Es lässt sich also nicht bestreiten, dass es viel beliebte traditionelle
oder traditionalistische Architektur gibt, aber eben auch viel beliebte nicht traditionalistische Architektur. Liegt es nun wirklich an Stil, Identität
und Tradition, dass man nicht auf die Idee käme, gewaltige Zusammenballungen
endloser Reihen von Schießschartenfenstern wie das neue Hauptquartier des
Bundesnachrichtendienstes oder den Neubau des Bundesinnenministeriums auf einer
solchen Liste populärer Gebäude zu vermuten?
Ich habe 2024 bei der Recherche für einen Vortrag einige Hundert
abwertende Leserkommentare zu Architekturberichterstattung in deutschen
Zeitungen gesichtet und hatte den Eindruck, dass es durchaus eine gemeinsame
Stoßrichtung der meisten negativen Einschätzungen gab: Problematisch wurden vor
allem »Betonklötze« und das »Zubauen« von Fläche gesehen; ein Bauen, das mit
repetitiven rechtwinkligen Formen den Raum maximal ausnutzt. »Tradition« oder
gar »Identität« als Kriterium fanden sich allerdings kaum bis gar nicht, ebenso
wenig das Einfordern von Rekonstruktionen.