Schilder heißen Besucher auf der Hannover Messe 2026 willkommen.

AUDIO: NachGedacht: Messe, Mitte, Merz – Hannover! (4 Min)

Stand: 24.04.2026 11:28 Uhr

Wenn die Großen der Welt nach Hannover kommen, ist unser Kolumnist Ulrich Kühn nicht weit: Er lebt schon dort. Und er kann beweisen: Hannover, das ist die Mitte der Mitte.

von Ulrich Kühn

In Hannover war wieder mal Messe. Und zwar „Hannover-Messe“, also die Messe aller Messen, die stolz den Namen der Landeshauptstadt trägt. Einer Landeshauptstadt, die sich in post-britischem Understatement wie folgt selbst bewirbt: „Wir drängen uns nicht in den Mittelpunkt. Der sind wir schon.“ Das steht so auf Plakaten, die perfekt platziert im Hauptbahnhof hängen. Weil dort alle Welt, die durch Deutschland reist, umsteigen muss. Ja, das ist schon ein deutscher Mittelpunkt hier. Wenn auch nicht der Nabel der Welt. Was Hannover natürlich weiß: Nur die Provinz würde sich mit einem Nabel verwechseln.

Bundeskanzler Merz und Brasiliens Präsident Lula da Silva auf der Hannover Messe.

Vor der Bekanntgabe hatte der Messe-Auftritt der Regierungschefs Merz und Lula Irritationen ausgelöst: Sie waren getrennt unterwegs.

Messe bringt Großewelt-Duft

Wer zu Messe-Zeiten durch Mittelpunkt-Hannover streift, bekommt einen schönen Großewelt-Duft in die Nase. Brasilien als Gastland, südamerikanische Stimmung in der sittsam-wohltemperiert-niedersächsischen Hauptstadt-Bude. Überhaupt, Flair von überall her: Es macht dann Spaß, sich am Feierabend ein bisschen treiben zu lassen, um Gesprächsfetzen in unvertrauten Sprachen aufzuschnappen, oder handfestes Gebrauchs-Englisch mit liebenswürdigen Landesakzenten.

Vor ein paar Wochen, noch vor der Messe, habe ich im hübschen Café „Panama“ in der Nähe der Oper einen Espresso getrunken. Ich wurde Zeuge der Unterhaltung einer jungen Mutter mit ihrer vielleicht siebenjährigen Tochter. „Hannover ist eben eine internationale Stadt“, sagte die Mutter. „Deshalb ist es so wichtig, dass du gut Englisch lernst.“ Die Tochter nickte hingebungsvoll.

Eine Fahne zur Hannover Messe weht im Licht der Sonne auf dem Messegelände.

Am Sonntag eröffnet die wichtigste Industriemesse der Welt. Erwartet werden über 100.000 Gäste, darunter auch politische Prominenz.

In sich ruhender Mittelpunkts-Stolz

Ein schöner Moment. Mich rührte der in sich ruhende Mittelpunkts-Stolz, wo sie doch in Hamburg, München, Berlin das mittelgroße Hannover eher nur als Umsteigebahnhof wahrnehmen. In der Messe-Woche dann bin ich morgens – zu Fuß zur Arbeit unterwegs, die Stadtbahnen streikten zum Messebeginn, damit Hannover international einen guten Eindruck machen konnte – ins selbe Café abgebogen. Schräg gegenüber hatte sich nämlich eine Menschentraube gebildet, Kameras, gezückte Handys, dazu in der Straße schwarze Limousinen und viele Polizeifahrzeuge.

Kein Zweifel, aus dem Hotel „Luisenhof“ würde gleich Mister Sehr-Bedeutend oder Madame Ultra-Wichtig spazieren. Es waren ja Wichtige und Bedeutende in der Stadt, zum Beispiel der Kanzler: Diese Messe-Tage seien „Tage der Zukunfts-Zuversicht“, hatte er in die Luft gemeißelt. Und Katherina die Öl-Gas-Erste, die Bundeswirtschaftsministerin: „Wir können Wachstum!“ Wer Frau Reiche widerspricht, dem bekommt das nicht. Sie hat bestimmt recht.

Nicht in den Mittelpunkt drängen – ist nämlich schon da

Ich hatte einen strategisch günstigen Stehplatz mit Blick auf den Eingang des Hotels. Ab und zu ging die Tür auf, alle hielten den Atem an – und heraus kam immer nur irgendjemand oder gar niemand, aber nie ein Jemand im Sinne von „wichtig-bedeutend“. Das ging so um die zehn Minuten lang, dann musste ich weiter. Ich habe nie erfahren, ob doch noch ein wesentliches Wesen aus dem Hotel gekommen ist, Godot vielleicht oder auch nur Herr Merz.

Doch darauf kommt es nicht an. Wichtig scheint jetzt nur noch zu sein, dass wir in Erwartung großer Dinge gezielt irgendwo hinschauen können. Das kann ein Hoteleingang sein oder ein armer, gequälter Wal, der zum Opfer obskurer Wichtigtuer wird. Hauptsache, der verunsichert-angstvolle Blick kann sich fokussieren. Feste nah hingucken, bloß nicht ins Weite schauen müssen! Das ist jetzt die Devise. Menschlich verständlich, aber ist es auch clever? Ich frage ja nur.

Immerhin sind wir hier Mitte, Hannover in Deutschland, Deutschland in Europa. Und Europa ist kein Hoteleingang, Europa ist wirklich wichtig. Und muss sich dafür nicht in den Mittelpunkt drängen. Ist nämlich schon da. Genau wie Hannover. Machen wir was draus. Statt immer nur auf Godot zu warten.

Anmerkung der Redaktion: Liebe Leserin, lieber Leser, die Trennung von Meinung und Information ist uns besonders wichtig. Meinungsbeiträge wie dieser Kommentar geben die persönliche Sicht der Autorin / des Autors wieder. Kommentare können und sollen eine klare Position beziehen. Sie können Zustimmung oder Widerspruch auslösen und auf diese Weise zur Diskussion anregen. Damit unterscheiden sich Kommentare bewusst von Berichten, die über einen Sachverhalt informieren und unterschiedliche Blickwinkel möglichst ausgewogen darstellen sollen.

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