Nachruf. Er war ein Toptorhüter, doch fern der Stadien fühlte sich Alexander Manninger sicherer. In Maxglan wird er am Dienstag zur Verabschiedung aufgebahrt.
Es sind die kleinen Augenblicke, die von ganz großen Karrieren zeugen und sie unvergessen machen. Arsenal-Coach Arsène Wenger staunte, als plötzlich der junge „Presse“-Journalist in Begleitung des brillanten Gepa-Fotografen Daniel Raunig († 2023) vor dem Kabinenausgang des Kapfenberger Fußballstadions stand und ihm vollkommen unbekümmert einige Fragen stellte, dazu einen Wunsch äußerte. Das eigentliche Interesse galt ja nicht ihm, sondern einem Österreicher. Am 1. August 2001 war das möglich, Kontrollen liefen unbürokratischer ab und jeden Kontakt kategorisch ausschließende PR-Betreuer waren noch keine in Sicht. Es war ein Testspiel, aber der Kracher Arsenal Gunners gegen AS Roma (Tageskarte 250 Schilling) verlangte zwingenden Extraeinsatz. Und dann geschah tatsächlich das Unglaubliche, Wenger nickte. „You want to talk to Alex Manninger? Yes, there. But please, hurry up. The game is about to start . . .“ Dann stand der Salzburger da, grinste, seine roten Backen strahlten und er plauderte bis kurz vor Anpfiff über sein Leben in der Premier League, den märchenhaften Aufstieg vom GAK zu den Gunners, Ziele, das Wesen des Torhüter-Daseins, dem als zweiten Mann (hinter David Seaman) oft nur die Bank vergönnt sein sollte. Und doch, „als Teamplayer“, der Manninger tatsächlich war, „nimmst du das immer in Kauf. Fußball ist ja ein Mannschaftssport.“
Kapfenberg war auch der Ort, wo für ihn in Wahrheit alles erst so richtig begann. Im Trikot des GAK (Trainer Gustl Starek) zog er im Oktober 1996 als Ersatz für Franz Almer den Stars von Inter Mailand (Coach Roy Hodgson) den Nerv mit seinen Paraden. Schon als „Held von San Siro“ gepriesen, wuchs Manninger mit Reflexen und Sprüngen über sich hinaus. Einer, der auch später nie große Töne spucken sollte, war plötzlich die Lichtgestalt. Und der öffnete Wenger 1997 die Tür in die große Fußballwelt. Der Torhüter wechselte für 15 Millionen Schilling Ablöse in die Premier League, er war der erste Österreicher in der höchsten englischen Liga.

Nur 33 Länderspiele bestritt Alex Manninger. Reuters / Dominic Ebenbichler
Die Gunners feierten 1998 das Double, Manninger kam in dieser Saison auf zwölf Einsätze in Liga und FA-Cup. Im März 1998 war der Salzburger „Spieler des Monats“. Einer, der von Austria Salzburg mit Absegnung von Otto Baric 1995 noch an Steyr verliehen worden war, um Spielpraxis zu sammeln, war da die Nummer 1 von England. Weil aber, wie so oft in seiner Karriere, Leistungen schwankten, manch Ball davonflutschte oder ihn immer wieder eine Verletzung plagte, platzte Wengers Vision, ihn als Seaman-Nachfolger zu installieren. Tage später nach dem Talk in Kapfenberg wechselte der Österreicher zu AC Florenz, und damit begann seine Reise durch ganz Fußball-Europa.
2002 sicherte er sich in Eigenregie einen Vierjahresvertrag bei Espanyol Barcelona, für eine stattliche Summe wurde er aufgrund von „Missverständnissen“ aufgelöst. Im Jänner 2003 hütete Manninger das Tor des FC Turins, um im Sommer zum FC Bologna weiterzuziehen und prompt an AC Siena weiterverliehen zu werden. Im Juli 2005 kehrte er nach Salzburg und im Jahr darauf wieder zu Siena zurück. 2008 wurde Manninger von Salzburg für etwa 1,8 Millionen Euro an Udinese Calcio verkauft, um kurz darauf für 2,5 Millionen Euro bei Rekordmeister Juventus Turin (Vierjahresvertrag) als zweiter Keeper hinter Gianluigi Buffon anzuheuern. Weil die Ikone verletzt war, kam der Österreicher im Land des Calcio, im Auftrag der „Alten Dame“ zum Zug: Er wurde von der „Gazzetta dello Sport“ zum besten Torhüter der Hinrunde der Serie A gekürt. Ein Adelsprädikat. Dass Jürgen Macho und nicht er im ÖFB-Tor (nur 33 Länderspiele) bei der Heim-EM stand, ist bis dato schwer erklärbar.
Manningers Weg führte auch noch nach Augsburg und zum FC Liverpool, dessen Angebot er nicht ausschlagen konnte. Dritter Keeper für ein Jahr; Jürgen Klopp fand eben die richtigen Worte, um den stillen, aber extrem stilsicheren Torwart noch einmal zu überzeugen und sein Wissen an jüngere Semester weiterzugeben. Am 25. Mai 2017 erklärte er nach 22 Profi-Jahren kurz vor seinem 40. Geburtstag den Rücktritt und widmete sich fortan in Salzburg nur noch seiner Familie (verheiratet, zwei Kinder), unermüdlich dem Golfball und dem Finden der richtigen Fischköder.
Es wurde noch ruhiger um den, der das Rampenlicht nie gesucht und darum auch alle Angebote, als TV-Experte oder Kolumnist aufzutauchen, dankend abgelehnt hatte. Er liebte eben den Fußball, aber nicht das Spiel mit ihm dahinter.

