Sportliche Talfahrt

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Vom Aufstieg 2014 zum Gewinn der Meisterschaft 2016: Leicester City gelang in der reichsten Liga der Welt das eigentlich Unmögliche. Am 2. Mai sicherten sich die Foxes damals den Premier-League-Titel. Ein Datum, das sich bald zum zehnten Mal jährt. Während das normalerweise ein Grund zum Feiern wäre, ist dem Verein und den Fans aktuell alles andere als danach zumute. Am Dienstag wurde nach dem Abstieg aus der Premier League 2024/25 auch der Abstieg in die dritte Liga besiegelt. Trotz des viertwertvollsten Kaders der Championship wird Leicester durchgereicht.
Am Dienstag kam Leicester gegen Hull City nur zu einem 2:2, wodurch der Rückstand von sieben Punkten aufs rettende Ufer in den verbleibenden zwei Partien nicht mehr eingeholt werden kann. Elf Siege, 15 Unentschieden und 18 Niederlagen stehen in der Bilanz der Foxes. Aus den letzten 18 Partien steht nur ein einziger Dreier zu Buche. Über die Saison haben sich drei unterschiedliche Trainer an der Rettung Leicesters versucht.
Martí Cifuentes trainierte Leicester City bis zum 25. Januar, doch nach einem Punkteschnitt von 1,32 Zählern pro Spiel und Tabellenplatz 19 von 24 wurde die Reißleine gezogen. Interimstrainer Andy King sollte es besser machen – drei Niederlagen in den ersten drei Partien zeigten schnell, dass die Personalie King nicht den gewünschten Erfolg brachte. Am 18. Februar erlöste Gary Rowett ihn, doch auch unter dem 52-Jährigen kamen die Foxes nicht in die Spur. In seinen bisherigen zwölf Partien auf der Trainerbank kommt er nicht mal auf einen Punkt pro Spiel.
Ein wichtiger Faktor für die schlechte Punkteausbeute ist die anfällige Defensive. Während Leicester City sich mit 54 erzielten Toren in der oberen Tabellenhälfte einordnen würde, stellt der Klub die zweitschlechteste Abwehr der zweiten englischen Liga. Torwart Jakub Stolarczyk musste 67-mal hinter sich greifen – nur der bereits feststehende Absteiger Sheffield Wednesday weist mit 83 Gegentoren noch mehr auf. Die beiden Teams sind aber nicht zu vergleichen. Mit minus fünf Punkten spielt Sheffield in seiner eigenen Liga und schaffte es mit 42 sieglosen Partien (nur ein Dreier), einen neuen Negativrekord aufzustellen.
Die löchrige Defensive spiegelt sich auch in den Marktwerten wider. Lediglich der 22-jährige Innenverteidiger Ben Nelson konnte zuletzt einen leichten Marktwertanstieg auf 1,2 Millionen Euro verzeichnen. Fünf andere Verteidiger bekamen eine Abwertung, allen voran Victor Kristiansen, der nach einem Minus von 2 Mio. nun bei 12 Mio. Euro liegt. Auch Ex-Gladbach-Profi Jannik Vestergaard (1,8 Mio. Euro) gehört mit einem leichten Marktwert-Rückgang von 300.000 Euro in dieser Saison dazu. Das genaue Gegenteil bilden mit Abdul Fatawu (24 Mio. Euro) und Jordan James (12 Mio. Euro) zwei Offensivspieler. Sie finden sich in den Top-25 der besten Scorer der Championship – beide machten einen Marktwertsprung von 4 Mio. Euro, dennoch bleiben Aufwertungen bei den Foxes Mangelware.
Championship: Leicester-Kader wertvoller als der von Mainz und Köln
Leicesters Kaderwert beträgt 145 Mio. Euro. Wie sehr der Verein unter seinen Möglichkeiten spielt, zeigt ein Vergleich mit deutschen Klubs, die einen ähnlich wertvollen Kader haben. Der 1. FC Köln (Kaderwert: 137 Mio.), Mainz 05 (139 Mio.), Borussia Mönchengladbach (149 Mio.) und der FC Augsburg (159 Mio.) sind allesamt erstklassig unterwegs.
Fans und Experten machen weder Spieler noch Trainer zu den Hauptverantwortlichen der sportlichen Talfahrt, die Schuld sehen viele in der Geschäftsführung. „Leicester City wurde abseits des Spielfelds völlig schlecht geführt, was dazu führte, dass dem Verein in der Saison 2023/24 wegen Verstößen gegen die Regeln des finanziellen Fairplay sechs Punkte abgezogen wurden“, erklärt TM-Area-Manager für UK, Stefan Bienkowski. „Die finanzielle Lage des Vereins ist ein Chaos, weil nach dem Meistertitel hohe Transferausgaben getätigt wurden, um den Erfolg aufrechtzuerhalten – sie haben seit 2016/17 die 16.-höchsten Transferausgaben – und zwei Abstiege in den letzten vier Spielzeiten haben dazu geführt, dass ihre Einnahmen aus den Übertragungsrechten eingebrochen sind.“ Im Februar 2026 musste Leicester erneut wegen Verstößen gegen die Gewinn- und Nachhaltigkeitsregeln in einem Dreijahreszeitraum bis Ende 2023/24 einen Sechs-Punkte-Abzug hinnehmen.
Auch die Zusammenstellung des Kaders sieht Bienkowski als problematisch an: „Viele ihrer großen Neuverpflichtungen – Oliver Skipp, Harry Souttar, Wout Faes, Patson Daka – haben sich einfach nicht bewährt oder wurden nicht mit großem Gewinn weiterverkauft. Somit verfügt Leicester City über einen teuer zusammengestellten, aber nicht besonders guten Kader. Das erklärt, warum der Verein in weniger als drei Jahren fünf Trainer hatte und nun vor dem Abstieg steht.“ Beispielhaft für die Transferpolitik ist auch der aktuell an den VfB Stuttgart ausgeliehene Bilal El Khannouss.
Der 22-jährige Marokkaner kam 2024 für 20,5 Mio. Euro aus Genk und konnte sich in seiner ersten Spielzeit nicht durchsetzen. Daraufhin wurde er zum VfB verliehen. Dort hat er sich mit acht Toren und sechs Assists in 37 Partien zum Stammspieler etabliert und wird auch dauerhaft Stuttgarter bleiben. Die Schwaben machen Gebrauch von der im Leihvertrag vereinbarten Kaufoption in Höhe von 15 Mio. Euro – ein Transfer deutlich unter Marktwert (32 Mio.).
Die glorreichen Jahre der Foxes sind vorbei. Nach dem Meister-Wunder folgte 2020/21 die Europa-League-Teilnahme sowie der englische Pokalsieg, 2021/22 spielte der Klub in der Conference League und gewann den englischen Superpokal. 2022/23 begann mit dem Abstieg in die Championship der sportliche Niedergang. Nach dem direkten Wiederaufstieg folgte der erneute Abstieg, nun geht es für in die dritte Liga. Der Klub steht am Abgrund, und das zehnjährige Jubiläum des Meistertitels Anfang Mai erleben die Foxes als künftiger Drittligist.
Anm.: Dieser Artikel erschien in erster Fassung am 09.04.2026 und wurde nach feststehendem Abstieg Leicesters aktualisiert.