So erfolgreich wie noch nie waren Frankreichs Wintersportler bei Olympia 2026 in Mailand/Cortina. 23 Medaillen bedeuten eine neue Rekordausbeute, beim Empfang in Albertville wurden die Équipe de France, allen voran die dominierenden Biathletinnen gefeiert. Aber prompt stehen wieder die olympischen Sorgen im Mittelpunkt: In den französischen Alpen, in vier Clustern von Nizza bis zum Genfersee, sollen 2030 die nächsten Winterspiele stattfinden und vieles deutet dieser Tage auf ein Fiasko hin.

Dabei hatte sich Frankreich bei den Sommerspielen 2024 in Paris noch als souveräner Organisator präsentiert, auch Erfahrung mit Winterspielen hat man reichlich nach Chamonix (1924), Grenoble (1968) und zuletzt Albertville (1992). Dort triumphierte ein Mann, der im Zentrum der aktuellen Olympia-Querelen steht: Edgar Grospiron war 1992 Goldgewinner in der Buckelpiste und ist nun OK-Chef der Spiele 2030.

Zerstritten: OK-Chef Edgar Grospiron (l.) und CEO Cyril Linette.

Zerstritten: OK-Chef Edgar Grospiron (l.) und CEO Cyril Linette.  APA

Die Differenzen zwischen Grospiron und Cyril Linette, dem Generaldirektor der Spiele, sind zu einer regelrechten Fehde eskaliert, das leugnen beide auch gar nicht mehr. Erst schien es, als würde Linette das Handtuch werfen, inzwischen steht auch ein Abgang von Grospiron im Raum. Nach einer Reihe von Krisensitzungen, eine davon just einige Stunden, bevor am Sonntag bei der Schlusszeremonie von Mailand/Cortina die olympische Fahne an Frankreich weitergereicht wurde, meinte dieser: „Wir brauchen Stabilität, Ruhe und Kontinuität im Organisationskomitee, dann werden wir die Spiele erfolgreich umsetzen können.“ Die Zeit sei knapp, der finanzielle Rahmen eng. „Aber wir wissen, dass wir das schaffen können.“

Das Projekt stand von Beginn an unter keinem guten Stern. Die Bewerbung wurde 2023 in Windeseile zusammengestellt und schon ein Jahr später folgte der Zuschlag vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC), das offenbar unter dem Eindruck der erfolgreichen Sommerspiele in Paris stand. Für die finanziellen Garantien der französischen Regierung gewährte das IOC eine Fristverlängerung, alles war schließlich denkbar knapp geworden: Zwischen der Vergabe und der Eröffnungsfeier lagen nur fünfeinhalb Jahre.

Schnell erschütterte danach eine Rücktrittsserie das zerstrittene Organisationskomitee. COO Anne Murac, Kommunikationschef Arthur Richer und Bertrand Méheut, der einem unabhängigen Vergütungsausschuss vorsaß, zogen sich allesamt zurück. Inzwischen hat man Etienne Thobois, den Generaldirektor der Pariser Sommerspiele 2024, zu Hilfe gerufen.

Auch die Politik schaltete sich ein. „Parisien“ zufolge mache Präsident Emmanuel Macron Druck und habe für das Aufstellen eines funktionierenden Organisationskomitees eine Frist bis zum 15. März gesetzt. Das Kulturkomitee des französischen Senats hegt außerdem Zweifel, ob die Organisatoren in der Lage sind, diese für das Land bedeutsame Veranstaltung über die Bühne zu bringen, und hat Grospiron zu einem Hearing zitiert.

Biathletin und Olympia-Star Julia Simon.

Biathletin und Olympia-Star Julia Simon.  Reuters

Was bei all den Querelen bisher überhaupt auf der Strecke blieb, ist die Bevölkerung. Eingebunden ist sie offenbar kaum, es regt sich also Widerstand, in Grenoble wurde bereits protestiert. Das Collectif Citoyen JOP 2030 erklärte mit Blick auf das Megaevent: „Die Menschen in den Alpen werden die Rechnung bezahlen müssen.“

Apropos Rechnung. Das Budget für die Winterspiele 2030 beträgt 3,4 Milliarden Euro, das beinhaltet die Organisation der Wettkämpfe (2,1 Mrd.) und die Investitionen in die Infrastruktur (1,3 Mrd.). Spät dran sind die Olympia-Macher auch bei den Verträgen für das Sponsoring, das zum Budget beitragen soll. In den nächsten Wochen werde ein erster Partner bekanntgegeben, hieß es zuletzt. Allerdings dürften interessierte Unternehmen schon auf die schleppende Planung hingewiesen haben.

Mit ihrem Budget müssen die Olympia-Macher nun ein stimmiges Paket an Austragungsorten in den beiden Regionen Provence-Alpes-Côte d‘Azur und Auvergne-Rhône-Alpes zusammenstellen. Das Konzept sieht fast ausschließlich die Nutzung bestehender Wettkampfstätten vor, die sich auf vier Hauptregionen verteilen, die vom Genfer See und den nördlichen Alpen bis zum Mittelmeer im Süden reichen.

Zum Rahmenplan gehören die Skipisten in Courchevel (Speed) und Val-d‘Isère (Technik), der Eiskanal von La Plagne, die Skisprungschanze von Courchevel, die Biathlon-Arena in Le Grand Bornand, die Loipen in La Clusaz, Freestyle-Events rund um Briançon und eine neue Eishalle in Nizza. Den Eisschnelllauf will man ins italienische Turin oder nach Heerenveen in die Niederlande auslagern, um den Bau einer neuen Sportstätte zu vermeiden. 

OK-Chef Edgar Grospiron in La Clusaz.

OK-Chef Edgar Grospiron in La Clusaz.  APA

„Beim Plan der Wettkampfstätten sind 15 Prozent noch offen, 85 Prozent sind schon klar“, berichtet OK-Chef Grospiron. Bis Ende Juni soll alles feststehen, bis dahin muss auch das IOC entschieden haben, welche Sportarten eventuell aus dem Programm fallen (Nordische Kombination?) und welche neu hinzukommen (die Freerider, also die Gelände-Skifahrer und -Snowboarder dürften erstmals zum Zug kommen und haben zuletzt schon Events in Val Thorens abgehalten). Mehr denn je gilt also, was Buckelpisten-Champion Grospiron bei seinem Antritt als OK-Chef prophezeit hat: „Es ist eine Herausforderung. Mit vielen Buckeln voraus.“