Allianz Stadion, Turin: Mit einem Kranz gedachte Juventus dem ehemaligen Torhüter. Reuters / Alessandro Garofalo
Als am 16. April die Meldung eintraf, dass in der Gemeinde Nußdorf am Haunsberg ein Ex-Fußballer beim Überqueren einer Eisenbahnkreuzung in seinem Wagen ums Leben kam, war schnell klar, um wen es sich handelte. Manninger verunglückte laut Polizeiangaben um 8.20 Uhr beim Überqueren dieses Bahnüberganges, er war einmal mehr auf dem Weg zu den Fischteichen gewesen. Es löste eine breite Welle der Betroffenheit aus, bei jedem seiner ehemaligen Klubs wurde dem Österreicher gedacht. Bei Arsenal gab es sogar im Fan-Shop kurzfristig sein Trikot wieder mit der Rückennummer 13, bei Juventus trugen sie alle Spieler in einer Partie. Buffon verabschiedete sich auf Instagram: „Jedes Wort ist überflüssig. Jede Träne wäre nur eine weitere wegen des Verlusts eines Freundes und eines Menschen, den ich immer bewundert habe.“ Der Weltmeister von 2006 schätzte Manninger, als Kollegen, Freund – vor allem für sein Leben fern der Stadien. „Du hast dich dafür entschieden, dich von der Sucht nach der Welt des Fußballs unabhängig zu halten und dein Glück in den einfachen Dingen zu suchen: ein gesundes Leben in den Wäldern, Angeln, Natur, Familie. Das war dein Credo. Du hast eine aufrechte Haltung bewahrt.“
Ähnliche Worte fand David Seaman. „Du warst ein unglaublicher Torhüter, Teamkollege und ein großartiger Anglerfreund. Die Welt hat ein Paar sichere Hände verloren.“

Juventus-Legenden Gianluigi Buffon, Leonardo Bonucci, Giorgio Chiellini und Claudio Marchisio legten den Kranz im Stadion nieder für Alexander Manninger. Reuters / Alessandro Garofalo
In den kommenden Tagen wird Manninger im engsten Familienkreis beigesetzt. Am heutigen Dienstag erhalten Fans und Wegbegleiter aber noch die Möglichkeit, Abschied zu nehmen. Alexander Manninger wird von 9 bis 20 Uhr in der Aussegnungshalle im Salzburger Stadtteil Maxglan aufgebahrt.
Champions League
Arsenal steht im Halbfinale und trifft am Mittwoch auf Atlético Madrid (Canal+, live 21 Uhr). Der Ex-Klub von Alexander Manninger stand 2006 im Finale, konnte diesen Bewerb aber noch nie gewinnen.
Titelverteidiger Paris SG empfängt am Dienstag Bayern München (21 Uhr). Der FCB muss im Parc des Princes auf Meistertrainer Vincent Kompany verzichten nach der dritten Gelben Karte,
Lesen Sie mehr zu diesen Themen: