Vorbilder Xavi und Guardiola 

„Kein PR-Gag“: Wie Marie-Louise Union Berlins Trainerin wurde

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Union Berlins neue Cheftrainerin Marie-Louise Eta hat in der Zusammenarbeit mit Männern oder Frauen bei einer Mannschaft keinen Unterschied ausgemacht. „Es gibt keinen. Ich weiß, worauf Sie hinauswollen, aber so ist nun mal meine Wahrnehmung. Ich habe es mit Individuen zu tun“, erklärte die 34-Jährige in einem Interview, das in „Die Zeit“, „The Guardian“ (England), „La Repubblica“ (Italien) und „Gazeta Wyborcza“ (Polen) erschien. „Jetzt können Sie sagen: Frauen sind sensibler oder Männer eitler. Für mich sind das Klischees. Es gibt genug sensible Männer, denen ich schon den Arm auf die Schulter legen musste. Es waren wiederum Frauen darunter, denen man als Trainer Feuer unterm Hintern machen muss. Deshalb habe ich gelernt, mich immer wieder zu fragen: Was braucht der Mensch, der vor mir steht, von mir, damit er die beste Leistung bringt?“

Etas Blick auf den Profifußball ist geprägt von zwei spanischen Ikonen, die mit ihrer Spielweise dem Union Berlin der jüngeren Vergangenheit aber nicht sehr ähneln. „Ich habe Xavi sehr gerne beim Fußballspielen zugesehen, als ich selbst noch spielte. Er war ein Vorbild. Später inspirierte mich Pep Guardiola, der beherrscht es als Trainer, unglaublich attraktiven Fußball spielen zu lassen. Beide Spanier stehen für eine besondere Art des Fußballs, offensiv, technisch präzise und das alles auch mit Spielwitz und Kreativität“, sagte die gebürtige Dresdenerin.

Die bisherige Trainerin der U19-Junioren und, je nach Erfolg bei den männlichen Profis, künftige Cheftrainerin der Frauenmannschaft der Eisernen hatte jüngst für den freigestellten Steffen Baumgart übernommen. Ihre Bundesliga-Premiere gegen den VfL Wolfsburg ging mit 1:2 verloren. Sie und alle Beteiligten im Verein seien enttäuscht über die Niederlage. „Trotzdem konnte ich beobachten, wie die Jungs meine Spielidee und unseren Matchplan in Teilen schon umgesetzt haben – oder es zumindest versuchten. Das ist viel wert. Unsere Stärke war die letzten Jahre eine gewisse defensive Stabilität. Um zu gewinnen, musst du dir aber eben auch Torchancen herausspielen.“


Geschäftsführer Horst Heldt ließ zuletzt die Tür für ein Engagement über die Saison hinaus bewusst offen: „Zum jetzigen Zeitpunkt wäre das nicht sinnvoll, irgendwas auszuschließen. Wir haben grundsätzlich einen Plan, wie es dann auch weitergeht. Aber das werden wir dann sehen.“ Union-Präsident Dirk Zingler meinte dagegen im Anschluss bei „Sky“ über Interimslösung Eta: „Wenn sie richtig gut ist, dann bleibt sie bei den Männern, wenn sie nicht so gut ist, geht sie zu den Frauen: Diese Diskussion führe ich gar nicht. Es ist immer eine fachliche, inhaltliche Entscheidung, wer welche Mannschaft trainiert und sie mit dieser Diskussion zu begleiten, da tun wir ihr und auch dem Frauenfußball insgesamt einen Bärendienst.“ Zudem stellte der Klubchef, anders als Heldt, klar: „Marie-Louise Eta wird für fünf Spiele hier verantwortlich sein und danach wird sie die Frauen übernehmen.“ Die Übungsleiterin habe „vor zwei Wochen mit ganz großer Überzeugung, wir beide haben mit ganz großer Überzeugung einen Vertrag für die Frauen-Bundesliga unterschrieben“.

Dazu bezog die Trainerin nun Stellung: „Es gab eine klare Absprache, ich betreue die Männer fünf Spiele lang.“ Wie die unterschiedlichen Aussagen ihrer Vorgesetzten zustande kamen, wisse sie nicht. „Ich hatte vorher einen tollen Job bei Union, ich werde auch danach einen haben. Ich helfe meinem Verein, der muss mit den Männern die Klasse halten.“ Eta hat offenbar keine Sorge, dass ihr zu wenig Zeit bleibt, um sich für eine längere Mission als Bundesliga-Trainerin zu empfehlen. „Ich kann nicht erwarten, dass von heute auf morgen alles funktioniert, was ich mir vornehme. Diese Zeit hat eine Mannschaft im Abstiegskampf nicht.“ Die Gegner an den letzten vier Spieltagen lauten RB Leipzig (A), 1. FC Köln (H), Mainz 05 (A) und FC Augsburg (H).

Eta berichtete zudem von dem Moment, als sie erfuhr, dass sie die Verantwortung fürs Saisonfinale bei den Profimännern übertragen bekommt: „Es war Samstagabend, ich saß zu Hause am Laptop an der Spielvorbereitung für meine U19 am nächsten Tag. Die zu trainieren, das war ja eigentlich meine Aufgabe. Da rief mich unser Präsident Dirk Zingler an und sagte: ‚Du machst das jetzt. Ich zähl‘ auf dich.‘ Das Telefonat hat nicht lange gedauert. Es fiel mir gar nicht so leicht, sonntags in unserer U19-Chatgruppe zu verkünden, dass ich beim Spiel nicht mehr dabei sein kann.“ Union Berlin teilte den Wechsel auf der Position des Trainers bzw. der Trainerin am 12. April kurz vor Mitternacht mit. Eta vertraut bei ihren Entscheidungen derweil nicht auf der Expertise eines Beraters: „Ich habe keinen. Ich habe keine Zeit, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Ich muss eine Fußballmannschaft trainieren.“

„Wegbereiterin“ Eta reagiert auf Felix Magaths Kritik

Sie sehe sich nicht als Exotin oder Pionierin, sondern als „Wegbereiterin“. Für Eta gebe es bei der Auswahl einer Führungspersönlichkeit in einer Krisensituation um die entscheidende Frage: „Wer ist der oder die Richtige für den Job? Ich kann für meine Situation bei Union sagen, ich spüre Vertrauen und Überzeugung. Mir traut man zu, die Mannschaft in der Bundesliga zu halten. Ich bin kein PR-Gag.“

Am Wochenende bezeichnete Trainerlegende Felix Magath im Talkformat „Sky90“ den Wechsel von Baumgart zu Eta als „fährlässig“. Der 72-Jährige begründete: „Die Fußball-Bundesliga ist etwas anderes als der U19-Wettkampf. Von daher sind Menschen, die bisher nur U19-Wettkampf gemacht haben, überfordert mit Bundesliga-Fußball.“ Darauf angesprochen, entgegnete Eta: „Es gibt immer Meinungen von außen. Das ist auch völlig okay.“ Grundsätzlich sei sie froh, „dass mir hier die Aufgabe gegeben wurde, dass mir vertraut wurde.“ Zudem verwies sie darauf, dass sie vor zwei Jahren bereits mit dabei sein durfte, als Union am letzten Spieltag den Klassenerhalt unter Interimscoach Marco Grote schaffte.