Glaubt man Donald Trump, dann fetzen sich die Mitglieder der iranischen Führung hinter den Kulissen „wie Hunde und Katzen“. Der US-Präsident beschreibt ein dysfunktionales Regime, bei dem nicht klar ist, wer Entscheidungen treffen darf und wer nicht. Der iranische Revolutionsführer Modschtaba Khamenei antwortete am Freitag, Trump betreibe „psychologische Kriegsführung“: Regime und Nation seien geeint und „stählern entschlossen“. Die Wahrheit liegt zwischen den Behauptungen von Trump und Khamenei. Risse in der iranischen Führung existieren, doch sie blockieren das Regime bisher nicht.

Trump setzt die Spekulationen über interne Spannungen in Teheran für seine eigenen Zwecke ein. Er begründet damit vor den amerikanischen Wählern, warum der Krieg nach fast zwei Monaten immer noch nicht zu Ende ist, obwohl er mehrmals erklärt hatte, der Konflikt werde höchstens fünf Wochen dauern. Iran und USA können sich nicht auf die Fortsetzung von Friedensverhandlungen einigen und lassen den Streit um die Straße von Hormus eskalieren. Die Ölpreise steigen weiter. Er warte darauf, dass sich die Iraner auf eine gemeinsame Position einigen, sagt Trump.

Auf den Versuch des US-Präsidenten, Teheran die Schuld am Stillstand der Verhandlungen zu geben, reagiert der Iran mit Beteuerungen der Einigkeit, die zu laut und demonstrativ vorgetragen werden, um glaubwürdig zu sein. Spitzenpolitiker und hochrangige Generäle veröffentlichten teilweise gleichlautende Bekenntnisse zur Einheit des Staates. Dass Modschtaba Khamenei es für nötig hielt, die Berichte über Streit im Regime zurückzuweisen, ist ebenfalls ein indirekter Hinweis auf Meinungsverschiedenheiten.

Einigkeit in der iranischen Führung gab es seit Gründung der Islamischen Republik 1979 ohnehin noch nie. Der Dauerstreit zwischen Verfechtern der reinen islamistischen Lehre und den Pragmatikern zieht sich durch die Geschichte des Staates. Nun trete dieser Streit stärker als sonst hervor, sagt der Iran-Experte Arman Mahmoudian von der Universität Süd-Florida. Der frühere Revolutionsführer Ali Khamenei habe die verschiedenen Flügel des Regimes zügeln können, sagte Mahmoudian unserer Zeitung. Seit dem Tod des älteren Khamenei bei einem amerikanisch-israelischen Luftangriff in Teheran am 28. Februar gibt es diese Zügel nicht mehr.

Modschtaba Khamenei ist als Nachfolger seines Vaters zwar auf dem Papier der entscheidende Mann im Iran. Doch der 58-Jährige ist von der Revolutionsgarde abhängig, die seine Ernennung zum Regimechef durchsetzte.

Zudem wurde er bei einem Luftangriff verletzt und ist seit seiner Wahl zum Revolutionsführer am 8. März bisher nicht öffentlich aufgetreten; auch seine Botschaft vom Freitag ließ er über die Staatsmedien verbreiten. Laut einem Bericht der „New York Times“ hat Khamenei schwere Verbrennungen im Gesicht erlitten und kann kaum sprechen. Er regiert demnach aus einem Versteck heraus mit handschriftlich verfassten Anweisungen. Khameneis Abwesenheit habe ein Vakuum im Zentrum der iranischen Politik geschaffen, sagt Mahmoudian.

Konkurrierende Lager in der Führung wollen dieses Vakuum füllen. Zu den Ideologen gehören der Chef der Revolutionsgarde, Ahmad Vahidi, und Hossein Taeb, der frühere Geheimdienstchef der Garde. Auf der anderen Seite des Grabens stehen nach Mahmoudians Einschätzung pragmatischere Garde-Generäle und Parlamentschef Mohammad Baker Kalibaf. Auch Präsident Massud Peseschkian und Außenminister Abbas Araghchi gehören zu den Pragmatikern, sind aber weniger einflussreich als Kalibaf oder die Kommandeure.

Aus diesen ideologischen Differenzen ergeben sich unterschiedliche Prioritäten für die Verhandlungen mit den USA. Kabilbaf räumt öffentlich ein, dass der Iran die Supermacht USA militärisch nicht besiegen könne. Medien der Hardliner tun so, als seien die USA hoffnungslos unterlegen.

Einig sind sich alle Lager in ihrem Misstrauen gegenüber Trump und Israel. Alle Mitglieder der Führung müssen zudem auf die Anhängerschaft des Regimes achten. Diese ist zwar eine Minderheit – Experten schätzen die Gefolgschaft der Islamischen Republik auf etwa 15 Prozent der Iraner. Doch die Basis ist einflussreich, weil sie das Regime stützt. Kompromisse wirken aus ihrer Sicht leicht als Ausverkauf hart erkämpfter iranischer Erfolge.

Sollten die Verhandlungen fortgesetzt werden, dürfte der Iran deshalb auf das Recht auf Urananreicherung beharren – auch wenn er sich bereit erklären könnte, für einige Jahre auf die Anreicherung zu verzichten. Zudem wird Teheran fordern, dauerhaft an der Verwaltung der Meerenge von Hormus beteiligt zu werden.

Die USA werden nicht allem zustimmen, was in Teheran konsensfähig ist. Das wird die iranische Führung zu internen Kompromissen zwingen, denn alle Lager wollen einen neuen Krieg vermeiden. Das Regime sieht sich bisher als Sieger, weil es den Krieg überlebt hat. Doch der eigentliche Härtetest für den Teheraner Machtzirkel könnte noch bevorstehen.