Innovative Therapien eröffnen neue Möglichkeiten der Behandlung von Autoimmunerkrankungen, beeinträchtigen aber die körpereigne Abwehr. Was während der Therapie bezüglich Impfungen zu beachten ist.

In diesen Tagen erhalten Österreichs niedergelassene Ärzte neue Empfehlungen und Richtlinien zur Impfung von Menschen unter Immunsuppression. Diese Guideline wurde angesichts der großen Fortschritte bei der Behandlung von Autoimmunerkrankungen dringend notwendig. Denn moderne Medikamente ermöglichen heute eine gezielte und wirksame Therapie, schwächen jedoch oft die körpereigene Abwehr. „Bei immunsuppressiven Therapien ist der Schutz vor Infektionen durch Impfungen deshalb besonders wichtig“, betont Universitätsprofessorin Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Zentrums für Pathophysiologie, Infektiologie und Immunologie an der MedUni Wien.

Die Expertin, unter deren Leitung die neue Guideline erstellt wurde, hebt hervor, dass verschiedene Therapien das Immunsystem unterschiedlich stark und unterschiedlich lang beeinflussen. Das Alter spiele ebenfalls eine entscheidende Rolle: „Je älter ein Patient ist, desto weniger regenerationsfähig ist sein Immunsystem, desto stärker und länger wird es durch die Behandlung geschwächt sein.“ Daher sei es notwendig, rechtzeitig vor Beginn einer Therapie den Impfschutz zu überprüfen und gegebenenfalls zu vervollständigen.

Grundlage bildet der österreichische Impfplan. Fehlen Impfungen oder ist man sich nicht sicher, empfiehlt Wiedermann-Schmidt Titerbestimmungen und das Nachholen oder Auffrischen. Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Lebend- und Totimpfstoffen (siehe Kasten). „Bei geschwächter Abwehr können Lebendimpfungen leichter zu Impfreaktionen führen, das Impfvirus kann sich vermehren und den Krankheitszustand des Patienten verschlechtern“, erklärt Wiedermann-Schmidt.

Bei einem durch eine immunsupprimierende oder – modulierende Therapie geschwächtem Immunsystem können Le­bend­impfungen die Impfvirus-Infektion im Extremfall selbst auslösen. Sie müssen daher spätestens vier Wochen vor Therapiebeginn gegeben werden. Während und nach vielen Therapien sind sie kontraindiziert. Totimpfstoffe bestehen aus abgetöteten Erregern oder deren Bestandteilen und benötigen meist Auffrischungen. Sie sollten zur Erreichung des Impfschutzes zwei Wochen vor Therapiebeginn gegeben werden, können grundsätzlich aber auch während einer immunsuppressiven Therapie verabreicht werden

Biologika etwa greifen gezielt in immunologische oder zelluläre Prozesse ein. Einige dieser Medikamente richten sich beispielsweise gegen B-Zellen, die bei Autoimmun­erkrankungen wie Multipler Sklerose, Rheuma und anderen immunologischen In­dikationen eine Schlüsselrolle spielen. Diese Zellen sind jedoch auch ein zentrales Element des schützenden Immunsystems: „Werden im Rahmen der Therapie B-Zellen eliminiert, um Autoimmunprozesse zu stoppen, wird eine Flanke gegenüber verschiedenen Infektionserkrankungen geöffnet“, erläutert Wiedermann-Schmidt. Nach der Behandlung dauert es sechs bis zwölf Monate, bis das Immunsystem wieder voll funktionsfähig ist.

Anders verhält es sich bei neuen Substanzklassen, die entzündungsfördernde (proinflammatorische) Zytokine blockieren und etwa bei rheumatoider Arthritis eingesetzt werden. „Manche dieser Therapeutika wirken aber nur für wenige Stunden oder Tage“, erklärt Wiedermann-Schmidt, „eine Lebendimpfung ist daher bereits eine Woche nach dem Aussetzen der Therapie möglich.“

Auch der Langzeitschutz von Impfungen kann bei immunmodulierenden Therapien verkürzt sein. Das gilt insbesondere für TNF-alpha-Inhibitoren, die bei Autoimmunerkrankungen wie Rheumatoider Arthritis, Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa eingesetzt werden. Wie Wiedermann-Schmidt und ein Team der MedUni Wien herausgefunden haben, verlieren Patienten unter dieser Therapie ihren Impfschutz deutlich früher als der Durchschnitt. „Für diese Personen ist es daher notwendig, einen Schutz durch wiederholte Auffrischungsimpfungen aufrechtzuerhalten“, sagt Wiedermann-Schmidt.

CAR‑T‑Zell‑Therapien, ursprünglich für Leukämien entwickelt, kommen zunehmend auch bei Autoimmunerkrankungen wie dem Systemischen Lupus Erythematodes oder der Sklerodermie zum Einsatz. „Es braucht zwischen sechs Monaten und einem Jahr, bis sich das Immunsystem nach einer solchen Therapie erholt. In dieser Zeit sind die Patienten besonders vulnerabel“, berichtet Wiedermann-Schmidt. Danach muss der Impfschutz völlig neu aufgebaut werden, da bei der CAR-T-Zell-Therapie jene B‑Zellen entfernt werden, die den Impfschutz tragen.

Auch Janine Kimpel, Privatdozentin am Institut für Virologie der MedUni Innsbruck betont die Bedeutung gut geplanter Impfungen bei immunsuppressiven Therapien. „Das Thema Impfen sollte rechtzeitig und möglichst mit behandelnden Ärzten wie Onkologen, Neurologen oder Rheumatologen besprochen werden. Sie kennen die Therapie und können individuelle Empfehlungen geben.“

Kimpel weist außerdem darauf hin, dass das Thema Impfen nicht nur Patienten unter immunsuppressiver Therapie, sondern auch deren nahes Umfeld betrifft. „Wer häufigen und engen Kontakten zu immungeschwächten Personen hat, sollte alle Impfungen nach dem österreichischen Impfplan haben – von Masern, Mumps, Keuchhusten und Polio bis zu Influenza oder Covid.“ Dadurch werde eine eigene Erkrankung verhindert und damit das Risiko, den immungeschwächten Patienten anzustecken.

Lebend-und Totimpfstoffe

Lebendimpfstoffe – etwa gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken – enthalten abgeschwächte, vermehrungsfähige Erreger und erzeugen eine besonders robuste Immunantwort. Sie sind bei vielen immunsuppressiven Therapien kontraindiziert.

Totimpfstoffe bestehen aus abgetöteten Erregern oder deren Bestandteilen und benötigen meist Auffrischungen. Mit Totimpfstoffen schützt man sich unter anderem vor Diphtherie, Tetanus, Keuchhusten, Kinderlähmung, Grippe, Covid oder Hepatitis B. Sie können auch während der meisten immunsuppressiven Therapien gegeben werden. Im Zweifel empfiehlt sich Rücksprache mit dem behandelnden Arzt.

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