27. April 2026
Marcel Kunzmann

Polen rüstet massiv auf – mit hohem Haushaltsdefizit
(Bild: FotoDax/Shutterstock.com)
Polen hat 2025 seine Militärausgaben um 23 Prozent erhöht und führt damit die Nato an. Doch das Defizit explodiert. Jetzt sucht Warschau Hilfe in Brüssel.
Polen gibt mehr für Verteidigung aus als jedes andere Nato-Mitglied gemessen am Anteil am Bruttoinlandsprodukt. Angesichts eines aufgeblähten Haushaltsdefizits sucht Finanzminister Andrzej Domanski nun gemeinsam mit den baltischen Staaten nach zusätzlichen europäischen Finanzierungsinstrumenten.
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Die weltweiten Militärausgaben sind 2025 um 2,9 Prozent auf einen Rekordwert von 2,887 Billionen US-Dollar gestiegen. Das geht aus einem am Montag veröffentlichten Bericht des Stockholmer Sicherheits-Thinktanks Sipri hervor. Den stärksten Zuwachs verzeichnete Europa, wo die Ausgaben um 14 Prozent auf 864 Milliarden US-Dollar kletterten – laut Sipri der schnellste Anstieg seit dem Ende des Kalten Krieges.
Polen stach dabei besonders hervor: Das Land steigerte seine Militärausgaben um 23 Prozent auf 46,8 Milliarden US-Dollar, was 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) entspricht – dem höchsten Wert innerhalb der Natoim Jahr 2025. Für 2026 plant Warschau, diesen Anteil auf 4,8 Prozent des BIP zu erhöhen. Polen belegt damit weltweit Rang 14 bei den Militärausgaben gemessen am BIP-Anteil.
Koalition für neue Finanzierungsquellen
Der steigende Rüstungsetat bringt Polen jedoch in eine schwierige Haushaltslage. Das Haushaltsdefizit des Landes ist 2024 auf 7,3 Prozent der Wirtschaftsleistung angewachsen – mehr als doppelt so hoch wie die EU-Richtlinie von 3 Prozent. Finanzminister Andrzej Domanski erklärte gegenüber Bloomberg, dass Verteidigungsausgaben trotz des hohen Defizits oberste Priorität der Regierung bleiben.
Um den Haushalt nicht weiter zu belasten, sucht Domanski aktiv nach zusätzlichen Finanzierungsquellen auf europäischer Ebene. Am Freitag einigten sich Domanski und seine Amtskollegen aus den drei baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland in Vilnius auf eine engere Zusammenarbeit bei der Verteidigungsfinanzierung.
„Wir bauen eine große, breite Koalition auf, weil wir frisches Geld und neue Ressourcen brauchen“, sagte Domanski am Rande einer Konferenz in der litauischen Hauptstadt. „Unsere Verteidigungsausgaben sind enorm. Deshalb brauchen wir mehr europäische Solidarität und neue Instrumente.“
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Konkret plant die Koalition, gemeinsam bei der EU für mehr Unterstützung zu werben und zinsgünstige Kredite auch außerhalb des Blocks zu erschließen. Polen ist bereits der größte Nutznießer des EU-Kreditprogramms „Security Action for Europe“ (SAFE), das ein Volumen von 150 Milliarden Euro (rund 176 Milliarden US-Dollar) umfasst und Kredite für Rüstungskäufe bereitstellt.
Domanski bezeichnete SAFE als „einen Schritt in die richtige Richtung“, betonte jedoch, dass die Sicherheitslage seines Landes zusätzliche Instrumente erfordere. Laut einem Bericht der Financial Times befindet sich Domanski zudem in Gesprächen über eine gemeinsame Finanzierungs- und Beschaffungsinitiative der Niederlande, Großbritanniens und Finnlands, den sogenannten Multilateral Defense Mechanism.
Polens Ministerpräsident Donald Tusk erklärte am Freitag, dass die EU-Staats- und Regierungschefs in Brüssel bereit seien, Buchführungsstandards so anzupassen, dass Verteidigungsausgaben einschließlich der SAFE-Mittel das Haushaltsdefizit nicht zusätzlich erhöhen würden.
Haushaltsdruck und Wachstumshoffnung
Die Haushaltslage Polens bleibt angespannt. Die Schuldendienstkosten des Landes dürften laut dem jüngsten Schuldenmanagementbericht des Finanzministeriums von 2,2 Prozent des BIP in diesem Jahr auf bis zu 2,7 Prozent im Jahr 2029 steigen.
Die Rendite polnischer zehnjähriger Staatsanleihen ist 2026 bereits um 40 Basispunkte gestiegen. Hinzu kommt, dass mit Blick auf die im nächsten Jahr anstehende Parlamentswahl einige Investoren befürchten, die Regierung könnte die Ausgaben zur Wählergewinnung ausweiten statt das Defizit zu senken.
Domanski räumte ein: „Natürlich können wir kein Defizit von 7 Prozent aufrechterhalten.“ Die Regierung unternehme Schritte, um die Lücke zu schließen, ohne jedoch Details zu nennen. Gleichzeitig verwies er auf das robuste Wirtschaftswachstum: Gespräche mit Investoren hätten gezeigt, dass „alle auf unser Wirtschaftswachstum schauen“, das in diesem Jahr 3,5 bis 3,7 Prozent betragen soll.
„Wir müssen alles tun, um das Tempo zu halten“, so der Minister. Neue Finanzierungsinstrumente seien auch deshalb wichtig, weil sie die Finanzierungskosten des Landes senkten: „Deshalb wollen wir eine Koalition aufbauen.“
Europa rüstet auf – USA fahren Ausgaben zurück
Der Anstieg der europäischen Verteidigungsausgaben ist laut Sipri vor allem auf den Krieg in der Ukraine und die Unsicherheit über die US-Sicherheitsgarantien für europäische Nato-Mitglieder zurückzuführen. Der Anstieg in Zentral- und Westeuropa war der schnellste seit dem Ende des Kommunismus, während die Ausgaben der europäischen Nato-Mitglieder insgesamt schneller stiegen als zu irgendeinem Zeitpunkt seit 1953.
Unter den weiteren europäischen Ländern verzeichnete Belgien den größten prozentualen Zuwachs mit einem Anstieg von 59 Prozent auf 14,5 Milliarden US-Dollar. Spanien steigerte seine Ausgaben um 50 Prozent auf 40,2 Milliarden US-Dollar und überschritt damit erstmals seit 1994 die Marke von 2 Prozent des BIP. Deutschland erhöhte seine Militärausgaben um 24 Prozent auf 114 Milliarden US-Dollar und ist damit zum viertgrößten Militärausgeber weltweit aufgestiegen.
Russland steigerte seine Militärausgaben auf 190 Milliarden US-Dollar, was 7,5 Prozent des BIP entspricht. Die Ukraine gab 84,1 Milliarden US-Dollar aus, was 40 Prozent des BIP ausmacht. Sipri zufolge erreichten die Militärausgaben gemessen am BIP in beiden Ländern Rekordwerte.
Im Gegensatz zum europäischen Trend sanken die US-Militärausgaben um 7,5 Prozent, was Sipri vor allem darauf zurückführt, dass anders als in den Vorjahren keine neuen Militärhilfen für die Ukraine genehmigt wurden. Die USA blieben mit 954 Milliarden US-Dollar dennoch der weltgrößte Militärausgeber. Die 32 Nato-Mitglieder zusammen gaben 1,581 Billionen US-Dollar für ihre Streitkräfte aus, was 55 Prozent der weltweiten Militärausgaben entspricht.