Orale Entzündungen, Biofilm-Dynamiken, Immunantworten und zahnärztliche Versorgung sind untrennbar mit der allgemeinen Gesundheit und medizinischen Versorgung verbunden.
Der Science Day an der Charité setzt somit ein klares Signal: Mundgesundheit ist kein Randthema. Sie liefert klinisch relevante Hinweise auf Risikoprofile, Therapietreue und Präventionsdefizite. Forschung, die biologische Mechanismen, Diagnostik und Versorgungsstrukturen integriert, bildet die Grundlage für wirksame, sektorenübergreifende Präventionsstrategien.
Das Programm
Die Auswahl an Programmschwerpunkten zeigt die Spannweite der Themen mit gesundheitlicher Relevanz. Hier einige Beispiele aus dem umfangreichen Programms – von Infektiologie bis KI-Workflow:
Mikrobiologie und Pathogenese: Der Vortrag „The Role of a Common Facultative Pathogenic Oral Protozoan in Periodontitis“ adressiert die Frage, wie die Amöbe Entamoeba gingivalis zur Entstehung und Chronifizierung parodontaler Entzündungen beitragen könnte.Digitale Transformation der Versorgung: “AI and 3D Printing in Digital Dentistry: Towards a New Workflow” fokussiert auf neue Prozessketten, die Diagnostik, Planung und Therapie verändern können.Therapie- und Transferperspektiven: Beiträge wie “The Trajectory of Periodontal Drug Delivery: From Systemic Medication to Intelligent Nanocarrier Systems” spiegeln die Entwicklung hin zu zielgerichteten lokalen Strategien wider.Immunologie und Systembezug: Vorträge zu immunologischen Effekten (z. B. Metallionenfreisetzung und Immunsystem) setzen orale Fragestellungen in einen biologischen Gesamtkontext.Aerosole und Infektionsschutz: Der Programmpunkt zur Freisetzung potenziell infektiöser Aerosole unterstreicht, dass Zahnmedizin auch Versorgungs- und Arbeitsschutzthemen berührt.
Das durchgetaktete Programm aus Begrüßung, Keynote-Vorträgen, kurzen Postervorträgen und Posterrundgängen bietet sowohl erfahrenen Forschenden als auch Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern eine Plattform, um Einblicke in ihre Arbeit zu geben und sich auf größere wissenschaftliche Bühnen vorzubereiten.
Von der Theorie zur Versorgung
Mundgesundheit ist kein isoliertes Thema, sondern ein relevanter Indikator für systemische Risiken. Studien wie jene von Yu et al. zeigen, dass einfache Selbstauskünfte zur Mundgesundheit nicht nur klinische Befunde widerspiegeln, sondern auch mit systemischen Erkrankungen wie kardiovaskulären Erkrankungen, Schlaganfall, Diabetes mellitus Typ 2 und Osteoporose sowie mit einer erhöhten Mortalität assoziiert sind. Außerdem waren Indikatoren eingeschränkter Mundhygiene und seltenere zahnärztliche Kontrollen ebenfalls mit ungünstigen Outcomes verknüpft.
Zwar lassen die Daten keine kausalen Schlüsse zu, doch unterstreichen sie die Rolle oraler Entzündungen, Gesundheitsverhaltens und sozialer Faktoren als gemeinsame Treiber. Damit liefern sie einen zentralen Impuls im Sinne des Science Day: Forschung ist der erste Schritt, um Strategien zur Verbesserung der Mundgesundheit von der Theorie in die Praxis zu überführen.
Bedeutung für Praxis und Forschung
In der klinischen Praxis könnten kurze, standardisierte Fragen zur Mundgesundheit als niedrigschwellige Ergänzung in Anamnese und Präventionsberatung dienen – insbesondere dort, wo zahnärztliche Befunde fehlen oder nicht systematisch erfasst sind.
Der Gang zum Zahnarzt ist dabei ein zentraler Ansatzpunkt zur frühzeitigen Identifikation entzündlicher Prozesse und Risikokonstellationen. Der Science Day zeigt, dass Forschung zu oralen Entzündungsprozessen, Erkenntnisse aus der Versorgungsforschung und digitale Workflows zur strukturierten Erfassung und Vernetzung eine sektorenübergreifende Prävention ermöglichen.