Wolkenkratzer wachsen in den Himmel, Kräne prägen die Skyline und im Hintergrund dröhnt das Dauerhupen des dichten Verkehrs. Die Hochhauskulisse ist wohl nicht das typische Bild, das viele haben, wenn sie an Afrika denken. Noch eindrucksvoller wird es in Addis Abeba aber nach Einbruch der Dunkelheit: Die vielen Lichter lassen Vergleiche mit Dubai aufkommen. Wer mitten in der äthiopischen Hauptstadt steht, versteht schnell, weshalb Afrika und speziell Äthiopien für viele als große Zukunftshoffnung gilt. Dabei beginnt nur wenige Kilometer weiter ein anderes Äthiopien – eines, das aus staubigen Straßen und Pferdekarren besteht. Wie passen diese beiden Wirklichkeiten zusammen?
In westlichen Debatten taucht Afrika oft nur dann auf, wenn eine Krise herrscht. Aber das ist ein Fehler. Mit rund 130 Millionen Einwohnern ist Äthiopien einer der größten, zugleich aber am wenigsten erschlossenen Märkte des afrikanischen Kontinents. Schon 2050 wird jeder vierte Mensch weltweit Afrikaner sein. Der Kontinent wird dann das größte Arbeitskräftepotenzial der Welt stellen. Vom „Zukunftsmarkt Afrika“ ist seit Jahrzehnten die Rede – selten jedoch schien Afrika so nah daran, dieses Potenzial tatsächlich wirtschaftlich selbst zu nutzen. Das zieht auch die Aufmerksamkeit von Europa an. Im Rahmen der Initiative Global Gateway will die Europäische Union zwischen 2021 und 2027 rund 150 Milliarden Euro in Afrika investieren. Auch Österreich verfolgt mit einer eigenen Afrikastrategie einen Wirtschaftsansatz auf Augenhöhe. Man müsse wegkommen von diesem Denken, dass Afrika nur Empfänger von Entwicklungshilfen ist, sagt Außenministerin Beate Meinl-Reisinger (Neos).
Bei der Afrikastrategie steht die lokale Wertschöpfung im Mittelpunkt. Nicht nur Rohstoffe beziehen oder fertige Produkte exportieren, sondern vor Ort produzieren, investieren und ausbilden. Dabei geht es natürlich auch um Migration. Das Kalkül dahinter: Wenn es Jobs und Möglichkeiten in den Heimatländern gibt, flüchten weniger Menschen nach Europa.
Afrikas internationale Beziehungen haben sich in den vergangenen Jahren stark diversifiziert. Neben Europa spielen vor allem Länder wie China, Indien, Brasilien sowie Golfstaaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate, Saudi-Arabien und Katar eine wichtige Rolle, sagt Solomon Dersso, Politikanalyst der Afrikanischen Union, im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Vor allem China hat seinen Einfluss durch Infrastrukturprojekte, Kredite und Investitionen sehr stark ausgebaut. Seit dem Jahr 2000 hat China rund 180 Mrd. US-Dollar in Afrika investiert. Im Zuge der Belt-and-Road-Initiative gibt es neue Zusagen in Höhe von 51 Mrd. Dollar für die kommenden Jahre. Fast noch wichtiger ist aber, dass China der größte Handelspartner ist. 2025 lag das gesamte Handelsvolumen zwischen China und Afrika bei rund 348 Mrd. Dollar.
Die Weltbank prognostiziert für Äthiopien im Jahr 2026 ein reales Wirtschaftswachstum von 7,1 Prozent. Der Internationale Währungsfonds ist mit seinen Erwartungen sogar noch optimistischer. Hoffnung machen vor allem das große Agrarpotenzial und die fortschreitende Industrialisierung des Landes. Um zu verstehen, weshalb der IWF so hohe Erwartungen in das Land setzt, muss man zurück in das Jahr 2018 blicken. Damals übernahm Abiy Ahmed das Amt des Premierministers und versuchte, Äthiopien wirtschaftlich und politisch zu öffnen. Er leitete Reformen ein, ließ politische Gefangene frei, lockerte Beschränkungen für Medien und Opposition und schloss Frieden mit Eritrea, wofür er auch den Friedensnobelpreis erhielt.
