Der 10. April 2026 war für Tesla ein wichtiges Datum. An diesem Tag spät am Abend hat der Elektropionier einen Meilenstein geschafft. Die niederländischen Behörden genehmigten das Full Self Driving (supervised) für den Straßenverkehr. Als erstes Land in der EU. Nur fünf Tage später hat Tesla Medien aus ganz Europa zu einer Probefahrt nach Amsterdam eingeladen. Für Österreich war „Die Presse“ exklusiv mit dabei.

Teslas Lösung für autonomes Fahren basiert fast ausschließlich auf hochauflösenden Kameras. Davon gibt es eine ganze Menge. Insgesamt sind es acht Stück. Die schauen nahtlos rundherum auf die Straße und eine auf den Fahrer. Das muss auch so sein, denn FSD ist nicht wirklich autonomes Fahren. Der Fahrer ist permanent verantwortlich, muss auf alles achten und bei Bedarf schnell eingreifen können. Das ist bei unserer Testfahrt auch passiert. Aber dazu später.

Die Bilder der Kameras werden in den Tesla-Computer geschickt. Der ermittelt dann mittels eines mit Milliarden Kilometern Fahrdaten trainierten neuronalen Netzes die Fahrentscheidungen. Klingt gespenstisch, funktioniert aber beeindruckend gut. Teslas FSD ist kein Level 3 autonomes Fahren. Bei diesem Level muss der Fahrer in bestimmten Verkehrssituationen – wie etwa auf der Autobahn – nicht mehr ständig auf die Straße achten, sondern kann theoretisch auch Zeitung lesen oder am Handy herumwischen. FSD ist Level 2, oder eher Level 2+. Ausparken, Einparken, Blinken, Lenken, Beschleunigen und Bremsen erledigt alles das Auto, der Fahrer muss nur brav auf die Straße schauen und die Hände in der Nähe des Lenkrades haben. Aber genug mit technischen Details. Fahren wir los.

Das Testauto ist ein Model Y Hinterradantrieb. Kostenpunkt 39.990 Euro.

Das Testauto ist ein Model Y Hinterradantrieb. Kostenpunkt 39.990 Euro.
mare

Beim Model Y RWD gibt es keine durchgehende Mittelkonsole mehr. Nicht unpraktisch zum Abstellen von Handtaschen.

Beim Model Y RWD gibt es keine durchgehende Mittelkonsole mehr. Nicht unpraktisch zum Abstellen von Handtaschen.
mare

Die Sitze sind teils aus Stoff. Sie sind beheizbar, aber nicht kühlbar.

Die Sitze sind teils aus Stoff. Sie sind beheizbar, aber nicht kühlbar.
mare

Die Felgenabdeckung ist nicht gelungen, das hat Tesla schon schöner hinbekommen. Aerodynamisch sind sie aber auf jeden Fall.

Die Felgenabdeckung ist nicht gelungen, das hat Tesla schon schöner hinbekommen. Aerodynamisch sind sie aber auf jeden Fall.
mare

Wir steigen in ein Model Y mit Hinterradantrieb ein. Es ist das günstigste der Reihe. Bevor wir starten können, müssen wir uns ein sechsminütiges Video ansehen, das FSD genau erklärt und anschließend zwei Quizfragen dazu beantworten, ob wir‘s auch wirklich kapiert haben. Erst dann ist FSD freigeschaltet. Nächster Schritt ist die Eingabe des Ziels, das Auto muss ja wissen, wohin man will. Den blauen Knopf drücken und schon blinkt der Tesla, um auszuparken. Beim ersten Mal ist das alles sehr ungewohnt. Man macht einfach nichts. Die Hände zittern zu Beginn noch in Lenkradnähe, landen nach einigen Kilometern schließlich ruhig auf den Oberschenkeln. Viel weiter dürfen sie sich nicht entfernen. Verschränkt man sie hinter dem Kopf, kommt ganz schnell eine blaue Warnmeldung. „Hands ready“ nennt Tesla das. Das Gleiche gilt für Augen und Kopf. Die Innenkamera überwacht gnadenloser als jeder Beifahrer, ob man auf die Straße schaut.

Auf den mehr als 100 Kilometern durch Amsterdam haben wir alles ausprobiert. Schmale Gassen in der Innenstadt, Stoßverkehr auf den Durchzugsstraßen, Landstraßen und verkehrsberuhigte Dorfstraßen bis hin zur Autobahn mit vier Spuren. Alles war dabei. Wobei die Autobahn für FSD noch am einfachsten schien. Auf- und Abfahrten sowie Spurenwechsel meistert der Stromer mit Leichtigkeit. Nicht zu defensiv, aber auch nicht zu aggressiv schlängelt und schwimmt der Tesla durch den dichten Frühverkehr. Für gelernte Pendler ist das ein Hochgenuss.

Gefühlt kommen in Amsterdam ja auf ein Auto zehn Fahrräder. Da wird selbst humanoides Fahren eine ziemliche Herausforderung, vor allem wenn man nicht ortskundig ist. An jeder, wirklich jeder Kreuzung, trifft man auf Radfahrer. Auch das ist für FSD kaum ein Problem. Das System verhält sich hier deutlich defensiver und gibt gerne Radfahrern, die noch im Heranrollen sind, den Vorrang. Nur bei einer Kreuzung war der Tesla überfordert. Links und rechts standen nicht ein oder zwei Radler, sondern eine ganze Gruppe auf beiden Seiten. Das überforderte das neuronale Netz. Das Auto ruckelte herum, als könnte es sich nicht entscheiden, weiterzufahren oder doch stehenzubleiben. Eine leichte Beschleunigung löste das Problem. Einen Tipper aufs Strompedal löste auch das Ampelproblem gleich an der nächsten Kreuzung. Der Tesla wurde von der Sonne geblendet, konnte die Ampel nicht mehr lesen und fuhr nicht los. Ein kurzer Stupser am Gaspedal setzte die Fahrt fort.

