Die Fabelzeit beim London-Marathon begeistert die Welt der Leichtathletik. 1:59,30 Stunden für 42,195 Kilometer sind auch eine unfassbare Zeit und der Lauf des Kenianers Sabastian Sawe bei besten Bedingungen in London (11 Grad, leichter Rückenwind, trocken) wird als die Schallmauer durchbrechendes Ereignis erinnerlich bleiben. Was musste er aber dafür tun, welchen Dienst haben ihm die Veranstalter des London-Marathons rund um Ikone Hugh Brasher geleistet? Diese Daten und Wegweiser für den Marathon-Weltrekord werden den ganzen Laufsport womöglich revolutionieren.

Jedes Wunder beginnt mit dem Schuh. Erst vor wenigen Tagen vorgestellt, bricht der Adidas Adizero Adios Pro Evo 3 bereits alle Rekorde. Mit einem Durchschnittsgewicht von simplen 97 Gramm ist er der leichteste Laufschuh, den der deutsche Sportartikelhersteller je entwickelt hat. Er ist das Ergebnis dreijähriger intensiver Forschung, 30 Prozent leichter als sein Vorgänger und laut Hersteller „laufökonomischer“. Mit einer Sohlenhöhe von 39 Millimeter maximiert er Dämpfung und Energierückgabe bei jedem Schritt dank integrierter Carbon-Technologie und besonderem Schaum für die Sohle.

Sabastian Sawe feiert Zeit und Ausrüster.

Sabastian Sawe feiert Zeit und Ausrüster. Reuters / Matthew Childs

Die strategisch platzierte Continental-Gummisohle im Vorfußbereich sorgt für die nötige Traktion bei hohen Geschwindigkeiten, ohne dabei das Gewicht zu beeinträchtigen. Das Design des Obermaterials fand die Inspiration beim Kitesurfen, es soll das schwerelose Tragegefühl vermitteln. Ausgestattet mit dem neuesten Schuhwerk verbesserte Sawe, der alle vier Marathons, bei denen er gestartet ist, auch gewonnen hat, seine persönliche Bestzeit nun um 2:35 Minuten.

Damit man diesen Lauf verstehen und auch richtig im Vergleich zu Eliud Kipchoges Event im Oktober 2019 in Wien deuten kann, bedarf es einiger Hintergrundinformationen. Im Prater war alles genau vermessen für den „Sub-Two“-Lauf, den Kipchoge in 1:59,40 Stunden auch schaffte. Er hatte sieben Tempomacher, von denen jeder nach nur 4,8 km ausgewechselt worden ist. Er folgte alleine einem Tempo-Wagen, der mit der exakt ausgerechneten Geschwindigkeit vor ihm fuhr, ein Laserstrahl hielt beste Route und Tempo aufrecht. Darum gilt dieser Rekord als „inoffiziell“ und ist Sawes-Marke nun der Kassenschlager, weil es in einem Marathon neben 60.000 anderen Startern gelungen ist.

Wie, das ist Brashers Geheimnis, der an diesem Tag gleich zwei Läufer unter zwei Stunden Laufzeit im Ziel empfangen konnte. London aber war vorbereitet mit Temperatur, neu vermessener Strecke, einem Pulk aus Tempomachern, die augenblicklich nach dem Start auf die Zeit achteten und sich im Verlauf des Events unauffällig, aber doch auf die Führenden, vor allem aber Sawe konzentrierten. Sein Durchschnittstempo imponiert: 4:33 Minuten pro Meile (1,60934 km). 2:49 Minuten auf den Kilometer, Speed: 21,178967 km/h, wohlgemerkt im Durchschnitt – womit klar ist, dass auch die Verpflegung perfekt funktioniert haben muss mit positionierten Ständen (Vergleich: Kipchoge wurde von einem Radfahrer begleitet und laufend versorgt; im Marathon selbst gibt es nur eigene Verpflegungsstationen). 14:10 Minuten für fünf Kilometer, 1:00,29 h zur Halbdistanz (Vergleich Wien: Timo Hinterndorfer von DSG Wien gewann in 1:02,58) und 59:01 Minuten im zweiten Split. Sawe war um 65 Sekunden schneller als der bisherige Weltrekord.

Warum der Mensch immer schneller laufen kann, ist auch der Trainingsmethode geschuldet. Gezielter, effektiver, noch mehr Höhentrainings, mitunter auch mit speziellen Atemmasken. Die maximale Sauerstoffaufnahme dieser Athleten ist folglich etwa doppelt so hoch wie die eines jungen, gesunden und untrainierten Mannes, schätzen Wissenschaftler. Mit 80 Prozent dieser Maximalleistung laufen sie, homöostatische Marker wie Körpertemperatur, pH-Wert, Blutgase, Blutzucker- und Laktat bleiben, und das ist der springende Punkt, nahezu auf dem Ruhewert. Sprich: Der Athlet merkt durch Training, Gene und Material die Belastung (fast) nicht. Top-Marathonläufer haben auch eine exzellente Laufökonomie, sie laufen effizient und verbrauchen weniger Sauerstoff als manch Wiener beim Spaziergang.

Was macht Sawe? Sein 10 Tages-Trainingsprogramm
1. Tag: 25 km-Lauf auf Schotter, anschließend 40 km auf Asphalt.
2. & 3. Tag: Jeweils 20 km morgens und 10 km nachmittags.
4. Tag: Intervalltraining – ca. 8–16 km lang.
5. Tag: Regenerationsläufe
6. Tag: Intervalltraining – ca. 18–25 km.
7. Tag: Erholungsläufe
8. Tag: Bergtraining – 12–25 Wiederholungen à 80 m.
9. & 10. Tag: Erholungsläufe.

Marathonzeiten werden auch schneller, weil Athleten früher in ihrer Karriere auf die Straße wechseln statt weiter über 10.000 Meter im Stadion-Kreis zu laufen. Auf den Straßen Londons, Berlins oder New Yorks ist mehr Geld zu verdienen, dazu locken Ausrüsterverträge, womit der verstärkte Einsatz auch erklärt ist. Auch finden die populären Rennen weltweit zu angenehmen, kühleren Tages- und Jahreszeiten – speziell auf flachen oder mitunter berglaufenden Strecken – statt.

Dass ungeachtet all dessen das Doping-Gespenst nicht übersehen werden darf, versteht sich von selbst. Negative Machenschaften sind stets Folge- und Begleiterscheinung im Streben nach Revolution. Der Körper wird kontrolliert, gibt es diese Limits irgendwann aber auch für Material und Technologie? Schwimmern wurde schließlich auch ab einer gewissen Zeitzone der Ganzkörperanzug gestrichen – wo ist also die Grenze, zu der der Marathonläufer drängt?