Seine wirtschaftliche Reformagenda sollte das Land modernisieren und für Investoren attraktiver machen. Abiy kündigte an, zuvor stark abgeschottete Sektoren für private und ausländische Investoren zugänglich zu machen. Dazu gehörten etwa Telekommunikation, Logistik und zum Teil der Finanzsektor.
Dafür setzte er auf Industrialisierung. Äthiopien sollte sich vom Agrarstaat stärker zu einem Produktionsstandort entwickeln. Industrieparks wurden ausgebaut, Exporte gefördert und das Land als Standort für internationale Unternehmen positioniert. Von den globalen Konzernen wurde das mit Wohlwollen aufgenommen, in den neuen großen Industrieparks siedelten sich rasch Konzerne wie etwa der Textilriese H&M an, die aus dem äthiopischen Markt das neue Bangladesch machen wollten: billige Energie, viele ungenutzte Baumwollressourcen und günstige Arbeitskräfte. Mittlerweile hat die Realität Einzug gehalten: Logistikprobleme und politische Unsicherheiten sorgten dafür, dass die Produktion in Äthiopien wieder zurückgefahren wurde. Außerdem wurde Äthiopien – wegen Menschenrechtsverletzungen in Tigray – aus dem US-Handelsprogramm African Growth and Opportunity Act ausgeschlossen. Damit fiel der zollfreie Zugang zum US-Markt weg.
Insgesamt verliefen die Reformen deutlich schleppender als erwartet. Das lag aber weniger an der fehlenden Vision als an der Realität eines fragilen Staates. Äthiopien kämpft seit Jahren mit hoher Verschuldung, Inflation und Importabhängigkeit. Außerdem kocht der Krieg in der Region Tigray immer wieder hoch – Abiy selbst trieb das in der Vergangenheit voran, seither ist er politisch hoch umstritten. Bislang sind Schätzungen zufolge dort rund 600.000 Menschen gestorben, das ist weit mehr als im Ukraine-Krieg. Und ein Land im Krieg modernisiert sich schwer. Dazu kamen externe Schocks wie die Covid-Pandemie und nun der Iran-Krieg. Dieser sorgt aktuell für massive Verwerfungen beim Treibstoff. Treibstoffmangel ist den Äthiopiern nicht fremd, aber aufgrund des Preisschocks durch den Iran-Krieg kauft die Regierung nun noch einmal weniger ein. Treibstoff wird in Äthiopien vollständig importiert, es gibt keine eigenen Raffinerien, die Golfregion ist der Hauptlieferant. Die Regierung kauft nur noch etwa die Hälfte der üblichen Dieselmenge ein: statt 9,2 Mio. Liter pro Tag nur noch 4,5 Mio. (zum Vergleich: Österreich verbraucht rund 17 Mio. Liter am Tag). Deshalb gibt es eine strikte Rationierung. Militär und systemrelevante Einrichtungen werden bevorzugt versorgt, der Rest gelangt an die Tankstellen. Das sorgt für massive Staus auf den Straßen: Kilometerweit stehen die Autos, Busse und Lkw an den Straßen und warten auf frischen Diesel. Im Schnitt warten sie vier bis fünf Tage am Straßenrand, erzählen die Einwohner der „Presse am Sonntag“.
Die Bevölkerung in der Hauptstadt wächst jährlich um rund vier Prozent, mittlerweile leben dort mehr als sechs Millionen Menschen. Das liegt auch daran, dass der Unterschied zwischen Stadt und Land in Äthiopien enorm ist. Das Leben außerhalb der Metropole ist oft deutlich einfacher organisiert. Schon wenige Kilometer außerhalb der Stadt prägen Brunnen statt Leitungswasser und Pferdekarren statt Lastwagen das Bild. Wer kann, zieht also in die Stadt.
