Plötzlich tut sich was auf dem Bildschirm. Die Kamera der Aufklärungsdrohne zoomt das Bild heran. Drei Männer, die zwischen Häuserruinen herumlaufen. Verschwinden. Da sind sie wieder.
„Sind das Russkis?“, fragt Tolja.
„Nein, unsere“, antwortet Padre.
„Solche Kerle hast du“, sagt Tolja, der Presseoffizier. Er meint Kerle, die ein Gebiet sichern. Säubern, sagen sie.
Padre bleibt gelassen. „Solche gibt‘s überall.“
„Und ich dachte, Mutige gibt’s nicht mehr.“
Tolja und Padre stehen in einem Haus, dort, wo es noch halbwegs sicher ist, und starren auf einen Bildschirm. Die Kamera einer Aufklärungsdrohne überträgt in Echtzeit, was ein paar Kilometer weiter östlich passiert. Sieht aus wie ein Videospiel, ist aber keines. Es ist eine Liveübertragung aus einer Gegend, die man hier die Killzone nennt: ukrainische Soldaten auf der Jagd nach russischen Soldaten.

Soldaten verfolgen den Flug der Aufklärungsdrohne auf einem Bildschirm außerhalb des unmittelbaren Kampfgebiets. Die Aufnahme musste auf Wunsch der ukrainischen Streitkräfte verwischt werden.
Artem Nesterow
Eine solche Säuberung findet statt, wenn der Drohne vorher etwas aufgefallen ist: Plastikreste von den Essenspaketen, die dem Gegner abgeworfen werden, frischer Müll, oder gar ein Mensch, der sich bewegt hat.
„Damit befassen sich dann unsere Infanterie und unsere Piloten“, sagt Ljowa. „Damit der Feind wieder aus dem Sektor verschwindet.“
Aber wenn wir die ukrainischen Kameraden sehen, dann beobachten die Russen sie womöglich auch?
„Natürlich beobachten sie uns auch“, sagt Ljowa. Das ist der Punkt: Alle beobachten alle.
„Wer sich besser versteckt, der überlebt länger“, sagt Tolja.
Und wer ist besser?
Sekundenlange Stille.
„Unsere sind besser“, sagt Ljowa.
Ljowa steht neben Tolja, dem Presseoffizier, und Padre, dem Feldkommandanten. Ljowa ist der Ranghöchste. Und der sauberste. Frische Uniform, getrimmter Vollbart, goldener Ehering. Ljowa, stellvertretender Kommandant des ersten Panzerbataillons der 127. separaten schweren mechanisierten Charkiwer Brigade. „Das ist wichtig“, sagt Ljowa, der Major ist. „Genau diese Bezeichnung.“ Die Brigade ist besonders stolz auf den Zusatz Charkiw, den ihr der ukrainische Präsident im Vorjahr verliehen hat. Es geht die um lokale Identität. In der 127. dienen vor allem Menschen aus dem Gebiet Charkiw. Leute, die ihre Stadt und ihr Gebiet verteidigen. „Ich will nicht, dass Fremde zu meiner Familie kommen“, sagt Padre, der 38 Jahre alt ist, gerne Kaffee trinkt und in seinen Kommandopunkt in akkurater Ordnung hält. Auch er ist aus Charkiw, auch er hat Familie dort.
Zugleich bedeuten Namen im gegenwärtigen Krieg nicht viel: Die Panzer des ersten Panzerbataillons stehen irgendwo im Wald eingebuddelt. Sie werden jetzt nicht gebraucht. Auch darüber will Ljowa sprechen. Über den realen Krieg im 2026er Jahr und was er alles bräuchte, damit die Ukraine Russland besiegen könnte.

