Ingrid Thurnher wurde vom Stiftungsrat bis Ende 2026 zur ORF-Generaldirektorin gewählt. Danach dürfte es erneut einen Wechsel an der Spitze geben. Die Intendantenwahl für die Periode 2027 bis 2031 wurde auf den 11. Juni vorverlegt.

Wien – Die Sitzung des ORF-Stiftungsrats in der Zentrale am Wiener Küniglberg wuchs sich am Donnerstag erneut zu einem Marathon aus. Nach den skandalumwitterten Vorgängen der letzten Wochen gab es in diesem Gremium mit seinen 35 Mitgliedern über viele Stunden auch genug zu diskutieren. Und das teils recht lebhaft.

Die wesentlichen Entscheidungen für die Zukunft des krisengebeutelten Senders fielen erwartungsgemäß aus.

Ingrid Thurnher, nach dem Rücktritt von Roland Weißmann als ORF-Generaldirektor bereits am 12. März mit der interimistischen Führung der Geschäfte betraut, wurde bis Ende 2026 als Generaldirektorin gewählt. Im März stimmten noch alle 35 Stiftungsräte für Thurnher. Diesmal gab es drei Gegenstimmen und eine Enthaltung. Thurnher hatte es als einzige von elf BewerberInnen ins Hearing geschafft.

Zur Person: Ingrid Thurnher

Ingrid Thurnher war schon vor ihrer Wahl eine der bekanntesten Persönlichkeiten des öffentlich-rechtlichen Medienhauses ORF. Die 63-jährige gebürtige Vorarlbergerin ließ in ihrer 40-jährigen Karriere kaum eine Station im ORF aus. Ihr Weg führte sie von der Innenpolitikredaktion im Radio über Moderationen in der „ZiB 1“ und „ZiB 2“ sowie „Im Zentrum“ bis zur Chefredakteurin bei ORF III und schließlich zur Radiodirektorin. Vor über einem Monat übernahm sie die interimistische Führung der ORF-Geschäfte.

Wahl auf 11. Juni vorverlegt

Am 1. Mai wird die Generaldirektion des ORF für die Periode 2027 bis 2031 ausgeschrieben. Die Wahl des neuen ORF-Intendanten bzw. der neuen Intendantin wurde vom Stiftungsrat wie erwartet von 11. August auf 11. Juni vorverlegt. Eine anhaltende Debatte über den Sommer soll verhindert werden. Aufgrund mehrerer angekündigter Klagen wird aber kaum rasch Ruhe einkehren.

Ob sich Thurnher als ihre eigene Nachfolgerin für die Jahre bis 2031 bewerben wird, ist unwahrscheinlich. Sie lässt sich das offen. Ihr Krisenmanagement im Fall Weißmann, dem eine Mitarbeiterin sexuelle Belästigung vorgeworfen hatte, ist in die Kritik geraten. Es erscheint als gut möglich, dass nach der Intendanten-Wahl am 11. Juni eine Doppelspitze den ORF führt: Thurnher könnte ohne den Neuen (oder die Neue) keine wesentlichen Entscheidungen alleine treffen.

Unterschiedliche Rechtsmeinungen

Die Compliance-Stelle des ORF hatte nach Meinung von drei JuristInnen befunden, dass eine sexuelle Belästigung der betroffenen Mitarbeiterin im rechtlichen Sinn nicht vorliege. Roland Gerlach, der als Anwalt den Stiftungsrat berät, hält das Verhalten Weißmanns hingegen für sexuelle Belästigung im Sinne des Gleichbehandlungsgesetzes.

Um „jeden Anschein eines unangemessenen Verhaltens durch eine Führungskraft zu vermeiden“, hatte Thurnher Weißmanns Dienstverhältnis gekündigt. Weißmann sah sich durch den Compliance-Bericht jedoch entlastet. Er will die Kündigung bekämpfen, verbunden mit Millionenforderungen an den ORF.

Die betroffene Mitarbeiterin ging daraufhin mit einschlägigen Chats und Nachrichten Weißmanns an die Öffentlichkeit. Thurnher, die sich zuerst auf den Befund der Compliance-Stelle stützte, bezeichnete die Chats als „verstörend, schockierend und inakzeptabel“. Mit der Beendigung des Dienstverhältnisses von Weißmann habe man richtig gehandelt.

Einsicht in brisante Unterlagen

Der Stiftungsrat will nun Einsicht in den unter Verschluss gehaltenen Compliance-Bericht zum Fall Weißmann nehmen. Das wurde mit großer Mehrheit beschlossen. Ebenso wollen die Stiftungsräte den Pensionsvertrag von Pius Strobl sehen, eines der Spitzenverdiener des ORF. Diesen Vertrag hatte noch Weißmanns Vorgänger Alexander Wrabetz mit Strobl abgeschlossen. Laut FPÖ-Stiftungsrat Peter Westenthaler sollen diese Berichte den Stiftungsräten tatsächlich zur Einsicht vorgelegt werden.

Auch über die führenden Köpfe des Stiftungsrates, den Vorsitzenden Heinz Lederer und seinen Stellvertreter Gregor Schütze, wurde diskutiert. Beide sind im Brotberuf PR-Berater, was zu Unvereinbarkeiten führen kann. Interventionsversuche beim ORF für betreute Kunden sollen vorgekommen sein. Davon berichtete der Redaktionsausschuss des ORF. Er hatte Lederer (er leitet den so genannten SPÖ-Freundeskreis im Stiftungsrat) und Schütze (Leiter des ÖVP-Freundeskreises) sowie den beiden FPÖ-nahen Stiftungsräten Peter Westenthaler und Thomas Prantner das Misstrauen ausgesprochen. Ein noch nie da gewesener Vorgang.

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