Blinken, ausparken, macht alles FSD

Blinken, ausparken, macht alles FSD mare

Wir wollten es dem FSD noch schwerer machen und wichen von der von Tesla empfohlenen Route ab und setzten das Navi auf die Innenstadt an. Das brachte uns in Gassen, zu schmal für zwei Autos nebeneinander, mit vielen Fußgängern und, richtig, Radfahrern. Justament kommt uns ein Lieferwagen entgegen. Eingreifen oder nicht? Nein, schauen wir, was der Tesla daraus macht. Der erkennt die Parklücke links von uns und bleibt so stehen, dass der Lieferwagen über die Lücke vorbei kann. Das ist schon beeindruckend. An der nächsten Ecke liegt ein Hund halb auf der Straße, die mit rostbraunem Kopfsteinpflaster ausgelegt ist. Der Hund hat eine ähnliche Farbe. Erkennt Tesla den perfekt getarnten Retriever, oder nicht? Am Bildschirm jedenfalls nicht. Bevor ein Malheur passiert, lenken wir um den schlafenden Hund herum.

In Amsterdams Innenstadt kann es ganz schön eng werden. Das Model Y manövriert sich aber bravourös durch.

In Amsterdams Innenstadt kann es ganz schön eng werden. Das Model Y manövriert sich aber bravourös durch. Julian Ojala

Zwei Gassen weiter die nächste schwierige Situation. Ein ältere Dame am Rollator kommt uns entgegen. Sie schafft es nicht, ihre Gehhilfe auf den Gehsteig zu heben, der Tesla bleibt stehen und wartet. Die Dame deutet uns, uns vorbeizuquetschen. Das machen wir dann doch lieber mit der Hand.

Die Tour führt uns schließlich auf Freilandstraßen. Hier ist FSD ähnlich wie auf der Autobahn nahezu unterfordert. Schließlich erreichen wir ein kleines Dorf, das mit Bodenschwellen und Verkehrsinseln für Verkehrsberuhigung sorgt. Vor uns fährt ein kleiner Elektrocaddy mit 20 km/h, der Gegenverkehr, raten Sie: Natürlich Fahrräder. FSD löst das elegant, sobald es die Rundumsicht erlaubt, überholt der Tesla elegant und ohne Hast das kleine Gefährt.

Überholmanöver auf Landstraßen beherrscht FSD genauso.

Überholmanöver auf Landstraßen beherrscht FSD genauso. mare

Die permanente 360 Grad-Sicht der Kameras hat uns auch vor einem kleinen Unfall bewahrt. Bei einer sehr spitzen Ausfahrt aus einem kleinen Parkplatz musste der Tesla fürs links Abbiegen ein Mal reversieren. Wir waren so konzentriert darauf, ob er das packt, dass wir den Rechtskommenden völlig übersehen hatten. Der Tesla aber nicht und blieb stehen.

Was Tesla mit FSD (Version 14.2) hier abliefert, ist eine neue, äußerst beeindruckende Dimension des Autofahrens. Das reine Überwachen des Autos, ohne wie bei Lenkassistenten alle paar Sekunden das Lenkrad berühren zu müssen, ist weit entspannter. FSD verhält sich fast menschlich. Es fährt vorausschauend, nicht zu defensiv, ist bei verletzlichen Verkehrsteilnehmern rücksichtsvoll, bei freier Fahrt hingegen hisst der Tesla die Segel und gleitet flott durchs Verkehrsgeschehen. Die große Frage lautet nun, wann FSD in die restlichen EU-Länder kommt. Das könnte schon bald sein, denn die Zulassung in den Niederlanden wird im Sommer den restlichen EU-Staaten präsentiert. Die jeweiligen Behörden könnten dem recht schnell zustimmen. Übrigens: Wer nicht das Lifetime-FSD-Paket um 7500 Euro kaufen will, der kann auch ein Monats-Abo um 99 Euro lösen.

Einen Wermutstropfen gibt es aber: Damit FSD funktioniert, muss in den Autos Teslas Hardware 4 (HW4) eingebaut sein. Das ist erst seit 2023 der Fall. Alle Autos davor haben nur HW3, die nicht mit der aktuellen FSD-Version kompatibel ist. Kunden, die also das FSD vor 2023 um ca. 7000 Euro im Voraus mitgekauft haben, schauen durch die Finger.

Die Level für automatisiertes Fahren

Level 0: Der Fahrer macht alles selbst.

Level 1: Der Fahrer wird von einfachen Assistenten unterstützt, etwa der Totwinkel-Warnung.

Level 2: Assistenten wie der Spurfolgeassistent übernehmen teilweise die Steuerung: Lenkung, Beschleunigung oder Bremsen. Der Fahrer ist aber in jeder Situation voll verantwortlich und muss jederzeit schnell eingreifen können.

Level 3: In bestimmten Verkehrssituationen wie auf der Autobahn fährt das Fahrzeug autonom. Es steuert, blinkt, beschleunigt oder bremst von selbst. Der Fahrer muss hier nicht mehr seine volle Aufmerksamkeit dem Geschehen widmen. Allerdings kann das System die Steuerung aktiv dem Fahrer übergeben.

Level 4: Das Fahrzeug fährt in allen Situationen autonom, der Fahrer kann aber zur Unterstützung hinzugezogen werden.

Level 5: Das Fahrzeug fährt vollkommen autonom. Fahrer, Lenkrad oder Pedale sind nicht mehr notwendig.