Rucksack, Schlafsack, Gewehr und Ikonen: Das Lager der Soldaten. Artem Nesterow
„Die Nato ist nicht bereit für den Krieg“, sagt Ljowa. Wie er die Nato kenne, würde sie hier mit Panzern auffahren. Unlängst hat er ein Video von einer Übung gesehen, da rannten Infanteristen neben einem Panzer her. Er deutet auf das Bild der Aufklärungsdrohne, die weiter die Landschaft scannt. Geplättete Häuser, Felder, Waldstücke. Alle sehen alles. Nach ein paar Minuten wäre eine Drohne da. „Bumm“, sagt Ljowa. Er ahmt ein Explosion nach. „I am sorry.“
Vor vier Jahren, als der russische Großangriff begann, führte man Journalisten zu Artilleriekanonen und ließ die Soldaten fürs Foto ein Geschoß abfeuern. Viel zu gefährlich heute. Dann wüsste der Feind sofort, wo man steht. Jetzt fährt man Journalisten in verkabelte Dorfhütten mit Bildschirmen, Computern und Ecoflows am Rande der Todeszone. „Wir haben einen Generator“, sagt Padre. „Aber wir schalten ihn nicht ein. Wir wollen so unauffällig sein wie möglich.“ Hier in den Soldatenquartieren sieht es anders aus, als in den cleanen Werbevideos der Drohnenhersteller der Krieg präsentiert wird. Es ist ein Ausflug ins Vorzimmer des Krieges, eine Mischung aus High Tech und Low Life. Betagte Häuschen mit Klo im Garten, Schlafsacklager vor Blümchentapeten, Munitionskisten zwischen dem Gerümpel der Vorbesitzer, die die Ansiedlung längst verlassen haben.
Schon bei der Fahrt raus aus Charkiw, nach Osten in ein Dorf in Frontnähe, hat Ljowa vor den Drohnen gewarnt. Zwar haben Arbeitsbrigaden wie überall in Frontnähe die großen Straßen mit Netzen übertunnelt, die sich wie glänzende Bänder über das weite Land ziehen. Angreifende FPV-Drohnen sollen sich darin verfangen. Doch hundertprozentiger Schutz ist das keiner. „Erinnerst du dich an die Tankstelle“, sagt Ljowa während der Fahrt zu Tolja. „Die hats erwischt.“

Soldaten im Frontgebiet. Artem Nesterow
Die Militärs fahren nicht mehr ohne Drohnendetektor. Wenn der Bildschirm des kleinen Geräts schwarz ist, ist alles gut. Wenn der Bildschirm grau wird, dann fliegt eine FPV-Drohne in drei Kilometern Entfernung. Wenn sie nur noch eineinhalb Kilometer entfernt ist, dann zeigt der Bildschirm ein Kamerabild: die Sicht des feindlichen Piloten. „Und wenn du dein Auto von hinten siehst, dann springst du raus“, sagt Ljowa.
In die Dorfhäuser sind Soldaten eingezogen. Hier leben Drohnenpiloten und Infanteristen, wenn sie sich von ihren Einsätzen erholen. Auch ihre Kampfeinsätze haben sich erschwert: Eine Rotation gelingt nur bei schlechter Witterung. Man braucht Regen, Nebel oder Sturmböen, damit die Piloten, vor allem aber die Infanteristen, die ganz vorne sind, aus dem umkämpften Gebiet rausgeholt werden können.
»Irgendwer muss diese Arbeit machen.«
Olexander, 36
Infanterist bei der 127. Brigade
Olexander ist so ein Infanterist. Der 36-Jährige steht vor einem der Häuser und raucht. Gestern wurde er rausgeholt, nach einem Monat im Unterstand. Er und seine Kameraden werden aus der Luft versorgt, sie essen Wurst, Püree, „manchmal Süßes“. Zu dritt waren sie, die anderen beiden sind noch dort. Wie das ist? „Verrückt“, sagt Olexander. Sie sind immer zusammen, beobachten abwechselnd die Umgebung, ohne Pause. „Die Russen kriechen heran und wir wehren sie ab.“ Im Haus lehnen zwei Gewehre. Eines davon ist seines, eines eine Trophäe.

