Mehr als 1100 Musiker und Musikerinnen rufen zum Boykott des Eurovision Song Contest auf. Die Initiative dahinter ist fadenscheinig.

Die Farben: Schwarz, Weiß, Rot, Grün – wie die palästinensische Flagge. Die Worte: drastisch, überschießend – Völkermord, Apartheid, Belagerung. Die Initiatoren: nirgends zu finden. Dafür sind auf der Website „No Music for Genocide“ die Namen von mehr als 1100 Musikern aufgelistet, die einen kulturellen Boykott des Eurovision Song Contest (ESC) unterstützten. Unter ihnen Pink-Floyd-Mitgründer Roger Waters, Samtstimme Peter Gabriel, US-Rapper Macklemore, stilistisch so unterschiedliche britische Bands wie Massive Attack, Mogwai, Idles oder die Young Fathers, die nordirische Rapgruppe Kneecap, Komponist Brian Eno, die Isländer Sigur Rós oder die einstige ESC-Gewinnerin Emmelie de Forest . . .

Man solle „keine Bühne für Genozid“ bieten, wird in dem offenen Brief gefordert, die Teilnahme Israels am Liederwettbewerb verurteilt. „Heuchlerisch“ wird die European Broadcasting Union genannt, die den ESC austrägt. Weil sie Russland nach dem Einmarsch in die Ukraine nicht teilnehmen ließ, Israel aber nicht ausschließe. Der Vergleich hinkt. Russland hat seinen Ausschluss bewusst provoziert, und war gegen die Ukraine klar der Aggressor. Den Gaza-Krieg, auf den sich der Brief ausschließlich bezieht, hat die Hamas begonnen, mit einem bestialischen Terrorakt gegen Israel. Heuchlerisch agiert vielmehr die Initiative, die ihren Ursprung verschleiert, und bei der man nur über Umwege herausfindet, wem sie nahesteht: BDS, kurz für „Boycott, Divestment and Sanctions“. Eine Bewegung, bei der nicht wenige Anhänger Israel das Existenzrecht aberkennen.

» Bestraft werden durch einen Kulturboykott zumeist ohnehin die Falschen. «

Statt ihre eigenen Namen zu nennen, ruft „No Music for Genocide“ andere dazu auf – und sieht sich dann den Kulturkampf an. Erste Reihe fußfrei. Der geforderte Kulturboykott ist grundsätzlich zu hinterfragen. Bestraft werden damit zumeist die Falschen. Der israelische Musiker Noam Bettan, der sich einem Publikum stellt, ungeachtet drohender Buhrufe. Die Fans, die gemeinsam feiern. Ein weltweit gezeigtes Event, bei dem verlässlich zu Inklusion aufgerufen wird. Ein Bewerb, der mit dem Ziel der Völkerverständigung gegründet wurde und unpolitisch sein will. Israels öffentlich-rechtlicher Rundfunk, der durchaus kritisch über die Politik im Land berichtet. Welche Auswirkungen hätte ein Boykott auf den Nahostkonflikt, auf Netanjahus Regierung? Wohl keine. Der offene Brief ist Symbolpolitik, die ein Land kollektiv an den Pranger stellt und eine Spaltung vorantreibt.

E-Mail: heide.rampetzreiter@diepresse.obfuscationcom

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