In Äthiopien sind rund 300 europäische Unternehmen aktiv – österreichische Unternehmen nur in überschaubarer Zahl. Eines davon ist Lohmann & Rauscher, ein international tätiger Medizinproduktehersteller mit Wurzeln in Deutschland und Österreich. Im Herbst 2024 wurde die Produktionsstätte in Äthiopien eröffnet. Seither werden dort Einweg-OP-Kittel genäht und vollständig nach Europa exportiert. Rund 300 Mitarbeiter arbeiten an dem 15.000 Quadratmeter großen Standort im Industriegebiet Bole Lemi am Rande von Addis Abeba. Zuvor wurden die OP-Mäntel in einem eigenen Werk in China produziert. Von der Verlegung der Produktion versprach sich das Unternehmen vor allem resilientere Lieferketten – auch als Lehre aus den Verwerfungen der Pandemie.
Aber warum spricht man immer nur von Potenzial und nicht schon von Erfolg? Um das zu verstehen, muss man nur mit Unternehmen sprechen, die bereits vor Ort tätig sind. Von einer teils überbordenden Bürokratie berichten mehrere Unternehmer im Gespräch mit der „Presse am Sonntag“. Selbst einzelne Marketing-Flyer müssten genehmigt werden, das System gelte als entsprechend schwerfällig. „Man muss sich daran gewöhnen, dass das nicht Europa ist“, sagt Andreas Pfleger, Wirtschaftsdelegierter in Nairobi. Insgesamt funktioniere die Zusammenarbeit aber sehr gut, sagt Pfleger.
Auch Thomas Menitz, CEO von Lohmann & Rauscher, hadert mit der umfangreichen Bürokratie. Seinem Unternehmen wurden von der Regierung 2018 Erleichterungen in Aussicht gestellt – etwa deutlich niedrigere Logistikkosten, ein wichtiger Grund für die Standortentscheidung des Unternehmens. Doch das Versprechen hat sich nicht erfüllt. Äthiopien ist ein Binnenstaat, Importe und Exporte laufen über den Hafen in Dschibuti. Die Transportkosten seien bei weitem nicht so stark gesunken wie angekündigt. So koste die Verschiffung eines Containers von China nach Äthiopien drei- bis fünfmal so viel wie der Transport eines identischen Containers von Shanghai nach Hamburg, sagt Menitz.
Auch Trumer Schutzbauten blickt seit rund zwei Jahren auf den äthiopischen Markt, hat dort bislang aber noch nicht richtig Fuß gefasst. „Vieles läuft hier über persönliche Kontakte“, sagt Projektmanager Felix Draesner zur „Presse am Sonntag“. Dabei könnte ausgerechnet der Klimawandel dem Salzburger Familienunternehmen neue Chancen eröffnen. „Oft werden wir erst kontaktiert, wenn bereits etwas passiert ist“, sagt Draesner.
In Österreich ist Trumer auf Schutzbauten gegen Naturgefahren wie Steinschlag, Lawinen und Hangrutschungen spezialisiert – Know-how, das auch in Afrika gefragt sein könnte. Potenzial sieht das Unternehmen insbesondere im Bergbau. In Südafrika sichert Trumer bereits mehrere Goldminen, und auch in Äthiopien könnte das Geschäftsfeld wachsen. Denn Gold gewinnt dort rasant an Bedeutung. Jahrzehntelang dominierte Kaffee den Außenhandel, inzwischen ist Gold zum wichtigsten Exportgut des Landes aufgestiegen. Getrieben von steigenden Preisen und höheren Exportmengen erreichten die Goldexporte im vergangenen Jahr 3,5 Mrd. Dollar. Die Kaffeeexporte lagen 2025 bei rund 2,65 Mrd. Dollar.

Lohmann & Rauscher produziert seit zwei
Jahren in Addis Abeba. Michael Gruber
»Neben Europa spielen vor allem Länder wie China, Indien, Brasilien und die Golfstaaten eine wichtige Rolle.«
Solomon Dersso
Politikanalyst der Afrikanischen Union
Zahlen
9,4 Prozent betrug die Inflationsrate im März 2026.
70 Prozent der Bevölkerung in Afrika sind unter 35 Jahre alt.
5 Millionen Dollar jährlich machen die Exporte von Äthiopien nach Österreich aus.