Nur ein paar Tage
Erholung: Infanterist Olexander, 36. Artem Nesterow
Ein gefangengenommener Russe, vier tote Russen, den Rest zurückgedrängt, das ist das Fazit der Woche in diesem Sektor. Und eigene Verluste? „Keine Angabe“, sagt Ljowa. „Wir versuchen sie zu minimisieren.“
Olexander hat sich gewaschen und rasiert, hat seine Frau angerufen. „Sie hat geweint“, sagt er. „Sie dachte, ich sei tot.“ Bald muss er wieder zurück. Wann? „Wird man mir sagen.“ Er hat sich einst freiwillig gemeldet. Olexander stammt aus Wowtschansk, eine Stadt weiter nordöstlich, die heute von den Russen besetzt ist. „Irgendwer muss diese Arbeit machen“, sagt er.
Von den früheren Freiwilligen sind nicht mehr viele übrig, auch davon kann Ljowa erzählen. Früher machten sie fast das gesamte Bataillon aus. Von den einst 500 sind vielleicht noch 40 im Dienst. In Charkiw verstecken sich Mobilisierungspflichtige monatelang in Wohnungen, während diese Männer hier an der Front gefangen sind. „Zu Kriegsbeginn waren Soldaten vier Tage in den Stellungen und vier Tage auf Erholung, jetzt sind sie einen Monat dort und drei Tage hier“, erzählt Padre. „Gebt mir einen Zug Drohnenpiloten und ich vertreibe die Russen“, ruft Ljowa dazwischen. Er zeigt auf einen Jungen im modischen Militäroutfit, Tarasik nennen sie ihn liebevoll. Taras ist 22, hat einen Vertrag für ein Jahr unterschrieben. Wollte gleich Sturmowik werden. „Ich habe ihn zum Drohnenpiloten gemacht“, sagt Ljowa. „Schade um ihn.“
Die Häuser dienen auch als Reparaturwerkstatt für kaputte Drohnen. Ein 3D-Printer druckt Ersatzteile, Modelle werden aufgerüstet. Ein Drohnenpilot, Kampfname Sniper, zeigt einen Keller, der randvoll ist mit Geschoßen verschiedenster Art. Sniper hat zarte Finger, das ist gut fürs Manövrieren. Wenn man die Piloten auf ihr Handwerk anspricht, zucken sie mit den Achseln. „Nach dem zehnten Russen hörst du auf zu zählen“, sagt einer. „Das bringt nichts.“

Basteln für Soldaten: In einer Werkstatt werden Drohnen repariert und an die Anforderungen des Terrains angepasst. Artem Nesterow
Auf der Rückfahrt sagt Ljowa, dass der Krieg in Zukunft „noch automatisierter“ wird. Aber ganz ohne Männer wird es nicht gehen, Männer wie Olexander, Padre, Sniper und Tarasik.
Plötzlich zeigt der Drohnendetektor ein graues Bild. Kurz darauf eine Landschaft. Die Sicht des feindlichen Piloten. Die Drohne ist nah. Ljowa gibt Gas.
Fakten
Die 127. Charkiwer Brigade, mit der die „Presse am Sonntag“ in Richtung Wowtschansk unterwegs war, wurde zu Kriegsbeginn 2022 als Einheit der Territorialverteidigung gegründet. Sie besteht vorwiegend aus Männern und Frauen aus dem Charkiwer Gebiet, die zunächst die russische Besatzung ihrer Stadt abwehrten. Seither war die Brigade in unterschiedlichen Abschnitten eingesetzt.
Das eigentlich Gefechtsgebiet, wo sich Piloten und Infanteristen bewegen, kann heutzutage aufgrund des hohen Risikos kaum noch besucht werden. Soldaten beschreiben diese „Killzone“ als mehrere Kilometer breites Gebiet, in dem es keine klare Frontlinie gibt und der Gegner zuweilen hinter die eigenen Reihen vordringt.