Eigentlich hätten die Astronautinnen und Astronauten der Artemis II-Mission etwas finden müssen. Irgendein Zeichen, einen einzigen weißen Punkt, eine lose Gitarrensaite, irgendetwas, das sagt: Das, was Angine de Poitrine auf der Erde spielt, muss von ganz weit weg stammen.

Seit einer Live-Session, die im Dezember 2025 in Rennes aufgenommen wurde, ist das Duo omnipräsent auf Social Media. Mehr als 11,5 Millionen Aufrufe hat das Video seit der Veröffentlichung auf YouTube erreicht, zahlreiche Musiker reagieren per Video auf die Live-Aufnahme. Die häufigsten Aussagen: „What the fuck“, „So etwas haben wir noch nie gehört“ oder nur „Was?“

Wer mehr über Angine de Poitrine erfahren will, muss den Blick nach Kanada richten, genauer gesagt: nach Québec. Rund 180 Kilometer entfernt von Québec City liegt Saguenay, die angebliche Heimatstadt des Duos (sofern sie nicht doch von einem anderen Planeten stammen sollten). Erste Konzerte lassen sich bis 2019 zurückverfolgen, 2024 folgt das erste Album „Vol. 1“. Die Titelliste umfasst unter anderem die Songs „Tohogd“, „Tamebsz“ oder „Sahardnieh“. Kein Dialekt der französischsprachigen Provinz, sondern dadaistische Silbenakkumulation; Hugo Ball mit seinem Gedicht „Karawane“ hätte es sich nicht besser ausdenken können.

Angine de Poitrine ist die französische Bezeichnung der Angina pectoris. Der Laie würde sagen: Im Brustkorb schmerzt es gewaltig. Dabei wirkt die Musik von Khn und Klek de Poitrine, so nennen sich die beiden Musiker, mehr wie das erste Einatmen nach einem Heimlich-Manöver. Was Angine de Poitrine machen, lässt sich als Math-Rock beschreiben, ein avantgardistisches Genre mit komplexen Gitarrenriffs und atypischen Rhythmen. Khn spielt einen doppelhalsigen Hybriden aus Bass und Gitarre und nutzt ein Loop-Pedal, während Klek Schlagzeug spielt.

Angine de Poitrines Sound ergibt sich aber nicht nur durch die Instrumentierung, sondern auch durch die Harmonien und Töne. Das wichtigste Merkmal: Mikrotonale Musik, also musikalische Intervalle, die kleiner als ein Halbtonabstand sind. Erklingen sie auf Khns Gitarrenhybrid mit zusätzlichen Bünden, möchte man tanzen, loslassen und abtauchen in ferne Welten.

Futuristisch ist auch das Auftreten des Duos, das bis heute anonym bleibt. Übergroße Masken aus Pappmaché sind das Markenzeichen von Angine de Poitrine, dazu schwarz-weiß gepunktete Ganzkörperanzüge. Kommuniziert wird nur durch eine Art Grunzen und durch ein Dreieck, das regelmäßig mit den Händen geformt wird. In einer Zeit, in der die Bindung und Kommunikation mit dem Publikum für die Musikbranche essenziell erscheint, ist das ein anachronistischer Ansatz.

Passend zum viralen Erfolg hat Angine de Poitrine sein zweites Album veröffentlicht, „Vol. 2“. Darauf zu finden ist unter anderem „Mata Zyklek“, eine Anspielung auf die französische Aussprache des Wortes „Motocyclette“, Motorrad. Ausschnitt gefällig? „Mata, zyklek ma—/Ta zy, klek mata Zyklek, mata zy—/Hey-ah“. Sie werden es wohl selber wissen. Magisch ist es trotzdem.

Zusätzlich zum Album hat sich Angine de Poitrine auf Welttournee begeben, die Orte klingen stark nach dieser Welt. Wie lange Khn und Klek de Poitrine auf der Erde bleiben werden ist ungewiss. Es könnte sein, dass beide irgendwann wieder für neue Geschichten in ihr Raumschiff steigen müssen.