Impfpass Reise

Reiseimpfungen im Spannungsfeld globaler Ausbrüche

Die reisemedizinische Beratung steht zunehmend vor der Herausforderung, dynamische Ausbruchsgeschehen und neue Impfstoffdaten einzuordnen. Prof. Dr. Tomas Jelinek stellte auf dem DGIM 2026 zentrale Entwicklungen der globalen Seuchenlage vor und leitete daraus konkrete Empfehlungen für die Impfprävention ab.

Frühsaisonale Risiken in Europa

Bereits ohne Fernreise bestehen relevante Infektionsrisiken. Die Aktivität von Zecken nimmt frühzeitig zu, wodurch neben der häufig diskutierten Lyme‑Borreliose auch die Frühsommer‑Meningoenzephalitis (FSME) an Bedeutung gewinnt. 

Die jährlich publizierten Karten zu Risikogebieten können zu Fehleinschätzungen führen, da auch außerhalb ausgewiesener Regionen Erkrankungsfälle auftreten. Niedrige Impfquoten selbst in definierten Risikogebieten unterstreichen den bestehenden Handlungsbedarf.

Masern und Impflücken nach der Pandemie

Weltweit wird wieder ein deutlicher Anstieg von Masern beobachtet. Ursache sind unterbrochene Impfprogramme während der COVID-19-Pandemie, die zu relevanten Impflücken geführt haben. Masern stellen damit auch für Europa wieder ein relevantes Reiserisiko dar. Vor Reisen sollte daher konsequent der Impfstatus überprüft und bei Bedarf vervollständigt werden.

Asiatische und australische Infektionsrisiken

Die Japanische Enzephalitis bleibt insgesamt selten, ist jedoch aufgrund hoher Letalität und möglicher bleibender neurologischer Schäden klinisch bedeutsam.

Neu ist die Ausbreitung in weitere Regionen Australiens. Dies ist insbesondere für Reisende mit längeren Aufenthalten in ländlichen Regionen oder bei Work-and-Travel-Programmen relevant. Wirksame Impfstoffe stehen zur Verfügung.

Gelbfieber: Alter versus Immunkompetenz

Bei der Gelbfieberimpfung wird weiterhin eine differenzierte Nutzen‑Risiko‑Abwägung empfohlen. 

Aktuelle Daten sprechen gegen eine starre Altersgrenze von 60 Jahren. Entscheidend ist weniger das kalendarische Alter als die individuelle Immunkompetenz.

Eine routinemäßige Auffrischimpfung nach 10 Jahren wird durch die Evidenz nicht gestützt, kann jedoch aufgrund länderspezifischer Einreisebestimmungen erforderlich sein.

Dengue: Neue Impfstoffgeneration verändert Empfehlungen

Dengue zählt zu den häufigsten Reisekrankheiten weltweit. Nach starker Einschränkung der Indikation des früheren Impfstoffs steht seit Ende 2022 ein neuer lebend-attenuierter tetravalenter Impfstoff mit günstigem Sicherheitsprofil zur Verfügung.

Die bisherige restriktive Impfstrategie wird vor diesem Hintergrund neu bewertet. Die Indikationsstellung könnte künftig breiter gefasst werden, bleibt jedoch abhängig von Exposition, Reisedauer und individuellem Risiko.

Chikungunya und weitere relevante Impfungen

Chikungunya tritt typischerweise in epidemischen Wellen auf und hat zuletzt im Indischen Ozean und in Südostasien an Bedeutung gewonnen.

Neue Impfstoffe stehen zur Verfügung, deren Einsatz individuell abgewogen werden sollte.

Ergänzend bleibt die Überprüfung weiterer Standard- und Reiseimpfungen essenziell, insbesondere:

Auch neue Entwicklungen bei Mpox und Malaria wurden diskutiert, unterstreichen jedoch vor allem die Dynamik der globalen Infektionslage.

Bedeutung für die klinische Praxis

Die reisemedizinische Prävention erfordert eine kontinuierliche Anpassung an epidemiologische Veränderungen. Starre Empfehlungen verlieren zunehmend an Bedeutung.

Entscheidend ist eine individuelle, risikoadaptierte Impfberatung unter Berücksichtigung von Reiseziel, Aufenthaltsdauer und persönlichen Risikofaktoren.

Fazit

Die globale Seuchenlage bleibt in Bewegung und beeinflusst die reisemedizinische Beratung direkt. Neue Impfstoffe und veränderte epidemiologische Muster erfordern ein Umdenken weg von standardisierten Empfehlungen hin zu einer individualisierten Prävention.

Eine sorgfältige Impfberatung bleibt der wichtigste Baustein, um Reisende wirksam vor vermeidbaren Infektionskrankheiten zu schützen.