwei Beteiligten – dem Schriftsteller Sergio Bambarén und dem Influencer Danny Hilse – unprofessionelles Verhalten in Bezug auf die Rettungsaktion vor.

Mediamarkt-Mitgründer und Mitfinanzierer der Aktion Walter Gunz sprach von einer enormen Belastung für das ganze Team. Er selbst habe seit acht Tagen nur drei bis vier Stunden pro Nacht geschlafen und sei auch angeschlagen. „Wir sind alle am Ende.“ Aufgeben wolle die Initiative aber nicht. Es gehe auf jeden Fall weiter.

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Der Wal hatte sich Montagmorgen bei steigendem Wasserstand in der Bucht zunächst freigeschwommen, lag zwei Stunden später aber wieder in dem vielerorts hüfttiefen Wasser fest. Am Abend waren noch einmal Bewegungen des Wals in Richtung der tiefen Fahrrinne zu sehen – dann ruhte er wieder. (dpa/AFP/epd/Tsp)