
Um den steigenden Energiekosten infolge des Iran-Kriegs zu entkommen, wollen offenbar immer mehr Menschen eine Solaranlage als eigene Energiequelle auf dem Dach. Manche Anbieter berichten von einer verdoppelten Nachfrage.
Das Interesse nach Solaranlagen in Europa ist infolge des Iran-Kriegs sprunghaft gestiegen. So habe sich etwa in Deutschland und den Niederlanden die Nachfrage von Hausbesitzern wegen der hohen Öl-, Gas- und Strompreise seit Ende Februar mehr als verdoppelt, berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf Gespräche mit Energieversorgern und Großhändlern.
Laut der Forschungsgruppe Zero Carbon Analytics stiegen die Anfragen für Solaranlagen in Großbritannien im März gar um 63 Prozent. In Italien seien die Anträge beim staatlichen Förderprogramm wegen einer zu hohen Nachfrage sogar gestoppt worden.
„Wir werden regelrecht überrannt“
In Deutschland meldete E.ON bereits Mitte März eine Verdoppelung der Nachfrage bei Photovoltaik. „Im Vergleich zu den letzten Monaten haben sich die PV-Anfragen bei uns aktuell etwa verdoppelt – wir werden regelrecht überrannt“, sagte Filip Thon, Vorstandschef der Vertriebstochter E.ON Energie. Das lasse sich nicht allein durch saisonale Faktoren erklären.
Der Energiedienstleister Enpal aus Berlin teilte gegenüber Reuters mit, dass die Aufträge im März im Vergleich zum Vorjahr um 30 Prozent auf 130 Millionen Euro gestiegen seien, während der April auf Kurs für einen Anstieg um 33 Prozent auf etwa 120 Millionen Euro liege. Angetrieben werde die Entwicklung vor allem durch Solaranlagen auf dem Dach. Die Firma 1Komma5Grad aus Hamburg sprach von einer ungefähren Verdoppelung der Nachfrage im Monatsvergleich.
Das Unternehmen Solarhandel24 plant laut der Nachrichtenagentur, seine Belegschaft um rund ein Drittel aufzustocken, um der Nachfrage gerecht zu werden. Die Düsseldorfer gaben bekannt, dass sich der Umsatz im März gegenüber dem Vorjahr auf fast 70 Millionen Euro verdreifacht habe und sich in diesem Monat voraussichtlich erneut auf bis zu 60 Millionen Euro verdreifachen werde.
Und auch an der Börse ist der Trend erkennbar: Die Aktie des Wechselrichter-Herstellers SMA Solar ist seit Kriegsbeginn um fast 50 Prozent gestiegen.
Wie stark fällt die Sonderkonjunktur aus?
„Mehr Unabhängigkeit und die berechtigte Angst vor steigenden Energiepreisen zählt zu den wichtigsten Gründen, sich eine Solarstromanlagen, eine Solarheizung und einen Solarspeicher anzuschaffen“, teilt der Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) auf Anfrage der ARD-Finanzredaktion mit. Das sei bereits zu Beginn des Ukraine-Kriegs zu beobachten gewesen und dürfte sich durch den Iran-Krieg wiederholen.
Vorläufigen Daten zufolge lag der Photovoltaik-Zubau bei Wohngebäuden im März laut BSW Solar über dem des Vormonats um rund 15 Prozent über dem des Vorjahresmonats, also dem März 2025. Allerdings: Da dieser der zweitschwächste Monat des Jahres 2025 gewesen sei, könne man lediglich von ersten Anzeichen einer Erholung auf niedrigem Niveau sprechen. Im Vergleich zum März 2024 sei die Entwicklung rückläufig – ein Minus von 25 Prozent. Wie stark die Sonderkonjunktur also ausfalle, sei „derzeit noch nicht absehbar“, so Hauptgeschäftsführer Carsten Körnig.
Im vergangenen Jahr hatte sich der Ausbau der Solarenergie in Deutschland verlangsamt. Die Zahl der Anlagen nahm im Vergleich zu 2024 um 17,6 Prozent zu, wie das Statistische Bundesamt im März mitteilte. In den beiden Vorjahren hatte der Zuwachs noch bei jeweils mehr als 27 Prozent gelegen. Insgesamt waren Ende 2025 knapp 4,8 Millionen Photovoltaikanlagen auf Dächern und Grundstücken installiert, ein Höchstwert. Kleinere Anlagen wie Balkonkraftwerke fallen daher in der Regel nicht darunter.
Solarbranche kritisiert Pläne des Wirtschaftsministeriums
Der gesamte europäische Solarmarkt war 2025 sogar erstmals seit fast einem Jahrzehnt leicht geschrumpft. Ein Grund dafür war die schwache Nachfrage von Privatkunden, nachdem staatliche Förderprogramme ausgelaufen waren. In Deutschland kommt als zusätzlicher Faktor eine geplante Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) hinzu, die den Verbrauchern Sorge wegen möglicher Fördereinschnitte in der Zukunft machen könnte.
Das Bundeswirtschaftsministerium will ab 2027 die Förderung für Anlagen von weniger als 25 Kilowatt installierter Leistung einstellen, wie aus einem der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Gesetzentwurf hervorgeht. Diese Anlagen – vor allem kleine Solaranlagen – seien mittlerweile aufgrund gesunkener Kosten oft bereits ohne zusätzliche Förderung wirtschaftlich, heißt es zur Begründung. Die Pläne sind noch nicht vom Kabinett beschlossen worden, doch schon jetzt warnt der BSW vor enormen Folgen.
Komplette Systeme sind gefragt
Regulatorische Unsicherheiten seien Gift für die Investitionsbereitschaft, so der Verband. Er appelliert an die Bundesregierung, den Vorschlägen nicht zu folgen, für ab 2027 neu errichtete Solarstromanlagen im Heim- und Kleingewerbesegment die Einspeisevergütung komplett zu streichen. „Dies würde dazu führen, dass die Nachfrage im nächsten Jahr massiv einbricht“, heißt es vom BSW. Die Pläne erschwerten millionenfach Privathaushalten und mittelständischen Unternehmen den Zugang zu preiswertem und klimafreundlichem Solarstrom vom eigenen Dach.
Die Kosten für eine Anlage für ein durchschnittliches Einfamilienhaus liegen zwischen 10.000 und 20.000 Euro. Gefragt sind dabei komplette Systeme. Die Kunden verknüpfen die Solarpaneele auf dem Dach meist direkt mit Batteriespeichern und Ladestationen für Elektroautos. So kann überschüssiger Strom gespeichert und später genutzt werden.
Mit Informationen von Till Bücker, ARD-Finanzredaktion.