Wer noch Zweifel an der Bedeutung der chinesischen Autoindustrie hat, dem sei der Besuch der Auto China 2026 in der Hauptstadt Beijing angeraten. Die Dominanz neuer Marken ist erdrückend, die Rolle der bekannten europäischen, japanischen und koreanischen sowie US-amerikanischen Autohersteller verkommt zu einer Statisten-ähnlichen.
„Wir essen nicht alles“, bewertet launisch der chinesische Reiseführer mit dem eingedeutschten Namen Martin die von seinen Landsleuten gepflogene Nahrungsaufnahme, dabei bewusst mit einem der Stereotypen spielend, die Europäer von Chinesen und deren angeblichen Einstellung gegenüber Lebensmitteln haben. Das Gelächter der ihm folgenden Autohändler, Autoverkäufer und Motorjournalisten aus Österreich war ihm beim Gang durch die Verbotene Stadt von Beijing, dem Areal des Kaiserpalasts, sicher. So sicher wie das Staunen über die chinesische Automobilindustrie, die in diesen Tagen im Rahmen der Auto China 2026 zeigt, wozu sie in der Lage ist – nämlich die traditionsreichen Hersteller aus Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Südkorea, Japan und Nordamerika kräftig unter Druck zu setzen.
Als seriennahes Concept Car konzipiert: der Smart #2.
© Markus Höscheler
Während Dutzende Marken aus China, die wenigsten sind diesseits des Urals bekannt, mit großen Messeständen und enormem Aufwand ihre neuesten Produkte, Entwürfe und bestehende Modellpalette anpreisen, treten die anderen fast unkenntlich in den Hintergrund. Selbst Prestige-Labels wie Porsche erhalten für ihre zurückhaltende Weltpremiere des Cayenne Coupé Electric verhältnismäßig wenig Aufmerksamkeit.
Nicht viel besser geht es den Schwestermarken von VW und Audi, dem schwäbischen Konkurrenten Mercedes oder dem Münchner Konzern BMW, der mit dem überarbeiteten 7er angereist ist. Sie sind da, aber nicht viel mehr als Lückenfüller.
BMW hat seine 7er-Reihe überarbeitet.
© Markus Höscheler
Im Vergleich dazu nehmen BYD, Geely, Chery, Great Wall, SAIC, BAIC und einige andere mit ihren Submarken und Joint Ventures viel Raum ein am Areal des großzügig angelegten International Exhibition Centers im Nordosten der 22 Millionen Einwohner zählenden Metropole. Selbstbewusst, bunt, laut und mit dem Fokus auf modernes Design, innovative Antriebe (bevorzugt Elektromotoren), Software – Integration der Künstlichen Intelligenz ist hier das Stichwort – und eine wertige Innenraumanmutung zeigen sie, dass sie von den einstigen Meistern aus dem Westen gelernt haben und dabei sind, sie zu übertreffen. Daran zu zweifeln, hieße, die Realität auszublenden.
Geht es um schnelles Laden, gibt China den Ton an. BYD zeigt, wohin die Reise geht. Innerhalb weniger Minuten sind die neuen Akkus gefüllt, zudem robust gegenüber winterlichen Temperaturen.
Porsche zeigte erstmals das vollelektrische Cayenne Coupé.
© Markus Höscheler
Selbst bei den Vermarktungstechniken scheint es nichts mehr zu geben, was chinesische Unternehmen vom Westen lernen könnten: Das Besetzen von Nischen, moderne Werbekampagnen, die Erfindung neuer trendiger Marken belegen das. Dazu kommt, dass der Wettbewerb im Reich der Mitte derart zugenommen hat, dass der Exportdruck, also das Erobern fremder Märkte, an Bedeutung gewonnen hat.
Genau das erklärt etwa die Präsenz des Doppellabels Jaecoo/Omoda, einer jungen Kreation von Chery Automobile, die nur für Exportmärkte vorgesehen ist. Mit ihrem jugendhaften Auftritt haben es Jaecoo und Omoda geschafft, innerhalb von drei Jahren eine Million Einheiten weltweit abzusetzen. Genau dies feiert Chery derzeit in der Umgebung der Auto China 2026 – und steckt sich dabei neue, noch ehrgeizigere Ziele. Den Verkauf der nächsten Million Einheiten sollen Jaecoo und Omoda wiederholen, dieses Mal innerhalb der kommenden zwölf Monate.
BYD zeigte den Tang-Nachfolger Sealion 8.
© BYD
Hierbei helfen dürfen die neuen Produkte, die den bisher am Markt präsenten Modellen Omoda 5, Jaecoo 7 und Omoda 9 folgen. Geplant sind in Kürze der Jaecoo 5 (E-Auto), der Siebensitzer Omoda 8 (vor Weihnachten 2026) und der in Beijing Weltpremiere feiernde Omoda 4, ein 4,42 Meter langes Kompakt-SUV. Dessen Produktion beginnt voraussichtlich im September, die Markteinführung in Österreich ist nach Jahreswechsel vorgesehen. Dann dürften Hybridantrieb und Elektroversion in den Handel gelangen, mitunter auch ein reiner Benziner.
Nicht nur Jaecoo und Omoda verfolgen ehrgeizige Ziele weltweit (und somit auch in Österreich: In den vergangenen Tagen wurde bekannt, dass Geely mit der Eigenmarke bald in der Alpenrepublik den Handel beginnen will, Selbiges ist von einer weiteren Chery-Tochtermarke, nämlich iCaur, offiziell geworden. In Lauerstellung soll sich darüber hinaus Xiaomi befinden. Damit dürfte klar werden: Der ohnehin schon dynamische Automarkt in Österreich (und anderswo) wird noch mehr Bewegung erfahren. Viele neue Marken werden kommen, manche (alten) wohl verschwinden. Chinesen essen nicht alles – aber sie sind mitunter sehr hungrig. Ein umgefallener Reissack, um ein anderes Klischee zu bemühen, wird da nicht genügen.