Wiener Börse. Die Euphorie des Vorjahres ist ein wenig abgeflaut. Doch sehen Fondsmanager in Österreich Turnaround-Kandidaten, die von einem Ende des Iran-Krieges stark profitieren könnten.
Wien. Im Vorjahr hat der heimische Aktienmarkt endlich wieder so richtig aufgezeigt: Der Wiener Leitindex ATX ist um gut 45 Prozent gestiegen und hat damit die US-amerikanischen und auch viele europäische Indizes bei Weitem in den Schatten gestellt. Heuer betrug das Plus bis dato relativ moderate acht Prozent. Die allgemeine Unsicherheit rund um den Iran-Krieg dämpft auch hierzulande die Begeisterung. Hinzu kommt, dass einige Kurstreiber des Vorjahres weggefallen sind. Kann der Index heuer trotzdem die Schwelle von 6000 Punkten erreichen?
Im Vorjahr kamen mehrere Faktoren zusammen, die den ATX so kräftig steigen ließen, stellte Bernhard Haas, Fondsmanager des Erste Stock Vienna, bei einer Diskussion des Finanzjournalistenforums am Dienstag fest. Die Banken, die im ATX große Schwergewichte darstellen, hätten vom guten Zinsumfeld und dem Kreditwachstum profitiert, Österreich habe den großen Bewertungsabschlag zu Firmen aus Deutschland oder Frankreich ein wenig abgebaut. Das lasse sich heuer nicht wiederholen. Hinzu komme der Iran-Krieg. Der Markt reagiere derzeit noch relativ wenig auf die hohen Ölpreise, das könnte sich aber ändern, wenn die Ölpreise länger hoch bleiben sollten, meinte Paul Pichler, Fondsmanager des LLB Aktien Österreich.
So ist etwa die Aktie der OMV, beflügelt von den hohen Ölpreisen, seit Jahresbeginn um 23 Prozent gestiegen, doch gibt es Förderrückgänge, und der geplante Börsengang der Chemie-Tochter Borouge, eines Joint-Ventures mit der Adnoc aus Abu Dhabi, musste verschoben werden. Insgesamt sei das Umfeld für die OMV aber nicht schlecht, sagt Haas. Der Wert des Borouge-Anteils ist seiner Meinung nach derzeit nicht voll eingepreist. Pichler sieht in dem Caterer Do&Co einen Turnaround-Kandidaten. Das Unternehmen ist mit einem Minus von 15 Prozent in das Jahr gestartet. Vom Kriegsausbruch wurde es härter getroffen als viele europäische Airlines. Auch Wienerberger – die Aktie des Ziegelherstellers hat seit Jahresbeginn um 17 Prozent nachgegeben – könnte Aufwärtspotenzial haben, wenn die Energiepreise wieder sinken. Von einem Ende des Ukraine-Kriegs und dem dann folgenden Bauboom könnte Wienerberger ebenso profitieren, ähnlich wie auch der Kranhersteller Palfinger, meint Haas.
Auch wenn das Umfeld nicht mehr so gut ist wie vor einem Jahr, schließen beide Fondsmanager zumindest nicht aus, dass die 6000 Punkte heuer erreicht werden. Vor 20 Jahren kannte der ATX kein Halten: 2004 übersprang er erstmals die Marke von 2000 Punkten, 2005 erklomm er den Dreitausender, 2006 den Viertausender. Ob im Jahr 2007 die Schwelle von 5000 Punkten übersprungen wurde, ist Ansichtssache: Auf Schlusskursbasis ist das nicht passiert, aber innerhalb des 9. Juli sprang das Wiener Börsenbarometer einmal kurz über diese Schwelle, um gleich wieder zurückzufallen. Auf Schlusskursbasis sollten die 5000 Punkte erst 18 Jahre später, im Jahr 2025, übersprungen werden.
Zuletzt notierte der Index bei 5800 Punkten. Bestperformer seit Jahresbeginn ist der Leiterplattenhersteller AT&S, der sowohl vom KI-Boom als auch seiner eigenen Turnaround-Story profitiert. Die Aktie hat sich heuer fast verdreifacht. Das Unternehmen hat die Produktion in Malaysia erfolgreich gestartet und seine Kundenstruktur diversifiziert und bringt seine High-End-IC-Substrate (Verbindungselemente) besonders gut an den Kunden. Pichler glaubt, dass diese positiven Faktoren inzwischen eingepreist sind. Haas meint indes, dass der gesamte Sektor gehypt werde, AT&S stehe da nicht allein da. Mit einem Börsenwert von knapp 3,6 Milliarden Euro ist AT&S aber ein Zwerg, Nvidia ist mit fünf Billionen Dollar mehr als tausendmal so groß. Mehr als zehn Milliarden Dollar schwer sind im ATX nur Erste Group, Verbund, OMV, RBI, Bawag und Strabag.
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