Der PR-Stunt versprach viel. RTL versucht sich mit seiner neuen Mockumentary „Shit Show“ an der Demontage des eigenen Erfolgsrezepts rund um Reality-TV. Doch man scheitert ausgerechnet an dem System, das man selbst geschaffen hat.
Julian Schneider, Executive Producer bei der RTL-Datingshow „Toxic Attraction“, erhielt unlängst bei den „Reality Awards“ einen Preis für die beste Produktion. Mit vor Rührung brüchiger Stimme hielt er seine Laudatio, appellierte an die Reality-TV-Darsteller: „Ich komme aus einer kleinen Stadt, aus einem problematischen Elternhaus, ich habe mich mit vielen von Euch unterhalten und da gibt es viele Parallelen. Ihr seid so, wie ihr seid, weil ihr da herkommt, wo ihr herkommt.“ Eingeblendet wurde an dieser Stelle Reality-Star Gigi Birofio, der gerne vor der Kamera trinkt, pöbelt, schubst oder fremdgeht. Kandidatenbetreuer Nino Grosch wurde mit ausgezeichnet, wollte auch noch etwas sagen: „Ich mache aus euch Stars! Na ja, das ist ein bisschen übertrieben, auch viele Assis hier“, an dieser Stelle wurde die Musik hochgedreht und die Preisträger mussten die Bühne verlassen.
So weit, so genial, im Saal, auf X, im Liveticker auf „Bild“, wusste man nicht, was von diesem Auftritt nun zu halten war – die Erklärung: Er war eine Art Guerilla-Werbung für RTLs neue Mockumentary (also: fiktive Dokumentation), „Shit Show – Welcome to Reality“. Der Sender will damit zeigen, so rühmt er sich in der Pressemitteilung, dass man „über das lachen kann, was man selbst groß gemacht hat“. Und das Konzept klang durchaus vielversprechend – wer, wenn nicht RTL, kennt alle Tricks und Inszenierungsstrategien von Reality-TV, könnte Insider-Andeutungen machen und zwei Zielgruppen bedienen: die, die Reality-TV hassen, weil es all die Manipulation von Protagonisten und Zuschauern entzaubert – und die, die es lieben, weil man einen spannenden Blick hinter die Kulissen bekommt.
Und so soll in „Shit Show“ die Geschichte der fiktiven Show „Toxic Attraction“ erzählt werden, eine Mischung aus „Love Island“ und „Are You The One“. Die Show besteht aus der Show hinter der Show – in den USA hat das vor rund zehn Jahren schon funktioniert mit „UnReal“: Diese amerikanische Dramaserie zeigte damals unglaublich smart, wie Menschen versuchen, gutes Fernsehen zu machen (in Sachen Reality-TV bedeutet das: maximal skandalisiert, emotionalisiert, dramatisiert und perfekt inszeniert) und dabei irgendwie Mensch zu bleiben – nicht unbedingt ein guter. Die Serie entwickelte einen Sog, auch weil man wusste, dass sie von einer ehemaligen „Bachelor“-Produzentin mitentwickelt wurde.
Was immer wieder die Fragen erlaubte: Was davon passiert hinter den Kulissen einer solchen Show wirklich und was ist Fiktion? „UnReal“ erzählte von der Produktion der fiktiven Dating-Show „Everlasting“ und zeigte, wie Produzenten gezielt Drama erzeugen, Kandidaten manipulieren und Emotionen ausnutzen. Ganz konkret erlebt der Zuschauer mit, wie Protagonistin und Producerin Rachel Goldberg Konflikte inszeniert, Skrupel hat und sie aus beruflichem Ehrgeiz überwindet, die Serie warf Fragen von Moral und Verantwortung von Medien auf, war dabei aber trotzdem humorvoll (wenn auch der Humor recht schwarz war).
Nun also eine deutsche Variante mit „Shit Show“, die leider nicht mithalten kann, obwohl mit RTL als Sender doch alles möglich gewesen wäre. Genau wie „UnReal“ hätte „Shit Show“ eine fiktionale Dramaturgie mit echten Einblicken in die Produktionslogik von Reality- und Datingformaten bieten können – stattdessen bekommt der deutsche Zuschauer eine platt-eindimensionale Version davon.
Jeder Charakter ist eindeutig und ein-facettig positioniert, bei der Story hat man sich offenbar stets für den ersten und einfachsten Gedanken entschieden („Toxic Attraction“ ist in Gefahr, weil die Quoten schlecht sind, also müssen die Kandidaten möglichst viel Sex haben), die Hauptfigur ist Bernd Stromberg nur als TV-Produzent. Oder der Supermarktleiter von „Die Discounter“ nur als TV-Produzent. Die Idee vom narzisstischen und inkompetenten Chef ist langsam müde erzählt, hier wird sie nicht neu erfunden, im Gegenteil. Wer hier blöd ist, ist komplett blöd, wer sympathisch und politisch korrekt ist, ist komplett korrekt. Die Praktikantin ist komplett an „Fack ju Göhte“-Chantal orientiert, der Humor der Serie liegt zwischen Witzen über Dammrisse beim Sex und Geschlechtskrankheiten. Es gibt kleine Glanzmomente, etwa wenn der ostdeutsche Kandidatenbetreuer von Sängerin Kerstin Ott schwärmt und zu „Die immer lacht“ tanzt, leider beschränken sich solche Szenen auf die Nebenfiguren.
Der Reiz eines solchen Formats liegt doch in der doppelten Perspektive: Es wird nicht nur eine Geschichte erzählt, sondern gleichzeitig gezeigt, wie diese Geschichten künstlich erzeugt werden. Die Zuschauer erhaschen einen Blick auf das, was vor der fertigen Folge „Bachelor Prominent Getrennt im Sommerhaus“ steht. Genau dieses „Entzaubern“ erzeugt Spannung, am besten getragen von ambivalenten Figuren, die ihren Job gut machen wollen, in einer Branche, die andauernd Leute entlässt.
„Shit Show“ wollte ein „selbstironischer Blick in den Maschinenraum“ von RTL sein, aber viel zu sehen gibt es da nicht. Statt die Mechanik der Maschinen wirklich offenzulegen oder zumindest klug anzudeuten, bleibt die Serie an der Oberfläche und macht damit genau das, was sie kritisieren will: Sie stereotypisiert, überzeichnet, macht es sich leicht.
Auf der Bühne der Reality Awards sind Realität und Fiktion ineinander aufgegangen, die Inszenierung war so authentisch, dass die Grenzen verschwommen sind. Ein Act zwischen Unterhaltung und Übergriffigkeit, mit Gespür für Timing, Casting und Eskalation. Das ist es auch, was gutes Reality-TV ausmacht. In der Serie bleibt davon nur die Behauptung.
„Shit Show“ im Streaming auf RTL+